Postwagen: Konkurrenz belebt die Gastronomie

Von: Dirk Müller
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Seit einem Vierteljahrhundert ist Uschi Breier die Seele der Altstadtkneipe Postwagen. Freitag feiert sie mit ihren Gästen das 25-Jährige. Foto: D. Müller

Stolberg. Der Postwagen ist eine Institution in Stolberg. Seit 1887 Gasthaus trägt die Kneipe seit 1927 den Namen „Postwagen“. In Relation gesehen ebenso beeindruckend ist, dass Ursula „Uschi“ Breier seit einem Vierteljahrhundert die Geschicke der Gaststätte leitet und damit eindeutig zum engsten Kreis der dienstältesten Gastwirte in der Kupferstadt zählt.

Freitagabend feiert Breier mit ihren Gästen das 25-Jährige im Postwagen, der für viele Stolberger ganzjährig und vor allem im Karneval nicht aus der Altstadt wegzudenken ist. Dirk Müller sprach mit ihr über die Entwicklung in der Gastronomie, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Postwagens.

Wie sind Sie von Erkelenz in unsere Region gelangt?

Breier: Durch den Beruf meines Vaters zog unsere Familie zunächst nach Aachen-Burtscheid. Nachdem ich in meinem gelernten Beruf als Fachverkäuferin gearbeitet habe, eröffnete ich 1986 in Aachen-Laurensberg meine erste Gaststätte „Zur Post“.

Und wie ist für Sie aus der „Post“ in Laurensberg der „Postwagen“ in Stolberg geworden?

Breier: Als der Pachtvertrag für das Lokal „Post“ auslief, konnte mich der Geschäftsführer einer Brauerei, der auch in Laurensberg gewohnt hat, überzeugen, den Postwagen in Stolberg zu übernehmen. Und gleich zu Beginn meiner Stolberger Zeit kam der große Schock.

Was war das für ein Schock?

Breier: Es war Golfkrieg, und Karneval drohte abgesagt zu werden. Und der Fastelovvend war und ist nach wie vor die wichtigste weil umsatzstärkste Zeit im Jahr für die Kneipen. Es ist mir ganz schön mulmig geworden, und ich dachte, dass gleich mein Einstand im Postwagen misslingen würde. Aber dann kam es ganz anders als befürchtet.

Obwohl der Straßenkarneval ausfiel?

Breier: Ja, denn das Stolberger Karnevalskomitee und die Gesellschaften hatten entschieden, den Sitzungs- und Saalkarneval wie gehabt stattfinden zu lassen. Das war sehr wichtig für mich, denn es bedeutete, vor und nach den Veranstaltungen war der Postwagen voll. Und sogar am Rosenmontag waren die Stolberger Jecken auch ohne Karnevalsumzug in bester Feierlaune und die Altstadtkneipen waren sehr gut gefüllt.

Wie sehen Sie es als Gastwirtin, dass ein großes Festzelt auf dem Kaiserplatz an den Tollen Tagen die Massen anzieht?

Breier: Das Zelt ist nun mal da, und es gehört mittlerweile zum Stolberger Karneval. Eine Konkurrenz zwischen den Kneipen und dem Zelt ist meiner Meinung nach faktisch nicht mehr vorhanden, weil es für alle Narren, die in der Innenstadt Karneval feiern möchten, gar nicht mehr genügend Kneipen gibt. Ohne Zelt würden etliche Jecken nicht in die verbliebenen und an den Tollen Tagen übervollen Kneipen passen und buchstäblich auf der Straße bleiben müssen.

Wünschen Sie sich mehr Kneipen in Stolberg? Nicht nur an Karneval...

Breier: Theoretisch auf jeden Fall, denn ein größeres Angebot zieht auch mehr Leute an. Man kann die Runde machen und von Kneipe zu Kneipe um die Häuser ziehen. In der Gastronomie gilt ganz besonders: Konkurrenz belebt das Geschäft. Deswegen befürworte ich auch die neu entstehende Gastronomie auf dem Kaiserplatz. Was die reinen Schankgaststätten angeht, ist ein vielfältiges und großes Angebot allerdings Theorie, und das Problem ist die Praxis.

Worin sehen Sie die Probleme?

Breier: Niemand betreibt eine Kneipe einfach nur aus Hobby. Es ist und bleibt ein Geschäft und muss sich dementsprechend rechnen. Und heutzutage ist es schwierig, eine Kneipe neu zu etablieren. So schön eine belebtere Gaststätten-Landschaft in der Innenstadt auch wäre – für mehr Kneipen würden wahrscheinlich die Gäste fehlen.

Ist die Entwicklung in der Gastronomie denn rückläufig?

Breier: Ich glaube es ist eher einer gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet. Für sehr viele Menschen sind heute die berufliche Verantwortung und der Druck höher als vor Jahren. Das macht sich in den Kneipen an den Abenden der Wochentage immer mehr bemerkbar. Viele, die am nächsten Morgen arbeiten müssen, gehen am Abend zuvor nicht in die Kneipe. Ich bin sehr froh, im Postwagen noch einige Stammtische zu haben, die diese ruhigen Abende etwas auffangen.

Spielt das Rauchverbot in den Kneipen eine Rolle bei der negativen Entwicklung?

Breier: Leider ja. Das Rauchverbot ist für alle reinen Schankwirtschaften, also Kneipen, die nur Getränke und keine Speisen im Angebot haben, wirklich ein großes Problem. Im Winter ein sehr großes. Ich kenne keine Kneipe, die nicht darunter leidet, und schon gar keine, die durch neue nichtrauchende Gäste die Umsatzeinbußen auffangen kann. Mir ist nicht ein einziger Nichtraucher bekannt, der seit dem Rauchverbot in Kneipen geht, die er vorher nicht besucht hat, als noch geraucht wurde. Das Ganze ist in meinen Augen eine Farce. Es ist ein Unding, dass erwachsene Menschen derart entmündigt werden. Die Gastwirte als Hausherren werden bevormundet, und den Gästen wird einfach vorgeschrieben, was sie in ihrer Freizeit zu tun beziehungsweise zu lassen haben.

Wie lange werden Sie noch die Wirtin des Postwagens sein?

Breier: So lange, bis die Nachfolge gut geregelt ist. Ich will den Postwagen und vor allem meine Gäste in guten Händen wissen. Das ist allerdings nicht so einfach – nicht nur wegen der wirtschaftlichen Situation in der Gastronomie. Es liegt auch daran, dass kleinere Kneipen wie der Postwagen sehr personenbezogen funktionieren. Es freut mich natürlich sehr, dass viele Gäste eben nicht nur in den Postwagen, sondern auch „zu Uschi“ gehen. Die Gäste identifizieren die Kneipe stark mit der Wirtin. Das ist toll, macht es aber auf der anderen Seite nicht leicht, eine Nachfolge für den Postwagen zu finden.

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