Stolberg - Neue Stolpersteine machen Familienschicksal sichtbar

Neue Stolpersteine machen Familienschicksal sichtbar

Von: Sarah-Lena Gombert
Letzte Aktualisierung:
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Ein Bild aus der Gressenicher Volksschule. Ilse Imdorf (dritte Reihe, 2. Kind von rechts) sitzt mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern im Unterricht. Foto/Repro: Arbeitskreis Geschichte Mausbach
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Das Restaurant von Josef Imdorf in Mausbach an der heutigen Dechant-Brock-Straße. Hier wurde so manches Bier getrunken. Foto/Repro: Arbeitskreis Geschichte Mausbach
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Josef Imdorf (Mitte) bei Malerarbeiten in der Mausbacher Kirche. Der Familienvater nahm am Dorfleben rege teil. Foto/Repro: Arbeitskreis Geschichte Mausbach

Stolberg. Was muss in einem jungen Menschen vorgehen, der seine Heimat, seine Freunde, sein Leben hinter sich lässt, um aus Angst vor Verfolgung in die Ferne zu gehen? Die beiden Brüder Moritz und Daniel Imdorf verließen Gressenich und Langerwehe 1934 gemeinsam mit ihren Familien, um sich in Palästina ein neues Leben aufzubauen. An die Geschichte ihrer Familie soll mit neuen Stolpersteinen erinnert werden.

Ihre Verwandten, Josef und Ludwig Imdorf aus Mausbach, entschieden sich, mit ihren Familien zu bleiben. Sie, und weitere Familienmitglieder wurden von den Nazis ermordet. Die Imdorfs waren Juden. Am Donnerstag werden in Mausbach und Gressenich insgesamt 15 Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus verlegt.

Während Moritz und Daniel unterwegs ins damalige Palästina waren, konnten Ludwig und Josef Imdorf einfach nicht glauben, dass ihr Dorf auf Dauer nach der Pfeife Hitlers tanzen würde. Zwar waren aus Gressenich bereits NSDAP-kritische Bürger ins Gefängnis gebracht worden – unter anderem überlebte der SPD-Politiker Wilhelm Kohlen eine Inhaftierung im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg.

Doch Josef Imdorf hing am Dorfleben, an seinem Restaurant in der heutigen Dechant-Brock-Straße in Mausbach. Und Ludwig verwies stets mit Stolz auf sein Eisernes Kreuz. Als sie merkten, dass die brutale Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten auch vor den Toren Gressenichs und Mausbachs nicht Halt machte, war es für viele Imdorfs bereits zu spät.

Eine Dokumentation entsteht

„Wir standen schon ziemlich lange mit dem Familienzweig, der damals nach Palästina floh, in Kontakt“, erzählt Franz-Josef Ingermann vom Arbeitskreis für Geschichte Mausbach im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Mausbacher Arbeitskreis hat gemeinsam mit der Stolberger „Gruppe Z“, welche die Verlegung der Stolpersteine initiiert hat, eine Dokumentation über die Imdorfs verfasst. Hierbei erwies sich auch die Arbeit des Familienforschers Reiner Sauer als besonders hilfreich.

„Dass es nach Kriegsende irgendwann wieder einen regen Kontakt der Imdorfs mit ihren Heimatorten gab, ist unter anderem auch dem Leiter der ehemaligen Hauptschule Mausbach zu verdanken, Leo Esser“, berichtet Ingermann. Dieser habe mit der Familie in Kontakt gestanden und mehrere Besuche organisiert. „So sind nach all den Jahren Freundschaften zwischen Mausbach und Gressenich auf der einen und Israel auf der anderen Seite entstanden“, sagt Ingermann.

Später nahmen andere Familienmitglieder diese Kontakte wieder auf. „Das war 2013“, erinnert sich Karen Lange-Rehberg von der Gruppe Z. „Die Familie kam auf uns zu und bat uns darum, etwas über ihre Wurzeln erfahren zu können“, sagt Lange-Rehberg. „Wir hatten da den Eindruck, dass in dieser Zeit alte Freundschaften wieder aufgenommen und weitergeführt wurden.“ Auch heute noch bestehen von Stolberg aus enge Bande zu Imdorfs in allen Himmelsrichtungen. Viele Nachfahren der Familie wollen an der Stolpersteinverlegung aktiv teilnehmen.

2013 sei auch die Zeit gewesen, in der die Gruppe Z sich überlegte, dass man mit Stolpersteinen an die Imdorfs erinnern sollte. Nun begann für die Gruppe Z die Arbeit: Durch Gespräche mit der Familie, durch das Wälzen von historischen Dokumenten und nicht zuletzt durch viele Gespräche mit Zeitzeugen komplettierte sich das Bild der Familie Imdorf. „Manche Zeitzeugen sprechen sehr leise, andere erzählen ganze Geschichten“, berichtet Lange-Rehberg.

Viele der Menschen, die etwas zu der Familienchronik beizutragen wussten, hätten nicht mit Namen genannt werden wollen. „Das ist für viele immer noch eine schwierige Zeit.“ Eines habe sie in den Gesprächen jedoch bemerkt: „Diese Menschen sind im Gedächtnis der Dörfer noch immer da. Die Imdorfs sind aus den Köpfen der Mausbacher und Gressenicher nicht einfach verschwunden“, betont Lange-Rehberg.

Stolberger Schüler machen mit

Der Arbeitskreis Geschichte Mausbach und die Gruppe Z beschränkten sich jedoch nicht darauf, die Materialien über die Familiengeschichte zusammenzutragen. „Eines unserer wichtigsten Anliegen ist es, die Erinnerung lebendig zu halten. Denn diese Dinge sind nicht irgendwo passiert, sondern hier bei uns“, betont Karen Lange-Rehberg.

Darum sei die Zusammenarbeit mit den Stolberger Schulen, in diesem Fall der Realschule Mausbach, des Goethe-Gymnasiums und der Stolberger Gesamtschule, besonders wichtig. „Für die Schüler ist das eine ganz tolle Möglichkeit, Geschichte vor Ort zu erleben“, erklärt Donato DeBellis, der an der Gesamtschule unter anderem Geschichte unterrichtet, und die Stolpersteinverlegung mit vorbereitet hat. „Die Jugendlichen werden kurze Biografien der Imdorfs vortragen – das ist für sie besser als jedes Geschichtsbuch“, so der Lehrer. Und seine Kollegin Katharina Wöhrl, Lehrerin am Goethe-Gymnasium, ergänzt: „Durch die Stolpersteine wird Geschichte für die Schüler sichtbar.“

Unterstützung bei der Verlegung bekommen die Gruppe Z und der Arbeitskreis Geschichte Mausbach unter anderem auch von den Kirchengemeinden. So stellt die Pfarre St. Laurentius im Anschluss an die Verlegung das Pfarrheim zur Verfügung. Hier wird Stolperstein-Künstler Gunter Demnig eine Ansprache halten. Außerdem soll es dann für die Gäste, allen voran den Nachfahren der Familie Imdorf, bei Kaffee und Kuchen genügend Zeit zum Austausch mit alten Freunden geben.

Die Dokumentation „Stolpersteine in Gressenich und Mausbach“ zur Erinnerung an die jüdische Großfamilie Imdorf kann unter anderem über die Gruppe Z und den Arbeitskreis Geschichte Mausbach bezogen werden, aber auch über den Verein der Freunde und Förderer der Pfarre St. Laurentius Gressenich.

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