Pokémon Go: Auf der Suche nach Pikachu, Bisasam und Co

Von: Katharina Menne
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Ganz ins Spiel vertieft: Die beiden Schülerinnen Namia Miri und Bersan Hatunoglu nutzen ihre freie Zeit in den Sommerferien, um in der Stolberger Altstadt Pokémons zu jagen. Foto/Screenshot: K. Menne
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Auch im Steinweg flattern die Pokémons umher und warten darauf, gefangen zu werden. Foto/Screenshot: K.Menne.

Stolberg. „Da ist ein Quapsel“, ruft Namia Miri (14) ihrer Freundin Bersan Hatunoglu (12) zu. „Das müssen wir fangen! Das haben wir noch nicht.“ Die beiden Mädchen laufen aufgeregt mit ihren Smartphones durch die verwinkelten Gänge der Stolberger Burg und fangen Pokémons.

Das sind kleine, bunte „Pocket-Monster“, daher auch der Name, die man mit Hilfe von Poké-Bällen einfangen muss und die später in Arenen gegeneinander antreten können. Das neue Handyspiel „Pokémon Go“, basierend auf den gleichnamigen Videospielen aus den 90er Jahren, hat gerade die ganze Welt fest im Griff und macht auch vor Stolberg nicht Halt. Seit ein paar Tagen machen Namia und Bersan mit.

Der Witz dabei: Das Spiel hat Zugriff auf die Handykamera und lässt so die reale und die virtuelle Welt miteinander verschmelzen. „Augmented Reality“ nennt sich das im Fachjargon und bedeutet, dass die Realitätswahrnehmung computergestützt erweitert wird. So scheinen die kleinen Monster plötzlich im Burghof zu sitzen, auf der Kneipentheke oder auf dem Schreibtisch im Büro.

Das Spiel treibt die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Hauf auf die Straße, denn um das Spiel spielen zu können, muss man sich bewegen. Der GPS-Sender erkennt wo man gerade ist und das Handy vibriert, wenn sich dort in der Nähe ein Pokémon herumtreibt.

Dadurch entdecken die Spieler Orte, an denen sie noch nie waren. So auch Marc Casel (20) und Raphael Kall (16). „Ich bin vor ein paar Tagen auf der Suche nach einem Pokémon einen Waldweg entlang gelaufen, den ich ohne das Spiel niemals entdeckt hätte“, sagt Marc Casel. Das Spiel locke jeden nach draußen, sogar hartgesottene Gamer, die sonst nur drinnen vor ihrem Computer hocken.

Denn um besonders seltene Pokémon zu fangen, muss man schon mal in den Park, an den See oder sogar auf den Friedhof. Der Spielhersteller Nintendo hat die Monster nämlich in ihre typische Umgebung gesetzt. In Städten findet man meist nur „Taubsi“ (Taube), „Rattfratz“ (Ratte) und „Zubat“ (Fledermaus), auf Feldwegen dagegen „Raupy“ (Raupe) oder „Evoli“ (Eichhörnchen).

Dass die Monster auch vor Hinterhöfen, Kirchen, Friedhöfen und anderen Einrichtungen nicht Halt machen, führte leider auch schon zu ungewünschten Zwischenfällen. In Alsdorf wurde ein 27-Jähriger für einen Einbrecher gehalten, als er auf einem Privatgrundstück nach einem Pokémon suchte und im Kölner Dom herrscht striktes Pokémon-Verbot, nachdem sich die Spieler dort mehrfach unangemessen verhalten hatten.

Das Spiel ist ein Riesenerfolg für Nintendo: Noch bevor es vorletzte Woche Mittwoch auch in Deutschland erschien, luden es etliche Menschen über amerikanische Server herunter. Seitdem ist es überall in den Medien. Kaum jemand kann sich dem Hype entziehen – im Positiven, wie auch im Negativen. Denn, wie so oft gilt: Wer es nicht liebt, hasst es.

Peter Weißhaupt (54) hält das Spiel sogar für gefährlich. „Die Spieler sind so auf das Smartphone fixiert, die gucken nicht nach rechts und links. Mir sind schon zwei Leute vors Auto gelaufen“, sagt er. Er fände solche Spiele nicht gut, die so viel Einfluss auf den Alltag haben. Karl-Heinz Knöbbiche (58) sieht das etwas gelassener. „Meine Kinder und Enkel spielen das Spiel auch. Ist doch schön, dass es dazu führt, dass sich die jungen Leute mehr bewegen.“ Allerdings hält er es für kritisch, dass die App zwar zuerst kostenlos ist, man aber dann im Spiel echte Käufe tätigen kann. „Richtige Spieler tun das auch und merken nicht, wie ihnen das Geld aus der Tasche gezogen wird“, sagt er.

In der Stolberger Altstadt liegen viele der sogenannten Poké-Stops verteilt, an denen man seinen Vorrat an Poké-Bällen aufladen kann. Und diese Stops haben einen schönen Nebeneffekt: Sie sind an markante Punkte von öffentlichem Interesse gekoppelt und lenken den Blick der Spieler auf Denkmäler, Kunstobjekte und historische Besonderheiten. In der Nähe der Eckkneipe „Alt Stolberg“ liegen sogar drei davon. Zum Glück für Kellnerin Josi Danne (36). „Die meisten Pokémons fange ich tatsächlich während der Arbeit“, schmunzelt sie. „Manchmal hüpfen die auf den Gästen herum, dann mache ich einen flotten Spruch und fange sie schnell ein.“ Bisher habe noch jeder mitgelacht und höchstens etwas ungläubig den Kopf geschüttelt. Man komme so mit vielen Leuten ganz unkompliziert ins Gespräch, sagt sie.

Das erzählen auch Marc Casel und Raphael Kall. „Man kommt durch das Spiel in sozialen Kontakt. Um in einer Arena zu kämpfen, muss man dort hingehen. Meist sitzen dann auch andere Spieler da und schon ist man im Gespräch“, sagt Casel. Es habe jedoch zugegebenermaßen einige Vorteile, wenn man das Spielprinzip schon aus der Kindheit kenne. Vieles sei ähnlich.

Namia Miri und Bersan Hatunoglu sind nicht mit Pokémon aufgewachsen, haben sich aber dennoch vom Spiel packen lassen. „Es ist eine schöne Abwechslung, dass man das zusammen und draußen spielen kann“, sagen sie. „Früher haben unsere Eltern gefragt, wann wir denn mal wieder raus gehen. Jetzt heißt es: Kommt doch mal endlich wieder rein.“ Beide schauen sich an und lachen. Und das Quapsel hat sich tatsächlich ohne viel Widerstand einfangen lassen – direkt vor der schönen Kulisse der mächtigen Stolberger Burg.

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