Stolberg - Neujahrsempfang macht deutlich: Europa ist ohne echte Alternative

Neujahrsempfang macht deutlich: Europa ist ohne echte Alternative

Von: Jürgen Lange
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Bewegender Appell von einem überzeugten Europäer: Parlamentspräsident Martin Schulz erhält lang anhaltenden Applaus für seine Rede. Foto: J. Lange
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Eindrucksvolle Kulisse: Bürgermeister Ferdi Gatzweiler freute sich über die große Resonanz aus allen Teilen der Gesellschaft beim Neujahrsempfang im Zinkhütter Hof: Foto: J. Lange

Stolberg. Mit der Europa-Hymne beginnt der Neujahrsempfang der Kupferstadt, um mit der Nationalhymne zu enden. Dass das kein Widerspruch ist, macht Martin Schulz deutlich. Lang anhaltender Applaus am Ende seiner brillanten Rede beweist: Der Präsident des Europäischen Parlaments trifft den Kern, bringt die Probleme auf den Punkt und weiß zu begeistern für eine Herzenssache aus purer Überzeugung: für Europa.

Andächtig und geradezu fasziniert verfolgt das Auditorium seinen durchaus kritischen Ausführungen, nachdem Bürgermeister Ferdi Gatzweiler die Gäste aus allen Bereichen der Gesellschaft im bestens besuchten Zinkhütter Hof begrüßt und über eigene europäische Erfahrungen berichtet hat. „Wir vergessen manchmal, dass die Union der Friedensstifter in Europa ist “, wirbt Gatzweiler dafür, den europäischen Gedanken in die Herzen der Menschen zu tragen.

„Europa hat den Friedensnobelpreis verdient“, greift Martin Schulz den Gedanken als Verpflichtung, die europäische Union weiter zu entwickeln, auf. Denn die Alternative eines Auseinanderfallens der Gemeinschaft würde nur wieder Platz für Despoten schaffen, die die wertegeleitete Demokratien beseitigen und neue Konflikte schaffen. Aber der Weg eines geeinten Europa ist kein einfacher.

Schulz wählt den Vergleich mit den „Buddenbrocks“ des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Die erste Generation hat Unvergleichliches geschaffen, die zweite hat dies verwaltet, die dritte es verspielt: „Ich will nicht dieser dritten Generation angehören“, beschwört Schulz, und nicht jeder, der die EU kritisiert, sei ein Europaskeptiker. „Ich kritisiere auch“, gesteht der Parlamentspräsident. Aber er kritisiert, um Europa in die gemeinsame Zukunft, in das 21. Jahrhundert zu führen. „Das muss das zentrale Thema der Debatten sein“, sagt Schulz und sieht die Gemeinschaft vor vier zentralen Herausforderungen gestellt, die es zu meistern gelte.

Im Bereich von Wirtschaft und Handelsbeziehungen ist ein geeintes Europa unerlässlich, um unter den Weltregionen überhaupt ein Wörtchen mitsprechen zu können. 2040 werden die Europäer einen Anteil von vier Prozent der auf acht Milliarden angewachsenen Weltbevölkerung stellen; Indien und China ein Drittel. Die USA erklären sich bereits als pazifisch orientierte Nation, die Asean-Staaten schaffen eine eigene Währung, Afrika entwickelt sich zur Weltregion. In diesem globalen Dorf spielen die kleinen Staaten des hiesigen Kontinents keine Rolle mehr. „Wir müssen als starke politische und wirtschaftliche Gemeinschaft auftreten, sonst werden wir zum Objekt der anderen Weltregionen“, appelliert Schulz.

Nicht anders sieht das beim Klimaschutz aus. Schaffen die Schwellenländer in einem gleichen Maße und vergleichbarer CO2-Immission den hiesigen Wohlstand, „dann ist das Ende des Planeten absehbar“, fordert Schulz eine starke europäische Stimme. Bei der Abschlusserklärung der Klimakonferenz in Kopenhagen hatten die Europäer schon nicht mehr mitzureden, mahnt der Präsident.

„Alle profitieren vom Euro“

Martin Schulz sagt Spekulationsinteressen den Kampf an, denn „der Profit des einen bedeutet den Hunger des anderen“. Und sie gefährden die währungspolitische Stärke der EU. Alle Mitgliedsstaaten haben vom Euro profitiert. Die Schwierigkeiten in Griechenland, Spanien und Italien seien hausgemacht und nicht durch die EU zu verantworten. „Es gibt keine wirkliche Alternative zum Euro“, ist Martin Schulz überzeugt. Kleine, einzelne Länderwährungen hätten auf dem Weltmarkt keine Chance mehr.

Und die vierte große Herausforderung der Migration könne nur durch eine aktive Politik gelöst werden, die den wirtschaftlichen und Werte-Problemen der ärmeren Nachbarländern begegne. „Das kann man als einzelner Staat gar nicht leisten“.

Dabei sieht Martin Schulz im 21. Jahrhundert die Europäische Union noch nicht als einen geeinten Bundesstaat nach amerikanischem Vorbild. Doch er strebt eine starke, einheitliche und handlungsfähige Gemeinschaft an, in der die einzelnen Nationen ihre Identität und Kultur bewahren können. „Aber wir müssen die Angst nehmen vor Europa“, sagt der Parlamentspräsident, damit die Staaten als europäische Gemeinschaft in den wichtigen Fragen der Welt wahrgenommen werden sowie Frieden und die Werte von Grundrechten und Demokratie weitergeben können.

„Die Menschen des 1913 waren überzeugt, dass kein Krieg mehr möglich sei; ein Jahr später sahen sie sich getäuscht“, erinnert Schulz. Auch heute hält er einen Krieg in Europa nicht für wahrscheinlich, schränkt aber ein, dass Europa in Kriege verwickelt werden kann. Nur als starkes geeintes Bündnis könne Europa seiner friedengebende Rolle in der Welt ausüben. Um so wichtiger sei es, in Europa den Blick auf die zentralen Herausforderungen zu lenken.

Der große Beifall für den Parlamentspräsidenten beweist, dass die Botschaft angekommen ist. In vielen persönlichen Gesprächen kann Martin Schulz sie im Anschluss bei einem Getränk vertiefen. Und auch die zahlreichen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nutzen die Gelegenheit zur Kommunikation, bevor der vom Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Stolberg I musikalisch umrahmte Neujahrsempfang am frühen Nachmittag ausklingt.

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