Mohamed Lalmiah hat das Leben in der Fremde angenommen

Von: Leona Otte
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Mohamed Lalmiah kam vor zweieinhalb Jahren als junger unbegleiteter Flüchtling nach Stolberg. Heute ist er froh, in der Stadt zu wohnen und hier Fuß gefasst zu haben. Foto: L. Otte
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Mohamed Lalmiah absolviert derzeit eine Lehre zum Koch. Das Kochen macht ihm einfach viel Spaß.

Stolberg. Mohamed Lalmiah hat es geschafft. Als unbegleiteter junger Flüchtlinge kam er nach Deutschland. Inzwischen hat der junge Mann in Stolberg Fuß gefasst. Immer mehr junge Menschen fliehen ganz alleine aus ihrer Heimat. Lassen fast alles hinter sich, überwinden, wenn sie überleben, Meere, ganze Landstrecken.

Sehen einer unsicheren Zukunft entgegen und einem Leben in der Fremde. Jedes Jahr kommen tausende „unbegleitete minderjährige Ausländer“, so die bürokratische Fachterminologie, in die Bundesrepublik Deutschland. Meist in der Hoffnung hier ein besseres Leben vorzufinden. Doch erwartet sie hier oft eine ganz andere Realität.

Erst unlängst wies der Geschäftsführer von Unicef Deutschland Christian Schneider auf die desolaten Umstände hin, mit denen sich selbst Flüchtlingskinder, die sich hierzulande mit ihren Eltern aufhalten, zuweilen konfrontiert sehen: keine Kita, Warten auf Unterricht, Ausharren in Sammelunterkünften, kein ausreichender Schutz vor Gewalt und Missbrauch, kaum Zugang zu Spiel- und Lernangeboten sowie zur psychologischen Betreuung, nur die notwendigste medizinische Versorgung.

Dies gilt gleichermaßen für unbegleitete minderjährige Ausländer, auch, wenn sich derweil ihre Situation in Deutschland im Vergleich zu den Begleiteten etwas anders gestaltet. Wir haben einen jungen Mann besucht, der im Gegensatz zu vielen anderen Kindern und Jugendlichen viel Glück gehabt hat, hinsichtlich seiner Ankunft, seines Umfeldes, seines Werdeganges. Es riecht nach Essen: nach Bratkartoffeln und gedünstetem Gemüse. Mohamed Lalmiah, der kurz nur Lalmiah genannt wird, hat gekocht.

Mit Augenzwinkern

Nach einem herzlichen Empfang in seiner Wohnung in der Kupferstadt trifft er noch die letzten Vorbereitungen. Bietet Getränke an, verteilt das Geschirr und stellt mit Käse überbackene Teigrollen auf den Tisch: „Gefüllt mit Kartoffeln und ,Schweinefleisch‘“, verkündet der Muslim augenzwinkernd. Es wird gelacht.

Vor zweieinhalb Jahren, im September 2014, kam er aus dem etwa 7300 Kilometer entfernten Bangladesch zu uns nach Deutschland. Dort in seiner alten Heimat, wo er geboren und aufgewachsen ist, konnte er nicht bleiben. Nach einer sehr einschneidenden Zeit, deren Details an dieser Stelle unausgesprochen bleiben, findet er sich schließlich nach der Flucht in der Erstaufnahmestelle des Agnesheimes in Stolberg wieder. Mit gerade einmal 16 Jahren.

Zu dem Zeitpunkt erwies sich die Situation für unbegleitete minderjährige Ausländer in Deutschland noch als ungemein schwierig. Zurückzuführen ist dies auf den Umstand, dass die Bundesregierung im Jahr 1992 die UN-Kinderrechtskonvention, die als rechtlich verbindliches Instrumentarium zum Schutz aller Kinder weltweit geschaffen wurde, unter dem Vorbehalt ratifizierte, dass sie keine unmittelbare innerstaatliche Anwendung in Deutschland finden könne.

