Normaler Unterricht ist Erdbeerquark

Von: Heike Eisenmenger
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Stolberg. Die zwölfjährige Juliane ist geistig behindert. Trotzdem weiß das Mädchen ganz genau, wo sich „Dickmacher” im Essen verstecken und worauf zu achten ist, damit die Waage nicht ausschlägt.

„Schokolade darf man nicht jeden Tag essen, da ist nämlich ganz viel Fett drin. Fett macht nämlich dick”, erklärt die Schülerin der Regenbogenschule des Kreises Aachen mit großer Ernsthaftigkeit. Das hat die Oberstufenschülerin, die die Regenbogenschule mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung” besucht, bei einem Pilotprojekt gelernt.

Bei diesem Pilotprojekt vom Gesundheitsamt des Kreises Aachen in Zusammenarbeit mit der Regenbogenschule geht es darum, übergewichtigen Schülern ein gesundes (Ess-) Verhalten zu vermitteln.

Die Herausforderung dabei war, die durchaus komplizierten ernährungswissenschaftlichen Zusammenhänge so herunterzubrechen, dass die geistig behinderten Jugendlichen sie verstehen - verstehen und ihr neuerworbenes Wissen auch in der Praxis umsetzen, wohlgemerkt.

Auslöser für das Projekt war der Umstand, dass immer mehr Kinder zu dick sind. „Jedes fünfte Kind hat Übergewicht”, bilanziert Dr. Josef Michels vom Gesundheitsamt des Kreises Aachen. Doch speziell bei geistig behinderten Schülern mache sich ein geradezu alarmierender Anstieg bemerkbar.

„Da musste einfach etwas getan werden, so kann es nicht weitergehen!”, sagt der Schulamtsarzt. Worauf im Gesundheitsamt die Projektgruppe zur Gesundheitsförderung und zur Prävention gegründete wurde, die ein Konzept erstellte, das speziell auf die Bedürfnisse von geistig behinderten Schülern zugeschnitten ist.

„Das Projekt ist auf drei Ebenen aufgebaut”, beschreibt Michels. Ein Baustein ist das Einbeziehen der Eltern. Sie begleiten ihr Kind beim Einkaufen. Eine Ernährungsberaterin erklärt den Schülern anschaulich, worauf zu achten ist, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Mitra Koch.

Ebenso wichtig wie das Einbeziehen des sozialen Umfeldes ist es, den Kindern zu zeigen, dass gesundes Kochen Spaß machen kann und dass kalorienarmes Essen durchaus lecker ist.

Putzen und schneiden

Beim Treffen an diesem Morgen in der Regenbogenschule steht die Zubereitung von Erdbeerquark auf dem Unterrichtsplan. Statt fetthaltigem Quark wird auf Magerquark zurückgegriffen, der mit Mineralwasser angerührt wird, was ihm eine sahnigere Konsistenz gibt. Mit Eifer putzen und schneiden die Schüler die Erdbeeren, die sie dann vorsichtig unter die Masse heben.

Doch nicht nur die Wahl der Produkte ist von Bedeutung, sondern ebenso eine Änderung des Essverhaltens. „Viele Jugendliche essen aus Langeweile oder auch, wenn sie traurig sind oder sich geärgert haben”, berichtet Mitra Koch. In der Gruppe lernen die geistig behinderten Schüler, sich dieses Verhalten abzutrainieren.

Ein weiterer Baustein ist die körperliche Bewegung. Herüberzubringen, dass Bewegung etwas Positives ist - das ist die Aufgabe von Monique Stiemen. Sie ist die Physiotherapeutin der Förderschule und trainiert mit den Jugendlichen regelmäßig im schuleigenen Fitnessraum.

Was das Thema „Bewegung” anbelange, sei die Einrichtung in der Stettiner Straße geradezu vorbildlich, lobt Michels: „Die Regenbogenschule ist bereits mehrfach als bewegungsfreudige Schule ausgezeichnet worden.”

„Lustgewinn” und „Spaß an der Sache”, das sind Begriffe, die im Gespräch immer wieder fallen. „Nur über positiv besetzte Dinge kann man langfristig bei behinderten Kindern zum Erfolg kommen”: Darin sind sich die Verantwortlichen einig.

Ebenso elementar ist die stetige Wiederholung des Wissens. Darum ist das Projekt auch auf zwei Jahre festgelegt. Doch wenn dann das Wissen fest verankert ist, wird es auch konsequent angewandt, schildert Michels seine Erfahrungen.

Der Erfolg ist bereits sichtbar: Bei gleich mehreren Teilnehmern purzeln bereits die Pfunde. So wie bei Elena: In einem halben Jahr hat die Schülerin durch Umstellung ihrer Ernährung in Verbindung mit mehr Bewegung bereits drei Kilogramm abgenommen.
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