Modellbauer hat sein Hobby zum Beruf gemacht

Von: Dirk Müller
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Rainer Hildebrand umgeben von „Scale“-Modellen. In den Händen hält er den ersten von Eugen Sänger konzipierten Raumgleiter, der als Vorfahr des Space-Shuttles gilt. Tatsächlich ist das Original wegen des Zweiten Weltkriegs nie gebaut worden, es existiert lediglich ein Windkanalmodell, das im Deutschen Museum ausgestellt ist. Collage: H. Claßen

Stolberg. Viele Freunde des Mittelalters kennen ihn unter dem Namen „Ranes Haduwolff“, seinen Nachbarn in Breinig ist sein bürgerlicher Name Rainer Hildebrand wohl eher geläufig. Seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt Hildebrand sich mit der Darstellung von Geschichte und hat aus seiner großen Leidenschaft auch seinen Beruf gemacht: Er ist Modellbauer.

Als solcher hat Hildebrand die erste „Interscale Stolberg“ Modellbauausstellung, die am Wochenende im Museum Zinkhütter Hof stattfindet (siehe Infokasten), organisiert. Dirk Müller sprach mit dem geschichtsbegeisterten Modellbauer über seine Passion und die Ausstellung.

Wie sind Sie zum Modellbau gekommen?

Hildebrand: Ganz klassisch. Als Kind habe ich einen Bastelbausatz bekommen und losgelegt. Der Modellbau wurde schnell mein Hobby und im Zuge meines wachsenden Interesses für Geschichte hat sich das Hobby dann immer weiterentwickelt und ist zu meinem Beruf geworden.

Wie sieht der Beruf Modellbauer aus?

Hildebrand: Ungemein vielfältig. Meine Auftraggeber sind zum Beispiel Sammler, die ganz spezielle Wünsche haben, und ein Modell besitzen möchten, das es auf dem Markt nicht gibt. Oft sind dies sehr konkrete Situationen, also keine einzelnen Modelle sondern eher Dioramen, die ganze Szenerien zeigen. Im Beruf fertige ich auch viele Modelle in Originalgröße an, etwa für Museen, die immer wieder authentische Modelle aus vielen Bereichen benötigen. Außerdem arbeite ich als Berater und Modellbauer für Film und Fernsehen – da kann ein Modell auch schon mal 12 Meter hoch sein.

Was war das für ein Modell?

Hildebrand: Ein „Blide“ genanntes mittelalterliches Belagerungsgerät. Diese große und präzise Wurfwaffe habe ich für die „Burg- und Schlossgeschichten“ in Echtgröße gebaut. Die „Burg- und Schlossgeschichten“ bildeten eine 12-teilige Serie des Süddeutschen Rundfunks, die ich komplett ausgestattet habe. Clou war, dass ich auch noch als Statist vor der Kamera gestanden habe, was sehr viel Spaß gemacht hat.

Kommen in Film und Fernsehen nicht immer Computeranimationen zum Einsatz?

Hildebrand: Schon, aber das Auge des Menschen ist nicht so leicht zu überlisten, und Modelle sind optisch immer noch jeder Computergrafik überlegen. Wirklich gute Spezialeffekte entstehen heute meist in der Kombination aus Modellen und digitalen Animationen. Wenn beides zusammenwirkt sind die Szenerien realistisch.

Sie veranstalten am Wochenende im Museum Zinkhütter Hof die erste „Interscale Stolberg“. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Hildebrand: Es ist eine internationale Modellbauausstellung mit Teilnehmern aus Deutschland, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden. Schwerpunkt wird der „Scale“-Modellbau sein. „Scale“ heißt Maßstab, und bei dieser Form des Modellbaus geht es darum, möglichst genaue Abbilder des Originals zu schaffen. Wenn ein aus dem richtigen Blickwinkel geschossenes Foto vom Modell nicht von dem Foto des Originals zu unterscheiden ist, dann ist das Modell perfekt. Die „Hauptmodelle“ werden von den Bauern auch gerne in Dioramen dargestellt, also in Szenen und ganze Landschaften eingebettet – es sind Standbilder einer speziellen Situation. Und die „Scale“-Modellbauer legen meist Wert auf besondere Details.

Was sind das für Details?

Hildebrand: Dinge die das realistische Aussehen betreffen. Flugzeuge sind zum Beispiel in den seltensten Fällen blitzeblank. Bei einem Schiffsmodell etwa gehört Rost und Dreck an der Ankerkette dazu. Liegt es in einem Hafenbecken, hat das Meerwasser seine Spuren an der Hafenmauer hinterlassen. Bei „Scale“-Modellen handelt es sich meist nicht um idealisierte Darstellungen sondern um Abbilder der Originale in der Realität – Abnutzungserscheinungen, Verwitterung, Schmutz und dergleichen inbegriffen.

Worin liegt der besondere Reiz beim „Scale“-Modellbau?

