Oberer Steinweg: Stadtrat soll Denkmalschutz ablehnen

Von: Jürgen Lange
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Alleine im Steinweg stehen 37 Häuser unter Denkmalschutz, nicht aber die Häuser 40 und 38. Auch deshalb sind sie für einen Abriss zugunsten eines Quartiersplatzes ausgewählt worden. Jetzt beantragt das Amt für Denkmalpflege die Unterschutzstellung von Haus Nr. 38. Foto: J. Lange
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Schützenswerte Bachromantik oder abrisswürdig? Als oberster Denkmalschützer und Finanzier des Entwicklungskonzeptes machte sich Minister Michael Groschek (r.) selbst ein Bild vor Ort. Foto: J. Lange

Stolberg. Es kam, wie es für eine historische Stadt zu erwarten war. Das Amt für Denkmalpflege beim Landschaftsverband Rheinland hat bei der Kupferstadt den Eintrag des Hauses Steinweg 38 in die Stolberger Denkmalliste beantragt. Und am Dienstag, 7. März, dürften der Ausschuss für Stadtentwicklung und der Stadtrat ebenso erwartungsgemäß diesen Antrag – zumindest mehrheitlich – ablehnen.

Denn eine Unterschutzstellung würde dem geplanten Quartiersplatz im oberen Steinweg im Wege stehen, da das Gebäude ebenso wie das Nachbarhaus mit der Nr. 40 abgerissen werden soll. Genau zu diesem Zweck hatte die Stadt die beiden Häuser in Absprache mit der Bezirksregierung eigens erworben. „Für das Projekt haben wir ganz bewusst Gebäude ausgesucht, die nicht unter Denkmalschutz stehen“, betont der Beigeordnete Tobias Röhm.

Erst im Juli 2016 hatte ein Stolberger Bürger den Landschaftsverband auf eine mögliche Bedeutung des historischen Gebäudes aufmerksam gemacht, nachdem die 2009 forcierten Planungen zur Wiederbelebung der Innenstadt für den oberen Steinweg in der immer weiter konkretisierten Idee mündeten, alte Bausubstanz abzureißen, um Vichtbach und Burg sichtbarer zu machen.

Daraufhin haben sich die Mitarbeiter aus der Abtei Brauweiler intensiv mit dem Ensemble beschäftigt – sowohl anhand des Aktenstudiums wie auch bei einer Besichtigung vor Ort. Die Konsequenz formulieren die Denkmalschützer in ihrem neunseitigen Schreiben vom 16. Januar: Sie stellt bei der Unteren Denkmalbehörde den Antrag auf Eintragung die Denkmalliste.

Demnach „blieb ein bauliches Zeugnis aus der ersten und zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewahrt, das zum einen anschaulich die Epoche der baulichen Entwicklung Stolbergs im 19. Jahrhundert dokumentiert“.

Wasserrinne im Keller zur Vicht

Das Wohn- und Geschäftshaus mit Werkstattgebäude und Vicht-Überbauung würde als bauliche Zeugnisse einer ehemaligen Korbmacherei zum anderen auch den Ausbau der innerstädtischen Struktur im Zusammenhang mit Handwerk und Gewerbe belegen, wie er heute im Steinweg sonst kaum mehr überliefert sei. Städtebaulich trage das Ensemble „maßgeblich zum charakteristischen Erscheinungsbild des Steinwegs mit seiner ungewöhnlich vollständig erhaltenen, geschlossenen historischen Bebauung“ bei.

Detailliert beschreibt Brauweiler die Etagen und Wohnräume, in denen vielfach historische Ausstattungsdetails bewahrt geblieben seien. Im Keller hat eine Wasserrinne des Gebäudes mit einem von Blaustein eingefassten – längst zugemauerten – Ablauf in den Vichtbach es den Denkmalschützern offensichtlich besonders angetan. Sie dokumentiere besonders typisch die früheren Herstellungsbedingungen. Aber auch zahlreiche weitere erhaltenswerte Details entdeckten die Gutachter aus Brauweiler.