Dass insbesondere die Konvention nicht das Recht beschränke, Gesetze und Verordnungen über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern zu erlassen. Damit war das Menschenrechtsabkommen, welches im Grunde ein Meilenstein in der Entwicklung der Kinderrechte sein sollte, zugleich anerkannt, für unbegleitete Flüchtlingskinder hierzulande bis 18 Jahre jedoch ausgehebelt.

Leistungen reduziert

Die Folge: Nicht das Kindeswohl und nicht ihre besondere Schutzbedürftigkeit fanden primär ihre Berücksichtigung, sondern eingeschränkte Rechte, reduzierte Leistungen, ein unsicherer Aufenthaltsstatus, mangelnde Förderung und verweigerte Bildungsmöglichkeiten.

Über zwei Jahrzehnte galten die jungen Flüchtlinge als Kinder zweiter Klasse, in weiten Teilen wurden sie sogar durch die ausländerrechtliche Verfahrenspraxis wie Erwachsene behandelt. 2010 wurde die Vorbehaltserklärung nach langjähriger Kritik seitens der Bundesregierung zurückgezogen. Und damit, wie mit den ersten legislativen Handlungsmaßnahmen im Jahr 2015, der Weg geebnet, um die Situation für unbegleitete minderjährige Ausländer zu verbessern.

Lalmiah hat Glück gehabt. Ihm begegnen damals in der Jugendhilfeeinrichtung Menschen, die sich rund um die Uhr um ihn kümmern, die ihm helfen, anzukommen und sich einzuleben. Zusammen mit sechs anderen Jungs aus aller Welt erlebt er hier wieder ein Stück weit Normalität: zusammen kochen, Musik machen, schwimmen gehen oder hier und da mal ein Kinobesuch.

Er findet Freunde, die wie eine Familie für ihn werden. Überdies lernt er wieder, was es heißt, seinem Alltag eine Struktur zu verleihen. Wie bedeutsam es ist, einen geregelten Tagesablauf zu haben, zur Schule zu gehen und Deutsch zu lernen.

Der junge Mann arbeitet hart, ist fleißig und macht nach einiger Zeit am Berufskolleg in Stolberg seinen Hauptschulabschluss. Darüber hinaus absolviert er in einem Zweifaller Restaurant ein Praktikum. Auf Grundlage dessen beginnt er im September 2016 eine Ausbildung zum Koch. Ein wichtiges Gut, denn viele Arbeitgeber sind sich der Bedeutung, dass sie im Zuge jüngster Gesetzesänderungen den Menschen anderer Herkunft eine potenzielle, längerfristige Bleibeperspektive in Aussicht stellen, gar nicht bewusst.

Nun sitzen wir hier. Das Essen schmeckt köstlich. Und als Lalmiah Bilder von drapierten Speisen zeigt, die er in der Weihnachtszeit zusammen mit seinem Chef gezaubert hat, wird offensichtlich mit wie viel Hingabe und Leidenschaft er seinem Job nachgeht: „Die Ausbildung bedeutet mir sehr, sehr viel. Ich habe einen netten Chef und auch nette Kolleginnen. Alle sind höflich zu mir, und die Arbeit macht sehr viel Spaß“, berichtet Mohamed Lalmiah.

Wenn er neben dem Beruflichen und dem Lernen für die begleitende Berufsschule die Zeit dafür findet, dann macht Lalmiah gerne Sport. Er spielt Fußball, Badminton und hin und wieder im Sommer, wenn es warm ist, Kricket mit seinen Jungs.

Manchmal läuft er buchstäblich auch auf Händen durch sein Leben: „Mein Onkel hat immer viel Sport gemacht. Früher, als ich kleiner war, hab ich viel mit ihm zusammen unternommen“, erinnert sich der mittlerweile 18-Jährige.

