Tierpark

Porträts von Kühen: Gemuht wird später!

Von: Nadine Preller
Letzte Aktualisierung:
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Einmal quer durch Europa: „Groninger Blaarkop, Utrecht/Niederlande“ (links) und „Highland, Grampians/Schottland“ heißen diese Aufnahmen der leidenschaftlichen Tier-Fotografin Ursula Böhmer.
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Einmal quer durch Europa: „Groninger Blaarkop, Utrecht/Niederlande“ (links) und „Highland, Grampians/Schottland“ heißen diese Aufnahmen der leidenschaftlichen Tier-Fotografin Ursula Böhmer.
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Was will uns dieser Blick nur sagen? „Barrosã, AltoTás-os-Montes/Portugal“ – eine der 50 Aufnahmen aus dem Bildband „All Ladies. Kühe in Europa“. Fotos: Ursula Böhmer; Porträt Frage-Box: Helmut Petrat Foto: Ursula Böhmer; Porträt Frage-Box: Helmut Petrat

Stolberg. Rechts, links, oben, unten, vorne, hinten: Eine Kuh hat sechs Seiten – klar, wie jedes andere x-beliebige Tier auch. Die Ansicht „vorne“ hat für Ursula Böhmer jedoch besonderes Gewicht. Präziser gesagt: Die Ansicht „vorne“ bei einer Kuh. Was die Fotografin dazu veranlasste, 14 Jahre „bewaffnet“ mit Kamera und Reisetasche quer durch Europa zu ziehen und den stoischen Blick von Rinder-Rassen für die Ewigkeit zu bannen.

Ihre Reise führte die ehemalige Stolbergerin nach Irland zu den Kerry-Rindern, zu den Barrosã in Portugal und den nahezu unaussprechlichen Pohjoissuomenkarja in Finnland. Auch die Gefilde unserer Region blieben vor ihrem Auslöser nicht verschont. Das Ende vom Lied der 25-Länder-Tour: der gerade erschienene Bildband „All Ladies. Kühe in Europa“, aus dem Böhmer am 2. Dezember einige Prachtstücke in der Reichsabtei Kornelimünster präsentieren wird (siehe Infokasten) – dort natürlich in zweidimensionaler Ausführung.

Doch jetzt mal Butter bei die Fische: Woher kommt eigentlich die Leidenschaft für den aufreizenden Wimpernschlag der massigen Rindviecher, Frau Böhmer? „Kühe sind neugierig, fast wie Kinder, unvoreingenommen“, sagt die Fotografin. Und nach dem Schritt über den Weidezaun, beim direkten Augenkontakt mit dem Tier, da sei er irgendwann da, dieser besondere, einzigartige Moment. „Es ist wirklich nicht einfach, die Aufmerksamkeit der Kühe zu bekommen, wenn sie eigentlich fressen wollen“, sagt Böhmer. Wichtig sei gutes Licht vor Ort und viel Zeit, damit die Tiere auch ein wenig Vertrauen fassen könnten. „Ich arbeite ja nicht mit einem Teleobjektiv, sondern stehe in einem Abstand von drei bis vier Metern zur Kuh.“

Und während Böhmer da so steht, mal mehr, mal weniger lang, stelle sie sich oft die Frage: „Wie kommunizieren die Tiere miteinander? Können wir auch mit ihnen kommunizieren?“ Kommunikation – über Böhmers Linse zumindest scheint die ganz wunderbar zu funktionieren. Da blicken nach der Entwicklung die Augen der Rinder den Betrachter gutmütig und tiefgründig an, und fast immer ist da eine Portion Stolz zu erkennen. Keine Farbe, kein sattes Wiesengrün oder tiefes Himmelblau lenkt in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen vom bedachten Blick der edlen Tiere ab.

