Nachwuchs-Betriebsräte drücken die Schulbank

Von: Jürgen Lange
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Kiloweise Papier: Die Arbeit mit Betriebsverfassungsgesetz, Arbeits- und Sozialordnung, Betriebsratspraxis von A bis Z und jede Menge weiterer Vorschriften müssen die neu gewählten Betriebsräte erst einmal lernen. Die IG Metall hilft dabei mit vier Grundlagenseminaren. Foto: J. Lange
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Erlerntes Wissen in der Gruppenarbeit anwenden: Jenifer Schade (3.v.l.) von Inovan verfügt bereits über Erfahrungen mit der Gewerkschaftsarbeit. Foto: J. Lange
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Zwei erfahrene Betriebsräte und Gewerkschafter geben dem Nachwuchs gute Tipps: Ralf Radmacher (r., Stolberg) und Jörg Bogisch (Düren). Foto: J. Lange
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Kiloweise Papier: Die Arbeit mit Betriebsverfassungsgesetz, Arbeits- und Sozialordnung, Betriebsratspraxis von A bis Z und jede Menge weiterer Vorschriften müssen die neu gewählten Betriebsräte erst einmal lernen. Die IG Metall hilft dabei mit vier Foto: J. Lange

Stolberg/Schmidt. „Die jagen uns durch die Bücher“, schmunzelt Elmar und blättert fleißig durch einen Berg von Papier. „Wo steht das denn nun wieder?“, fragt sich nicht nur dieser Betriebsrat. „Das grüne Buch ist der Wegweiser durch die Gesetze“, erklärt Ralf Radmacher, und Jörg Bogisch hält die „Betriebsratspraxis von A bis Z“ in die Höhe.

„Der ,Schoof‘“, benannt nach seinem Autor, „ist eine hervorragende Handlungshilfe.“ Erst recht für die Betriebsräte, die am Anfang ihrer Karriere stehen.

Die Wahlen zu den Mitarbeitervertretungen in den Betrieben hatten eine „Flut von neuen Kollegen“ in die Verantwortung gespült. „Es ist schon ein Generationswechsel spürbar“, sagt Helmut Wirtz. Für die IG Metall Stolberg/Eschweiler war der Urnengang ein Erfolg. „Gewählt wurden in 26 Betrieben insgesamt 192 Mitglieder; lediglich drei Gewählte sind nicht Mitglied der IGM“, ist der 1. Bevollmächtigte stolz über den hohen Stellenwert seiner Organisation in den Belegschaften. Nun sind die Metaller dabei, ihre Vertreter fit zu machen für die Herausforderungen ihrer Amtszeit. Mehr als 80 Nachwuchs-Betriebsräte drücken in diesen Wochen die Schulbank. Mit alleine vier Seminaren „Betriebsrat I“ sollen erste Grundlagen gelegt werden für die weitere Arbeit – zusätzliche Aufbau-, Spezialisierungs- und Fortbildungsseminare bietet die Gewerkschaft vielfältig an.

Doch erst einmal geht‘s um das Grundsätzliche. Eine Woche lang haben sich die Metaller dazu traditionell im Hotel Roeb in Schmidt eingemietet. 19 frische Betriebsräte drücken die Schulbank. Ralf Radmacher und Jörg Bogisch wechseln ans Lehrerpult. Von ihren langjährigen Erfahrungen in den Ortsvorständen der beiden Verwaltungsstellen sowie als Prym-Europa- bzw. Anker-Betriebsratsvorsitzende kann der Nachwuchs nur profitieren.

Neun Aachener, sieben Dürener und drei Stolberger – Jenifer Schade (Inovan), Daniel Mrosek (Aurubis) und Siegfried Pohl (Leoni) – machen sich in der Woche auf den Weg durch den vermeintlichen Dschungel von Paragrafen und Vorschriften. Betriebsverfassungsgesetz, Arbeits- und Sozialordnung und der „Schoof“ sind die wichtigsten Wegbegleiter durch die Rechte und Pflichten von Arbeitnehmern.

Aber eben nur Wegbegleiter. Anhand von Fallbeispielen verdeutlichen Radmacher und Bogisch das Textstudium von Rechtsvoraussetzungen und -folgen. Da geht es beispielsweise darum, dass der Arbeitgeber immer der Handelnde ist, der Betriebsrat aber Vorschläge unterbreiten kann. „Wenn ihr als Betriebsrat einfach einen Getränkeautomat anschafft, dann bleibt ihr an den Kosten hängen, wenn‘s der Arbeitgeber nicht mitträgt“, plaudert Ralf Radmacher aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz. „Alles schon geschehen.“

Was in Tarifverträgen geregelt ist, kann ein Betriebsrat nicht mehr verhandeln, „es sei denn, es gibt eine Öffnungsklausel dazu“, verdeutlicht Jörg Bogisch einen anderen Baustein im Basiswissen der Arbeitnehmervertreter. „Und wenn der Betriebsrat etwas regelt, kann der Arbeitnehmer nicht darauf verzichten.“ Werden beispielsweise 16 Stunden zusätzliche Freizeit pro Woche ausgehandelt, dann haben die Kollegen auch frei zu machen und „dürfen ihre Arbeitszeit dem Unternehmen nicht schenken“, schmunzelt Bogisch.