In der Regel stellt der 18. Geburtstag für die meisten Jugendlichen etwas Besonderes dar, weil er unmittelbar den Übergang zum Erwachsenendasein markiert, welches bekanntlich mit viel mehr Freiheiten verbunden ist und einem ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge hingegen bedeutet er in den meisten Fällen das Ende der Jugendhilfe. Damit verbunden ist oft das Gefühl der Angst, weil sie, wenn keine weitere Betreuung vorgesehen ist, fortan auf sich alleine gestellt sind.

Die Auswirkungen sind ganz unterschiedlich. Manche kommen gut mit der Situation zurecht, andere fallen tief. Plötzlich interessiert es kaum einen mehr, dass sie als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland gekommen sind und vor kurzem noch als besonders schutzbedürftig galten. Insofern stellt sich immer die Frage, inwieweit die Jugendhilfe im Vorfeld ihr gesamtes Potenzial ausgeschöpft und auf diese Situation hingearbeitet hat.

Kleine Wohnung

Den Bemühungen der zuständigen Institutionen in Stolberg ist es zu verdanken, dass für Lalmiah nach seinem 18. Geburtstag alles gut verlief. Durch seinen Ausbildungsplatz kann er sich seine erste kleine Wohnung leisten. 35 Quadratmeter. Ein Zimmer. Küche. Bad. Er selbst fühlt sich ausgesprochen wohl in seinen eigenen vier Wänden, auch seine Vermieter sind glücklich, ihn im Haus zu haben.

Wenn Lalmiah nach draußen geht, blickt er über die weiten Felder der Kupferstadt. Hier kann er spazieren gehen, mit Freunden oder alleine. Mal für Momente die Vergangenheit ruhen lassen. Mal nicht an die Familie denken, mal nicht an die Sorgen, die sein Leben begleiten.

Ihn beschäftigen dann all die schönen Dinge, die ihm in Stolberg widerfahren: Die Menschen, die sein Leben bereichern, wie seit Kurzem seine Patin, seine Ausbildung, die Tatsache, dass er Fuß gefasst hat und mittlerweile eigenständig ist, Briefe schreiben- und Termine wahrnehmen kann. Das war nicht immer so. Niemand hätte es in einer solchen Situation leicht, gerade am Anfang, in einem unbekannten Land.

Neue Eindrücke

So viele neue Eindrücke, eine andere Kultur, eine fremde Sprache, die es sich anzueignen gilt, wo jeder einzelne Buchstabe neu erlernt werden muss. Doch Lalmiah macht das nichts aus. Im Gegenteil: Für ihn geht es nicht nur um den Willen zur Integration, sondern vielmehr um den Aspekt der Partizipation.

Er will einfach alles gut machen, erzählt er, sich entwickeln und einen Beitrag leisten: „Ich finde das Leben in Deutschland und hier in der Gegend schön. Es ist ruhig. Und ich finde auch die Gesetze vom Staat gut, weil man hier viel freier leben kann als in manchen anderen Ländern“, sagt er.

Dann wirkt er plötzlich etwas in sich gekehrt: „Aber manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich fernsehe oder Radio höre, dass immer gesagt wird ,Muslime sind Terroristen‘. Ja, ich bin auch muslimisch, das heißt aber noch lange nicht, dass ich ein Terrorist bin. Wenn etwas passiert, finde ich es genauso schlimm wie jeder andere. Und frage mich, warum machen die das? Das will doch keiner.“

Diese Verallgemeinerungen machen ihn traurig, und Lalmiah distanziert sich mit seinen klugen Worten und seinen jungen Jahren ganz klar von allen Formen der Radikalisierung.

Was für ihn zählt, ist der Augenblick. Und in diesem ist er glücklich und dankbar für das Leben in der Kupferstadt. Die Zukunft ist noch ungewiss: „Ich weiß auch nicht, was noch kommen mag“, äußert er zum Schluss. Doch er hat Träume, die er verwirklichen möchte: Den Führerschein machen, seine Ausbildung abschließen, vielleicht sogar irgendwann ein Haus bauen.

Ganz normale Träume eben für einen 18-Jährigen, der es zwar mit Unterstützung und Glück, aber letztlich bis hierher doch ganz allein geschafft hat.

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