Da steckt mehr dahinter

„Ich wüsste manchmal sehr gerne, was sie von uns halten“, rätselt Böhmer vor sich hin. Von der Fotografin sicherlich nur Gutes. Denn mehr steckt hinter ihren Bildern als die pure Leidenschaft, den perfekten Augenblick festzuhalten. Würde und Respekt gegenüber dem Tier zu zeigen, dem „gleichberechtigten Gegenüber“ – das ist es, was Böhmer will. „Kein Tier hat es verdient, in einer Fabrik als Ware und Produktionsmittel gemästet zu werden. Der Fleischkonsum in unserer Gesellschaft ist unheimlich hoch und, keiner macht sich dabei mehr bewusst, was beziehungsweise wen man da eigentlich auf dem Teller hat.“ Noch weniger bewusst sind sich manche sicherlich darüber, dass viele Rinder-Rassen vom Aussterben bedroht sind. Und genau diese bedrohten Rassen, diese alten Tiere hat Böhmer hauptsächlich für das Buch porträtiert. „Für solch eine Dokumentation muss man sich vorher umfassend informieren und in den jeweiligen Ländern Kontakte zu Wissenschaftlern und Zuchtverbänden aufnehmen, um diese Herden überhaupt zu finden“, sagt sie. Auf ihrer Reise durch Europa lernte Böhmer so nicht nur das liebe Vieh kennen, sondern auch die Menschen, die in engem Kontakt zu den Tieren stehen. „Komischerweise sind die üblichen touristischen Sehenswürdigkeiten dann kaum noch interessant“, erzählt die Fotografin. „Es ist plötzlich viel spannender, bei Bauern in Finnland oder in Portugal zum Essen eingeladen zu werden und so etwas über die Kultur und die Menschen dort zu erfahren.“ Und die wiederum freuten sich auch immer über die Aufmerksamkeit, die ihnen und ihrer Arbeit zuteil wurde.

Auf in die Großstadt

Über 50 Rassen zeigt Böhmer in ihrem Buch. Die ersten Fotos stammen noch aus einer Reise nach Irland, Jahrgang 1991. Je nachdem, wie es das Budget hergab, hat die ehemalige Kupferstädterin mal mehr, mal weniger fotografiert. „Bis sich der Plan für ein umfassendes Buchprojekt konkretisierte war ich in den ersten Jahren meist in Westeuropa unterwegs. Später bin ich auch gezielt nach Südost, Ost- und Nordeuropa gereist.“

Heute wohnt Böhmer, die einst das Stolberger Ritzefeld-Gymnasium besuchte, in Berlin: „Die Großstadt hatte mich immer schon gereizt. Berlin war damals zudem fast so wie Ausland für mich, da ich vorher gar keinen Bezug in den Osten hatte. Für die künstlerische Entwicklung war dies ein wichtiger Schritt.“ Einmal quer von Ost nach West, von Nord nach Süd also, da lernt man sicherlich Unterschiede kennen, so von der einen Kuh zur anderen. Schauen die deutschen Kühe eigentlich anders als die irländischen? „So kann man das nicht sagen, aber es gibt schon Unterschiede im Temperament bei den Rassen.“ Milchvieh beispielsweise sei meistens zutraulicher als Fleischrinder. „Die sind an den Kontakt zum Menschen gewöhnt.“ Und im Süden Europas fände man auch temperamentvollere Rassen als in Skandinavien. „Das hat bestimmt auch mit den Menschen zu tun, die bei ihrer Zucht bestimmte Charaktere auswählen. Die Kampfkühe im Wallis beispielsweise werden ja besonders auf Aggressivität untereinander gezüchtet.“

Ursula Böhmer und das liebe Vieh – eine Zusammenarbeit, die mit den Kuh-Porträts wohl noch nicht abgeschlossen ist. Einen neuen Band in dieser Form werde es zwar nicht mehr geben. „Dem Thema Tier werde ich aber sicher treu bleiben, weil ich das Verhältnis Mensch-Tier viel zu spannend finde.“

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