Neue Militärseelsorgerin: Als Geistliche keine Scheu

Von: Annika Kasties
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Neue Dienststätte: Vermutlich schon zum November wird die Stolberger Pfarrerin Elke Gericke ihr Büro in der Donnerberg-Kaserne beziehen. Als neue Militärpfarrerin des Militärpfarramts Aachen verlässt sie die evangelische Kirchengemeinde Stolberg. Foto: L. Lange
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Neue Herausforderungen: Auch Auslandseinsätze gehören zu Elke Gerickes neuen Aufgabengebieten. Foto: A. Kasties

Stolberg. Zuhause bequem auf dem Sofa zu sitzen und das Weltgeschehen mit all seinen Krisen zu ignorieren, das kommt für Elke Gericke nicht in Frage. Dass die Pfarrerin christliche Nächstenliebe nicht nur sonntags im Gottesdienst predigt, sondern auch lebt, zeigt die gebürtige Wuppertalerin in Stolberg nicht zuletzt durch ihren Einsatz für Flüchtlinge.

Als Mitglied des Stolberger Flüchtlingsdialogs koordiniert sie mitunter die Vermittlung von Ehrenamtlichen.

Den Krisenherden der Welt dürfte Gericke jetzt noch ein gutes Stück näher kommen. Vermutlich schon zum November wird sie ihre Pfarrstelle in Stolbergs evangelischer Kirchengemeinde aufgeben. Und ihren Dienst als neue Militärseelsorgerin des evangelischen Militärpfarramts Aachen antreten. Das evangelische Militärpfarramt ist zuständig für die Standorte Aachen (Dr. Leo-Löwenstein-, Körner-, Lützow-Kaserne), Eschweiler (Donnerberg-Kaserne), Geilenkirchen sowie Mechernich und zugehörig zum Militärdekanat Köln. Der Sitz des Pfarramts ist in der Donnerberg-Kaserne.

Es sei vor allem die Suche nach neuen Herausforderungen gewesen, die Gericke dazu bewogen habe, sich auf die Pfarrstelle zu bewerben. „Die militärische Seelsorge hat mich gereizt“, sagt Gericke über ihre zukünftige Aufgabe in der Donnerberg-Kaserne.

Die Arbeit im evangelischen Militärpfarramt Aachen bringe ganz neue Arbeitsfelder mit sich. Anders als es in vielen Kirchengemeinden mittlerweile üblich ist, wird Gericke vorwiegend mit jungen Menschen zusammenarbeiten. Menschen, die sich mitunter in extremen Krisensituationen und Gewissenskonflikten wiederfinden. Die Soldaten in dieser teils schweren Situation zu begleiten und ihnen in Gesprächen beizustehen, sieht Gericke als ihre wichtigste Aufgabe.

Darüber hinaus wird Gericke lebenskundliche Seminare für die Soldaten in Aachen geben. In diesen Seminaren steht die ethische Auseinandersetzung mit dem Militärdienst im Vordergrund – ein Aspekt, der Gericke an der Tätigkeit als Militärpfarrerin besonders reizt. Wie gehe ich mit Tod und Verwundung um? Was bedeutet es, mehrere Monate von der Familie getrennt zu sein? Wie findet man nach einem Auslandseinsatz – verbunden mit teils traumatischen Erlebnissen – zurück in den Alltag?

Dass viele Menschen ihren christlichen Glauben nur unter Vorbehalt mit militärischen Einsätzen vereinbaren können, ist Gericke bewusst. Sie selbst komme aus der Friedensbewegung der 80er Jahre, ihr Mann habe aufgrund ebenjenes Gewissenskonflikts seinen Wehrdienst verweigert. „Natürlich gilt: Du sollst nicht töten. Doch ein Soldat geht in der Regel nicht mit dem Vorsatz in ein Krisengebiet, einen anderen Menschen zu töten“, betont Gericke und ergänzt: „Ich finde es schwierig, ein pauschales Urteil darüber zu fällen. Man kann natürlich sagen, dass man prinzipiell gegen den Einsatz von Waffen ist. Doch in unserer heutigen Weltlage ist das leider unrealistisch.“

Für die Pfarrerin steht fest: „Man darf sich nicht vor der Verantwortung davonstehlen, sich auch in Krisengebieten einzusetzen.“ Das gilt auch für sie selbst. Denn die Bereitschaft, Bundeswehreinsätze im Ausland zu begleiten, ist Voraussetzung für die Einstellung als Militärpfarrerin. Einsätze von viereinhalb Monaten, sei es in Afghanistan oder anderen Krisenherden, werden langfristig auch auf Gericke zukommen. „Natürlich ist es einfacher, hier zu bleiben und es sich bequem zu machen. Doch man muss bei den Menschen sein“, findet Gericke.

Eine Waffe werde sie nicht tragen. Das dürfe sie auch gar nicht. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges sind Militärgeistliche nicht mehr Bestandteil der Bundeswehrhierarchie, erklärt die Pfarrerin. Sie haben keinen militärischen Dienstgrad und tragen keine Uniform. Dies sichert ihnen eine Autonomie, die es ihnen erlaubt kritisch zu sein. Lediglich eine Schutzbekleidung müsse sie in bestimmten Situationen tragen.

Erst 2009 hatte Gericke die Pfarrstelle für den dritten Pfarrbezirk der evangelischen Kirchengemeinde in Stolberg übernommen. Dieser umfasst die Stadtteile Münsterbusch, Atsch, Liester, Mühle, Velau, Steinfurt sowie Teile Unterstolbergs. Ihre Nachfolge sei noch unklar. Der Gemeinde bleibe sie aber vorerst noch erhalten, zumindest zu einem gewissen Grad. So bleibe sie weiterhin Mitglied des Presbyteriums, ihren Predigtdienst werde sie noch bis zum Jahresende durchführen. Einige Arbeitsbereiche, die zu ihrem Kerngeschäft in Stolberg gehörten, werde sie auch als Privatperson weiterführen wollen, verrät Gericke mit Blick auf ihr Engagement in der Stolberger Flüchtlingshilfe.

Die Reaktionen auf ihren Wechsel an die Donnerberg-Kaserne beschreibt Gericke als überraschend positiv. „Ich hatte eigentlich gedacht, dass die Leute mich entgeistert fragen, warum ich das mache“, erzählt Gericke. Doch das Gegenteil sei der Fall. Sie erlebe – neben der Trauer über ihren Weggang – vor allem große Offenheit. „Die meisten sagen, dass die Militärseelsorge eine unheimlich wichtige Aufgabe sei, die gut zu mir passt.“

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