Das sind nur einige Beispiele an diesem Vormittag, die anhand von Paragrafen und Kommentierungen erläutert werden. „Wichtig ist, dass die neuen Betriebsräte lernen, wie mit den Gesetzestexten umzugehen ist, und wo sie zu ihrem Problem den passenden Paragrafen finden“, macht Ralf Radmacher klar. Für die meisten Teilnehmer ist das absolutes Neuland. „Ihr werdet über die Jahre zwar immer besser“, ermuntert Radmacher und zeigt zugleich Grenzen auf, „aber ihr seid keine Anwälte oder Richter. Das zu erwarten, wäre vermessen.“ Wo Grenzen sind, ist der Punkt erreicht, wo Betriebsräte einfach den Sachverstand von Juristen, Wirtschaftsprüfern oder anderen Fachleuten einholen müssen.

Und so macht sich der Kurs nach einer kurzen Verschnaufpause auf zur Gruppenarbeit. „Was muss ein Betriebsrat nach seiner Wahl regeln, um arbeitsfähig zu sein?“ „Wie ist das formale Vorgehen bei einer Betriebsratssitzung?“ oder „Wie arbeitet der Betriebsrat mit Jugendarbeitnehmer-, Schwerbehindertenvertretung und Gewerkschaft zusammen?“ sind die Fragestellungen, die den Teilnehmern helfen sollen, sich und ihre Arbeit im betrieblichen Alltag grundlegend zu organisieren. „Dabei kommt es uns durchaus schon auf die richtigen Formulierungen an“, sagt Bogisch. „Daran müssen sich Betriebsräte einfach von Anfang an gewöhnen.“

Und die sitzen dann in vier Gruppen zusammen, mal mehr, mal weniger mit rauchenden Köpfen beim Ritt durch Paragrafen, Randbemerkungen und Urteilen. Um ein wenig Zurückhaltung in ihrer Gruppe ist Jenifer Schade bedacht. Sie ist eine der wenigen jungen Betriebsräte, für die Gewerkschaftsarbeit kein Neuland ist.

Seit Jahren engagiert sie sich bereits in der Jugend der Stolberger IG Metall und durfte Ralf Radmacher schon öfter über die Schulter schauen bei seinen Verpflichtungen für die Gewerkschaft sowie bei Inovan und der Prym-Gruppe. „Dabei habe ich sicherlich schon viele gute Erfahrungen sammeln können“, gesteht Schade, die sich in ihrer Heimatstadt Eschweiler auch in der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen der SPD engagiert. „Aber so intensiv wie hier habe ich mich mit den Herausforderungen der Betriebsratsarbeit auch noch nicht auseinandersetzen können.“

Doch immerhin kann die Gewerkschafterin ihren Kolleginnen und Kollegen in der Gruppe wichtige Tipps geben, welche Formalien zu erfüllen sind, um eine ordnungsgemäße Betriebsratssitzung einzuberufen. Derweil sitzt im Nachbarraum die Gruppe um Siegfried Pohl beieinander und hat ein Problem. Denn je nach Größe des Unternehmens und seiner Struktur etwa als Konzerntochter richten sich auch die Größe eines Betriebsrates und die zu bildenden Gremien.

Eine Lösung ist schnell gefunden: Die Gruppe einigt sich auf einen Betrieb mit 51 bis 100 Beschäftigten mit fünf Betriebsratsmitgliedern, aber ohne Konzernstrukturen. Aber selbst bei dieser überschaubaren Organisationsform bleibt vieles zu beachten auf dem Weg zu einer arbeitsfähigen Arbeitnehmervertretung. Dass sie mit ihrer Analyse weitestgehend richtig liegen, zeigt sich anschließend beim Vortrag vor dem Auditorium. Nur eine Anregung bleibt in der Diskussion den beiden Seminarleitern. „Macht am besten eine Klausurtagung“, rät Ralf Radmacher. Dabei soll sich der neue Betriebsrat klar werden über seine kurz- und langfristigen Zielen. Solche Tipps stehen natürlich nicht in den Gesetzesbüchern.

Aber diese werden am Nachmittag und in den folgenden Tagen weiter strapaziert. Dann geht‘s um konkrete Fälle, die auch ein neuer Betriebsrat lösen können sollte: Da behauptet der Arbeitgeber, ein Mitarbeiter habe seiner Versetzung in eine andere Abteilung zugestimmt, aber das, so erfährt es der Betriebsrat, geschah nur aufgrund der Drohung der Personalleiterin mit einer betriebsbedingten Kündigung. Überstunden, Sonderschichten, flexible Arbeitszeiten sind weitere Herausforderungen, bei denen die Betriebsräte sich über ihre Ziele und ihr Vorgehen klar werden müssen – und das natürlich auf Basis der Gesetze.

Und selbst wenn man sich nach der einwöchigen Schulung fit fühlt, so kann dort doch nur eine Basis gelegt werden für die Arbeit im Betriebsrat. Aber mit der Zeit „werden sie immer besser“, weiß Radmacher. Dazu zählt auch, dass die meisten Gewerkschafter bei der Stange bleiben. „Wer erst einmal seine Freude an der Betriebsratsarbeit gefunden hat, bleibt am Ball“, sagt der erfahrene Stolberger Gewerkschafter und Betriebsratsvorsitzende.

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