Stolberg - Namik meistert das Gymnasium mit Sehbehinderung

Namik meistert das Gymnasium mit Sehbehinderung

Von: Laura Beemelmanns
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Namik und Sonderpädagogin Isabell Wehe arbeiten im Unterricht viel am Laptop. Denn am PC kann sich der 13-Jährige die Buchstaben in der Größe einstellen, die er zum Lesen braucht (oben). Zum Schreiben senkt er seinen Kopf weit nach unten. So kann er die Buchstaben besser erkennen (unten). Foto: L. Beemelmanns
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Fotos: L. Beemelmanns

Stolberg. Der Block mit den extra großen Karos und das bis zum Rand mit Stiften gefüllte Federmäppchen liegen akkurat angeordnet in der rechten oberen Ecke auf Namiks Tisch. Links neben ihm steht ein Laptop, der einzige in diesem Klassenraum. Für den jungen Schüler vielleicht ist es vielleicht das wichtigste Utensil im Unterricht.

Für Namik und seine Mitschüler der Klasse 8b des Goethe-Gymnasiums steht an diesem Morgen Deutsch auf dem Stundenplan. Sie werden einen Text bearbeiten, ihn lesen, das Thema benennen, Fremdwörter suchen und erklären. Das bedeutet Konzentration und viel Lesen, das hat Klassen- und Deutschlehrerin Susanne Falk schon angekündigt.

Dann verteilt sie den Text. Ein einseitiges Schriftstück mit 60 Zeilen. Sie reicht einen Stapel durch die Reihen. Ein Blatt gibt sie Namik direkt in die Hand, es ist im Gegensatz zu den anderen in A3 ausgedruckt. Wäre es kleiner, könnte Namik es nicht lesen.

Angeboren, nicht operierbar

Namik, 13 Jahre alt, ein durchschnittlich guter Schüler, ist sehbehindert. Er hat einen untypischen oculocutanen Albinismus, der sich aufs Auge beschränkt –eine sehr seltene Diagnose; die Behinderung ist angeboren, nicht operierbar. Sein Sehvermögen ist stark eingeschränkt. Er ist weitsichtig und hat eine Hornhautverkrümmung. In der Ferne sieht er mit seiner Brille noch rund 40 Prozent, in der Nähe etwas mehr als zehn Prozent. Hinzu kommt eine Wahrnehmungsstörung. Namik beschreibt das so: „Bei zu kleiner Schrift schieben sich die Wörter ineinander.“ So werden sie für ihn unlesbar.

Der 13-jährige Stolberger sitzt im Klassenraum in der ersten Reihe. Er ist Klassenbuchführer, einer der Chefredakteure der Schülerzeitung „Goethes Faust“, gut in die Klasse integriert, selbstbewusst. Dass er eine Sehbehinderung hat, sieht man ihm nicht an. Er trägt eine Brille, ja, aber die tragen viele. Sie wird eher an anderen Dingen deutlich. Der größere Ausdruck des Textes etwa oder sein Laptop, das er immer mal wieder benutzt. Und auch der Platz in der ersten Reihe ist nicht zufällig gewählt. Würde er weiter hinten sitzen, könnte er die Schrift an der Tafel nicht lesen. Das vielleicht auffälligste Indiz dafür, dass Namik eine Sehbehinderung hat, ist aber, dass Isabell Wehe manchmal neben ihm sitzt. Sie besucht ihn einmal wöchentlich für zwei Schulstunden. Wehe ist Sonderpädagogin für den Förderschwerpunkt Sehen. Sie arbeitet bei der Johannes-Kepler-Schule in Aachen, eine Schule des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), die für sehgeschädigte Kinder und Jugendliche zuständig ist. Seit drei Jahren ist sie an Namiks Seite, zuvor hat ihn eine Kollegin betreut.

Isabell Wehe flüstert etwas in Namiks Ohr als er versucht, den Text für die Deutschstunde zu lesen. Er solle besser einen Textmarker hinzunehmen, um Wichtiges zu markieren. Immer wieder verrutscht er in den Zeilen, kommt nur langsam voran. Wehe beobachtet ihn genau und gibt ihm ein leeres Blatt Papier. Das legt Namik unter die jeweilige Zeile, die er liest. Nun klappt es besser. Ganz gelesen hat er den Text noch nicht als Deutschlehrerin Susanne Falk die erste Frage stellt. Aber er hat eine Idee und zeigt auf.

Hilfe durch Isabell Wehe erhält Namik immer dann, wenn sie sieht, dass er nicht weiterkommt. Er meldet sich nicht, er versucht es zunächst alleine. „Jeder, der mit Namik zu tun hat, muss Bescheid wissen“, sagt Wehe. Das mache es für ihn leichter. Denn nicht nur Susanne Falk druckt für ihn eine extra große Seite aus, das machen auch alle anderen Lehrer. In den Fächern, in denen es nicht mit einer größeren Kopie getan ist, werden andere Wege gesucht. So beispielsweise auch im Sportunterricht. „Für Namik ist es gut, wenn Bälle bunt sind und kontrastreiche Farben haben“, sagt Wehe. So einen Ball hat die Schule extra gekauft. Namik sei ohnehin ein „super Sportler“, sagt Wehe. „Ich bin auch beim DLRG“, sagt Namik selbst und blickt stolz auf während er den Text bearbeitet. „Dort bin ich Mitglied der Wachmannschaft.“

„Das ist schon so normal“

Klassenlehrerin Susanne Falk weiß, dass sie auf einige Dinge achten muss. Aber sie sagt: „Das ist schon so normal.“ Dass die Tafel gut gesäubert sein muss, damit Namik die neugeschriebenen Wörter und Zahlen auch lesen kann, wissen mittlerweile Lehrer wie Schüler. Dass er eine ruhigere Atmosphäre bevorzugt, um sich zu konzentrieren, auch. „Das kommt ja ohnehin allen Schülern zugute“, sagt Falk. Und dass er als einziger mit einem Laptop arbeitet, ist auch von allen Seiten akzeptiert. Denn auf dem Laptop kann er sich die Buchstaben so groß ziehen, wie er sie braucht. Auch Klassenarbeiten schreibt er darauf. „Namik muss dann allerdings in einen anderen Raum, damit die Schüler, die hinter ihm sitzen nicht abgucken können“, sagt Falk. Außerdem hat er 30 Minuten mehr Zeit, weil es für ihn schwerer ist, die Texte zu lesen.

„Das Goethe Gymnasium ist eine vorbildliche Schule in diesem Bereich“, sagt Wehe. In anderen Schulen hätten Betroffene nicht einmal WLAN im Klassenraum. Und allein das würde die Arbeit mit Sehbehinderten erschweren. „Oft sind es Alltagsgegenstände, die den Schülern helfen“, sagt sie. „Und es hilft, offen damit umzugehen. Wie gut das funktionieren kann – auch im Klassenverbund, das sieht man an Namiks Fall.“

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