Stolberg - Neuer Pfarrer: Rückgrat ist ihm wichtiger als Coolness

Neuer Pfarrer: Rückgrat ist ihm wichtiger als Coolness

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Es gibt schlechtere Ausblicke, die ein Arbeitsplatz bieten kann: Vom Areal rund um die evangelische Finkenbergkirche hat der neue Stolberger Pfarrer Axel Neudorf einen wundervollen Blick auf die Stolberger Burg. Foto: S.-L. Gombert

Stolberg. Nach Jahren im Bergischen zog es ihn wieder zurück ins Rheinland: Seit einigen Wochen lebt und arbeitet Pfarrer Axel Neudorf in der evangelischen Kirchengemeinde in Stolberg. Am Sonntag wird der 43-Jährige um 15 Uhr in einem Gottesdienst in der Finkenbergkirche offiziell eingeführt. Redakteurin Sarah-Lena Gombert hat sich im Vorfeld mit ihm über die Zukunft der Kirche, über Jugendliche und über Musik unterhalten.

Aktuell sucht Pfarrer Neudorf in Stolberg übrigens nach einem Probenraum, um eine Band zu gründen.

Herr Neudorf, wo werden die Stolberger Sie künftig zu Gesicht bekommen?

Neudorf: Zum einen ist da das Gemeindezentrum Frankental, wo ich Konfirmandenunterricht gebe. Ich überlege derzeit auch mit dem Jugendreferenten, was sich dort noch für Jugendliche umsetzen lässt. Dann sind da natürlich die Finkenberg- und die Vogelsangkirche, zwei sehr schöne und vom Charakter her sehr unterschiedliche Kirchen. Ansonsten bin ich auch gerne in der Stadt. Stolberg gefällt mir sehr gut!

In Wuppertal waren Sie ja vor allem für Jugendliche zuständig. In Stolberg sind Sie nun ein „normaler“ Pfarrer. Was glauben Sie, wird sich an Ihrer Arbeit ändern?

Neudorf: Die Zielgruppe ist in Stolberg viel breiter als in Wuppertal, klar. Mein Aufgabengebiet umfasst jetzt alle Gemeindemitglieder, vom kleinen Säugling bis zum hochbetagten Menschen. Das wollte ich aber auch so, dafür bin ich ausgebildet.

Und wo sehen Sie derzeit die großen Aufgaben der Kirchen?

Neudorf: Es gibt immer mehr Einbrüche bei den Taufzahlen. Das birgt die Gefahr, dass man über mehrere Generationen in Vergessenheit gerät. Das ist ein Problem, dem wir uns annehmen müssen. Wir müssen uns überlegen, wie wir mit unserer Botschaft zu den Menschen gelangen. Das habe ich mir nicht selbst ausgedacht, das ist unser Auftrag, wie er in der Bibel steht:. Matthäus 28. Es ist natürlich auch eine Frage, wie man mit den Ressourcen, die zur Verfügung stehen, auskommt.

Was bedeutet Ökumene für Sie, auch für die Zukunft der Kirche?

Neudorf: Das griechische Wort „Oikos“ bedeutet Haus, und für mich heißt das, dass wir als Konfessionen unter einem Dach leben. Es geht um einen Gott und einen Glauben, bei all den Interpretationen, die es gibt. Ökumene hat für mich etwas von familiärem Zusammensein. Brüder und Schwestern haben auch Phasen, in denen sie sich weniger gut verstehen. Man muss nicht immer einer Meinung sein.

Man sollte aber gemeinsam denken und seine Wurzeln nicht vergessen. Trotzdem will ich den Weg, den der evangelische Glaube gegangen ist, nicht missen. Das ist für mich ein hohes Gut. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass alle Katholiken konvertieren müssen. Der Glaube und Gottes Geduld sind groß genug, dass es unterschiedliche Wege zu ihm gibt.

Wenn Sie etwas über sinkende Mitgliederzahlen bei den Kirchen lesen – ist das nicht frustrierend?

Neudorf:Natürlich kann man sich hinsetzen und darüber jammern, weil man denkt, man sitze in einem sinkenden Boot. Ich bin aber eher der Typ, der sich einen Eimer nimmt und Wasser schaufelt und schaut, wie man das Leck im Boot wieder dicht bekommt.

Und woher kommt das Loch im Boot?

Neudorf: Das ist eine gemischte Gemengelage. Einerseits sind die Geburtszahlen nicht gerade boomend. Und es werden immer weniger Kinder getauft. Wir müssen die Leute überzeugen, dass es wichtig ist, unsere Traditionen und Werte weiterzugeben. Da spielen in meinen Augen Kindergärten und Schulen eine Rolle.

Und die persönliche Ansprache ist wichtig. Wir müssen Eltern ansprechen und einladen, das funktioniert in Stolberg schon ganz gut. Außerdem müssen wir unsere gesellschaftliche Relevanz steigern. Wir müssen in öffentlichen Diskussionen klar Position beziehen. Wir müssen zeigen, dass Kirche sich nicht verbiegt, dass Kirche eine starke Gemeinschaft ist.