Hildebrand: Die Detailgenauigkeit und die Authentizität des Modells erfordern, dass die „Scale“-Modellbauer sich viele Gedanken machen. Sie sind neugierige Menschen, forschen in der Geschichte und müssen oft echte Detektivarbeit leisten. Das hält den Kopf fit, und schon die Recherchen machen viel Spaß. Je nach Modell gibt es ja gar kein Original mehr, dann müssen Pläne, Fotos und Zeichnungen bemüht werden. Ältere Fotos sind aber schwarz-weiß, und schon beginnt die Detektivarbeit, denn es gilt herauszufinden, welche Farben bei dem Original verwendet wurden. Das Schöne bei dieser Art von Beschäftigung mit Geschichte ist, dass am Ende eben nicht nur das theoretische Wissen sondern mit dem Modell ein plastisches Resultat zum Anfassen der Lohn für die Nachforschungen ist.

Welche Tipps können Sie als Profi den Hobbymodellbauern und denen, die es vielleicht noch werden wollen, geben?

Hildebrand: Wichtig ist, mit gesunder Bescheidenheit an Modellbauprojekte zu gehen. Man sollte sich vorher fragen, wie realistisch das Modell werden soll, und im Vorfeld abschätzen, was man in welcher Zeit leisten kann. Wer auf dem Teppich bleibt, hat Freude am Modellbau. Vieles sieht auf den ersten Blick einfach aus, es empfiehlt sich aber, lieber klein anzufangen, damit das Modell nicht halbfertig liegen bleibt. Ein beliebtes Beispiel ist die Titanic. Das Schiff nachzubauen, ist für Einsteiger eher nicht zu empfehlen, da die Modellbauambition bei diesem Vorhaben ebenso sinken kann wie das Original. Um aus einem guten Bausatz ein anspruchsvolles Titanic-Modell anzufertigen, brauchen Hobbymodellbauer einige Erfahrung und viel Geduld – sie sollten mit gut einem Jahr Bauzeit rechnen. Es sei denn, sie möchten die Titanic als Kartonmodell bauen. Dann sollten sie sich sogar auf eine drei- bis vierjährige Bauzeit einrichten.

Einige Kartonmodellbauer werden auch bei der ersten Auflage der „Interscale Stolberg“ vertreten sein.

Hildebrand: Ja, auf diese „Special Guests“ freue ich mich sehr, weil wirkliche Könner dieser seltenen Zunft bei uns in Stolberg zu Gast sind. Das europaweit größte Forum „Kartonbau.de“ ist mit einem Team vertreten und wird viele Höhepunkte des Kartonmodellbaus präsentieren. Es werden zum Teil metergroße Modelle mit Tausenden Einzelteilen zu bewundern sein, aber auch kleine, äußerst filigrane Modellbaukunstwerke. Alles vollständig aus Pappe und ganz penibel mit viel Liebe zum Detail angefertigt.

An wen richtet sich die Modellbauausstellung?

Hildebrand: Wir erhoffen uns viel Zuspruch von unterschiedlichen Besuchern. Die Schau richtet sich natürlich an Modellbauer und Leute, die Interesse daran haben und vielleicht selbst mit dem Hobby beginnen möchten. Aber auch andere Menschen werden angesprochen. Jeder, der sich für Geschichte interessiert, für Luftfahrt, Architektur, Science-Fiction, Schifffahrt oder Raumfahrt und andere Bereiche begeistert, wird bei der „Interscale Stolberg“ ganz bestimmt fündig. Für die rund 40 Aussteller wie die Besucher der Schau ist die „Interscale Stolberg“ auch eine Plattform, um ins Gespräch zu kommen. Es ist eben keine große, kommerzielle Messe, sondern ganz bewusst eine Ausstellung mit familiärem und kommunikativem Charakter. Wir Modellbauer möchten zeigen, was wir so machen, und uns gerne untereinander austauschen und natürlich auch mit den Ausstellungsbesuchern in persönlichen Kontakt kommen.

Soll die „Interscale“-Schau als eine Ausstellungsreihe in der Kupferstadt etabliert werden?

Hildebrand: Sehr gerne. Ich hoffe die Modellbaukollegen langfristig an Stolberg binden zu können, so dass die „Interscale“ jährlich hier stattfinden kann. Die Kupferstadt hat als Ausstellungsort viele Vorteile, etwa die geografische Lage im Dreiländereck. Eine vergleichbare Ausstellung gibt es im Umkreis von gut 100 Kilometern nicht, und das Museum Zinkhütter Hof ist für die „Interscale Stolberg“ optimal. Der Zinkhütter Hof bietet genügend großen Ausstellungsraum und Parkplätze sowie ein tolles Ambiente. Für uns Modellbauer ist es schon etwas Besonderes in so einem interessanten Museum ausstellen zu können, und die Besucher erleben nicht nur Modellbau sondern auch noch Industriegeschichte. Hinzu kommt, dass die Zusammenarbeit mit der Museumsleitung sehr unkompliziert und äußerst angenehm ist. Im Zinkhütter Hof kann die „Interscale Stolberg“ durchaus zu einer festen Institution in der Kupferstadt werden.

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