Notunterkunft auf dem Kelmesberg: Zuflucht vor Kälte und Einsamkeit

Von: Sarah-Lena Gombert
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In den Gebäuden am Kelmesberg leben derzeit rund 50 Obdachlose und 15 Flüchtlinge. Foto: S.-L. Gombert

Stolberg-Büsbach. Es ist ein heller, sonniger Morgen an diesem Dienstag im Dezember auf dem Stolberger Kelmesberg. Doch es ist auch ein kalter Morgen. Hier, am Rande von Büsbach, liegen acht alte Häuser. Es sind die Notunterkünfte der Stadt Stolberg, gedacht für jene, die aus unterschiedlichen Gründen kein Dach mehr über dem Kopf haben.

Gerade in den Wintermonaten steigt die Zahl der Obdachlosen, die in den sehr einfach eingerichteten Wohnungen Zuflucht vor der Kälte suchen – und auch vor der Einsamkeit.

Andreas Dittrich ist beim Stolberger Sozialdienst katholischer Männer (SkM) angestellt. Seit vier Jahren kümmert er sich als Sozialarbeiter im Auftrag der Stadtverwaltung um die Belange der Kelmesberg-Bewohner. Seit diesem Jahr ist seine Stelle aufgestockt worden: Von einer Dreiviertel-Stelle auf eine volle Stelle. Zu tun gibt es für den erfahrenen SkM-Mitarbeiter, der sich auch schon in anderen Städten um Obdachlose gekümmert hat, genug.

„Die Menschen, die hier bei uns landen, fangen wieder ganz von vorne an“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Leute, die sich bei der Stadt als wohnungslos melden, haben in der Regel ihren Job und auch ihr soziales Umfeld verloren. „Wir versuchen dann gemeinsam, wieder eine richtige Wohnung zu finden, und auch einen Job“, sagt Dittrich.

Einfach ist das nicht immer, erklärt der Sozialarbeiter. Denn viele der Kelmesberg-Bewohner haben Probleme, die ihnen den Umgang mit Behörden erschweren oder auch einen strukturierten Alltag mit fester Arbeit nicht gerade einfach machen. „Da spielen Dinge wie Sucht eine Rolle, oder private Probleme wie zum Beispiel eine Scheidung“, erklärt Dittrich. Die Gesellschaft erwarte viel von den Menschen: „Wer nicht mitmacht, ist raus.“

Und einigen falle das Mitmachen eben schwer. Das ist auch der Grund dafür, warum die Kelmesberg-Bewohner ganz unterschiedlich lange in den Notunterkünften leben. „Einige sind nach wenigen Tagen wieder weg“, erklärt Paul Schäfermeier vom städtischen Sozialamt, „andere bleiben jahrelang in diesen Wohnungen.“ Das liege zum einen daran, dass sie auf dem privaten Wohnungsmarkt einfach „keine Chance“ mehr hätten.

Auf der anderen Seite finden sie auf dem Kelmesberg eine Form von Zusammenhalt, die ihr Leben bis dahin vermissen ließ. Das Gerüst eines Gartenpavillons und ein alter Grill, der vor einem der Häuser steht, erinnern an gemeinsame Grillabende, die die Obdachlosen in den wärmeren Sommermonaten veranstaltet haben.

Zurzeit leben rund 50 Obdachlose in den Wohnungen auf dem Kelmesberg, der überwiegende Teil davon sind Männer. Hinzu kommen etwa 15 Asylbewerber. Die beiden Gruppen sind zwar in unterschiedlichen Gebäuden untergebracht. Die Versorgung ist jedoch die gleiche – sowohl von der Einrichtung der Wohnungen her als auch, was die Betreuung durch den Sozialarbeiter angeht.