Aus Sicht der Stadt Stolberg wiegen diese Argumente jedoch nicht schwer genug, um Abriss und Quartiersplatz zu verhindern, erklärt der Technische Beigeordnete. „Wir sprechen uns aus zwei Gründen gegen die Eintragung in die Denkmalliste aus“, betont Röhm.

Einer davon ist eine konträre fachliche Ansicht der bei der Stadt angesiedelten Unteren Denkmalbehörde. Sie kann nicht nur auf mit über 800 Denkmalen einen überdurchschnittlichen historischen Bestand verweisen, sondern auch darauf, dass allein im Steinweg bereits 37 Häuser eingetragen sind. Nahezu die komplette Altstadt ist denkmalgeschützt. Weitere Ausführungen sollen am Montag den Fraktionen vorgelegt werden können.

Darüber hinaus bezweifelt die Stadt, dass ein Erhalt des Ensembles (das Hinterhaus am rechten Bachufer ohne eigene Erschließung, die marode Vicht-Überbauung und das Vorderhaus) überhaupt wirtschaftlich darstellbar sei. Selbst bei einer kostspieligen Sanierung würde bis auf die äußere Hülle nicht mehr viel von der beschrieben denkmalwerten Substanz übrigbleiben.

Zudem verweist Röhm auf die über viele Jahre geführte städtebauliche Diskussion, die zum heutigen Entwicklungskonzept mit der Anlage des Quartiersplatzes geführt habe. Denn ungeachtet der Erfolge der Altstadtsanierung in den 80er Jahren habe es sich gezeigt, dass angesichts der Eigentumsverhältnisse im Steinweg und der begrenzten Handlungsmöglichkeiten der Stadt allein durch die Förderung von Anreizen ein privates Engagement zur Wiederbelebung nicht generiert werden konnte.

Entscheidung in Ruhe abwarten

Dies erhoffen sich Verwaltung und Stadtrat eben durch das Entwicklungskonzept. Das sei in enger Abstimmung mit den Stolbergern aufgestellt worden, sagt Röhm: „Von 44 Teilnehmern der Bürgerbeteiligung zum oberen Steinweg votierten nur zwei gegen einen Abriss der Gebäude.“ Zudem sei das Konzept in enger Abstimmung mit der Bezirksregierung entwickelt und vom Stadtrat und seinen Gremien einvernehmlich getragen worden.

Entsprechend absehbar ist, dass der Stadtrat am Dienstag den Antrag des Landschaftsverbandes auf Eintragung in die Denkmalliste ablehnen wird. Dass der Stadtrat überhaupt mit der Angelegenheit befasst werde, „unterstreicht den hohen Stellenwert, den der Denkmalschutz in Stolberg genießt“, erläutert Bürgermeister Tim Grüttemeier.

Denn eigentlich sei die Unterschutzstellung ein Geschäft der laufenden Verwaltung der Unteren Denkmalbehörde. Diese wird nach entsprechendem parlamentarischen Votum dem Amt für Denkmalpflege mitteilen, dass sie nicht beabsichtige, das Objekt in die Denkmalliste einzutragen.

Gegen diesen Bescheid wiederum kann der Landschaftsverband innerhalb von zwei Monaten die Oberste Denkmalbehörde des Landes anrufen. Diese ist angesiedelt beim Düsseldorfer Ministerium Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr. Dessen Hausherr, Minister Michael Groschek, hat sich bereits am Mittwoch auf Einladung des Landtagsabgeordneten Stefan Kämmerling bei einem Rundgang mit Stolberger SPD-Mitgliedern selbst ein Bild vor Ort gemacht – und sicherlich abgewogen.

Denn Groschek ist nicht nur oberster Denkmalschützer im Land, sondern gleichzeitig auch Zuschussgeber für das Entwicklungskonzept für die Innenstadt. Beim Blick auf die Hinterhöfe und die Bachüberbauung schüttelte Groschek jedenfalls kräftig mit dem Kopf, während er einige Meter weiter den Blick auf die Burg durch das Metalltor am „Burgkeller“ sichtlich genoss...

„Sollte die Oberste Denkmalbehörde angerufen werden, werden wir die Entscheidung aus Düsseldorf in aller Ruhe abwarten“, so Grüttemeier weiter, „und nicht voreilig irgendwelche Fakten schaffen.“

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