Wie ist Ihre Position beispielsweise in der Flüchtlingsfrage?

Neudorf: Wir wollen eine gastfreundliche Kirche sein. In meinen Augen ist das Stolberger „Café Willkommen“, das wir mit der katholischen Kirche gemeinsam anbieten, ein Vorzeigeprojekt. Wir wollen auch, dass die Leute sich erinnern, dass auch viele Menschen in Deutschland einmal selbst Flüchtlinge gewesen sind. Das darf auch die heutige Jugend nicht vergessen. Diese Haltung ist nicht immer opportun, aber sie ist wichtig.

Die Jugendarbeit wird ja auch in Stolberg ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit bleiben.

Neudorf: Ja, die Jugendarbeit wird in meiner Zuständigkeit liegen. Es kümmert sich aber vor allem unser Jugendreferent um den Bereich, ich werde ihn unterstützen. Das schließt aber nicht aus, dass ich mal auf eine Konfirmandenfreizeit mitfahre. Da habe ich auch große Lust zu. Noch habe ich auch einen Draht zu jungen Leuten. Wer weiß, wie das in 20 Jahren aussieht (lacht).

Ist Kirche für Jugendliche heute nicht einfach „uncool“? Viele kennen heutzutage „Halloween“, wissen aber nicht, warum am 1. November schulfrei ist. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Neudorf: Es gibt Bestrebungen, Kirche und Traditionen populärer zu machen. Das führt aber manchmal dazu, dass sich Kirche anbiedert und dann nicht mehr glaubwürdig ist. Das finde ich schwierig. Man kann auch dazu übergehen zu sagen: Wir bedienen nicht mehr alle, sondern kümmern uns um eine kleinere Gruppe, die sich mit unseren Werten und dem, was wir für wichtig erachten, identifiziert.

Ich glaube, dass man einen Weg finden muss, beides miteinander zu verbinden, denn radikale Wege sind nie gut. Wenn wir uns zurückziehen aus dem öffentlichen Bewusstsein, dann werden wir vergessen. Auf der anderen Seite wird es schnell lächerlich, wenn man zu „trendy“ wird.

Wie kann so ein Mittelweg aussehen?

Neudorf: Gerade Halloween ist ein gutes Beispiel dafür. Ein in seinen Ursprüngen christliches Fest, dass von der westlichen Industrie dazu genutzt wird, eine zweite Karnevalszeit zu erschaffen, mit teilweise völlig unsinnigen Bräuchen. Wir setzen in der evangelischen Kirche mit den „Church Nights“ in der Jugendarbeit auf eine Bewegung, die sich ein Stück weit dagegen wehrt. Den Reformationstag, der ja eigentlich am 31. Oktober ist, den geben wir nicht so kampflos her. Klar ist das bei Jugendlichen nicht immer einfach. Aber wir sind uns lieber ein Stück treu, als dass wir cool sind.

In Stolberg gibt es auch zu Halloween viele Aktionen in der Altstadt, wenn es dunkel und gruselig ist…

Neudorf: Ich sage nur: 19 Uhr, Reformationsgottesdienst in der Vogelsangkirche. Da ist es auch dunkel und gruselig (lacht).

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit wird die Kirchenmusik sein. Ich habe gehört, es wird poppiger in der Stolberger Kirche?

Neudorf: Das stimmt. Ich bin selbst nebenamtlicher C-Kirchenmusiker mit dem Schwerpunkt Popularmusik: Klavier, Gitarre und Gospelchorleitung. Und ich denke, dass ich da in Stolberg ganz gut eine Lücke ausfüllen kann. Unser Kantor ist brillant, hat seine Steckenpferde eher im Bereich der ernsten Kirchenmusik mit großartigen Chorwerken, mit den alten Meistern, mit wunderschöner Orgelmusik. Und ich möchte das gerne ergänzen. Ich bin gespannt, wann ich das erste Mal ein Schlagzeug in die Kirche stellen kann (lacht).

Wie sehr verfolgen Sie moderne Popmusik wie die Charts?

Neudorf: Ich höre viel Einslive und WDR2, und denke, damit bin ich bei moderner Musik ganz gut auf der Höhe. Schade finde ich es, dass die Songs dort zu häufig gespielt werden. Das geht mir gelegentlich auf den Geist, denn man hört Titel sehr schnell kaputt. Jugendliche haben übrigens eine sehr diverse Beziehung zur Musik. Von schräg bis Mainstream ist alles dabei.

Wie wichtig ist Musik in der Kirche für Sie?

Neudorf: Musik ist Vekündigung. Sie ist an vielen Stellen ergänzend und transportierend für das Wort. Musik rührt an Emotionen. Manchmal auch so, wie man es lieber nicht möchte. Es ist ein wichtiger Faktor bei vielen Kasualien. Emotional passiert einfach etwas, wenn man auf einer Beerdigung singt oder jemandem zuhört, der singt. Und selbst Gottesdienste ohne Musik sind durch die Abwesenheit von Musik emotional prägend.

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