„Und ernsthafte Konflikte zwischen Flüchtlingen und Obdachlosen hatten wir hier kein einziges Mal“, betont Dittrich. Als hier im vergangenen Jahr auch Flüchtlingsfamilien mit Kindern wohnten, hat die Stadt kurzerhand einen kleinen Spielplatz eingerichtet. Es gebe ein sehr friedliches Miteinander: „Alle bekommen das Gleiche, die Stadt macht hier keinen Unterschied. Die Menschen hier oben wissen, dass sie im Grunde in der gleichen Situation sind“, sagt Andreas Dittrich.

Einen Unterschied gibt es tatsächlich nur in der Zuständigkeit der Behörden: Das Jobcenter, das sich auch um die Belange der Obdachlose kümmert, ist für Flüchtlinge erst dann zuständig, wenn ihr Asylantrag bewilligt worden ist.

Eine Bleibe auf dem Kelmesberg ist alles andere als luxuriös: In den Notwohnungen gibt es nur die absolut notwendigsten Dinge zum Leben: Ein einfaches Bett und einen Spind, eine spartanisch eingerichtete Küche mit alten, aber funktionstüchtigen Sitzmöbeln. Fließendes Wasser gibt es zwar, warmes hingegen nur in der gemeinsamen Dusche, die im Kellergeschoss ist.

Geheizt wird nicht etwa über eine Zentralheizung. Stattdessen gibt es kleine Kohle- oder Elektroöfen. Heizmaterial verteilt Hausmeister Peter Nießen, auch zusätzliche Decken kann man bei ihm bekommen, wenn man frieren sollte. Die Stadt Stolberg plant bereits seit Jahren Sanierungsarbeiten und Veränderungen an den Notwohnungen am Kelmesberg. „Wir wollen vier der dortigen Häuser sanieren, und die anderen vier abreißen“, erklärt der Technische Beigeordnete der Stadt, Tobias Röhm.

So soll die Anzahl der Wohnungen grundsätzlich etwas reduziert werden. Die übriggebliebenen Wohnungen sollen dafür instand gesetzt werden. Die Heizungen sollen beispielsweise gemacht werden, ebenso die Sanitäranlagen. Rund 1,3 Millionen Euro werden dafür in den städtischen Haushalt eingestellt.

Zeitplan steht noch nicht fest

„Die Umbaupläne haben sich jedoch dadurch verzögert, dass im vergangenen Jahr so viele Flüchtlinge nach Stolberg gekommen sind“, erklärt der Erste Beigeordnete der Stadt, Robert Voigtsberger, im Gespräch mit unserer Zeitung. Denn um vier Häuser instand zu setzen, muss man sie erst einmal räumen. „Und weil wir sehr schnell sehr viel Wohnraum brauchten, war das seinerzeit nicht möglich.“

Im kommenden Jahr will die Stadtverwaltung die Planung wieder angehen – abhängig davon, ob der Zulauf von Flüchtlingen nach Deutschland sich weiter entspannt. „Im Grunde sind die Wohnungen in Ordnung“, sagt Andreas Dittrich, der selbst schon einmal unter eine der Duschen springt, wenn er mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt. „Aber ein Außenanstrich der Wohnhäuser wäre schön.“ Gerade an tristen Novembertagen, wenn man ohnehin dazu neigt, trüben Gedanken nachzuhängen, deprimiere das dreckige Grau der alten Gebäude besonders.

Um sich gegenseitig über die Weihnachtstage zu helfen, an denen manch einer seine Familie und Freunde besonders schmerzlich vermisst, treffen sich die Kelmesberg-Bewohner am ersten Weihnachtstag zu einem gemeinsamen Essen, das der SkM spendet. „Das bedeutet vielen der Männer eine ganze Menge.“

Auch das Angebot für Bedürftige, am Heiligen Abend bei Manfred Blumberg im Weißen Rössl in der Stolberger Altstadt essen zu gehen, nutzen einige der Obdachlosen. „Das ist gut gegen die Einsamkeit“, sagt Andreas Dittrich.

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