Stolberg - Mit Nadel und Faden: Entschleunigung in der digitalen Welt

Mit Nadel und Faden: Entschleunigung in der digitalen Welt

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
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Erfolgserlebnis schon nach der ersten Stunde: Damenschneiderin Karina Schiffers (l.) erklärt Madeleine im Einsteigerkurs wie sie einen Schlauchschaal näht. Foto: A. Kasties
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Die Chemie muss weg: Bevor sie den Stoff zu einer Krabbeldecke für ihre Tochter verarbeiten kann, muss Sabrina Koenig ihn zunächst mit heißem Dampf bügeln.
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Planung muss sein: Für den richtigen Schnitt muss der Stoff zunächst ausgemessen werden.

Stolberg. Zufrieden ist Sabrina Koenig mit ihrer Zeichnung noch nicht. „Ich glaube, so wird das eine Riesendecke“, sagt die 29-Jährige und blickt skeptisch auf ihre Stoffschnitte. „Da muss ich noch mal neu rechnen.“ Ihre Tochter, die in einigen Monaten zur Welt kommt, soll auf der Patchworkdecke zwar genug Platz zum Krabbeln haben. So viel müsse es dann aber doch nicht sein.

Es ist der erste Nähversuch der Versicherungskauffrau, die seit diesem Monat einen Einsteigerkurs an der Prym Akadamie besucht. Ihre Großmutter habe ihr zwar vor vielen Jahren grob den Umgang mit Nadel und Faden gezeigt. Der Wunsch, selbst Kleidungsstücke und Accessoires herzustellen, sei bei ihr jedoch erst mit der Schwangerschaft entstanden. „Es gibt so schöne Babysachen, die man selber machen kann“, betont Koenig, während sie rosa Stoff mit einem Rollschneider zu 22 mal 22 Zentimeter großen Quadraten zuschneidet. Und sie liegt mit dieser Einstellung voll im Trend.

Mach es selbst!

Stricken, Häkeln, Nähen. Das ist längst nicht mehr nur eine Freizeitbeschäftigung für Ältere. Gerade auch bei jungen Menschen boomt die Handarbeit. Unter dem Stichwort „Do it yourself“ – zu deutsch: Mach es selbst – tummeln sich im Internet zahllose Anleitungen für Hobbybastler. Die Suchmaschine Google listet unter dem Schlagwort knapp 50 Millionen Suchergebnisse auf. Für die Abkürzung „DIY“ sind es sogar 1,7 Milliarden. Selbermachen ist in, und das wird es in den kommenden Jahren wohl auch bleiben, so die Prognose der Trendforscher.

Ein Blick in das Angebot an Handarbeitskursen in Stolberg zeigt: Das Hobby ist in der Kupferstadt längst etabliert. Allein an der Prym Akademie im Werksverkauf des Stolberger Unternehmens weist das Kursprogramm für das aktuelle Semester 118 Kurse auf. Den Einsteigerkurs, in dem Sabrina Koenig ihre Patchworkdecke näht, leitet Karina Schiffers. Die 41-Jährige gelernte Damenschneiderin gibt seit einem Jahr Nähkurse an der Prym Akademie.

Das Interesse der Stolberger an der Handarbeit, so Schiffers, sei groß. „Die Kurse sind fast immer ausgebucht.“ Pro Jahr besuchen diese zwischen 2000 und 2500 Teilnehmer. Und das über Generationen hinweg: vom achtjährigen Schulkind, das sein Schulmäppchen in den Ferien selbst näht, bis hin zur Rentnerin, die ihre neu gewonnene Freizeit nun kreativ gestalten will.

Ein kreatives Hobby hat auch Madeleine gesucht. Unterm Weihnachtsbaum der 24-jährigen Krankenschwester lag deshalb im zurückliegenden Jahr eine Nähmaschine. Im Einsteigerkurs von Karina Schiffers will sie nun lernen, damit umzugehen. Für den ersten Kurstag habe sie sich für etwas Einfaches entschieden, einen ringförmigen Schlauchschaal aus Jerseystoff, der kein Anfang und kein Ende hat. „So kann ich wenigstens heute schon mit einem Ergebnis nach Hause gehen“, sagt Madeleine und fixiert die Nadeln an den Stellen, an denen sie den Stoff später mit der Nähmaschine bearbeiten wird. Für sie ist das Nähen ein willkommener Ausgleich zur stressigen Arbeit. Der Bonus: Es lässt sich flexibel mit ihrem Schichtdienst vereinbaren.

Das Publikum wird jünger

Für Ralf Schings repräsentieren Madeleine und ihre Mitstreiterin Sabrina Koenig eine Entwicklung, die er schon länger beobachtet. „Das Publikum wird jünger“, sagt der Leiter der Prym Akademie. Viele Frauen zwischen 25 und 35 Jahren, die selbst in der Schule keine Handarbeit gelernt hätten, entdeckten die Tätigkeit für sich. In einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft suchen die Menschen nach Entschleunigung, vermutet er. „Die Leute wollen sich wieder intensiver mit Dingen beschäftigen.“ Und das gerne auch in der Gruppe.

Diese Einschätzung teilt auch Marianne Kaufmann. „Nicht das Produkt ist das Ziel, sondern der Weg dahin“, sagt die stellvertretende Leiterin des Helene-Weber-Hauses. „Für immer mehr Menschen ist Handarbeit ein Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsleben.“ Deshalb wird auch an der Oststraße immer mehr genäht und gestrickt. Die Nachfrage sei hoch.

Darum habe sich auch das Helene-Weber-Haus als Träger weiterentwickeln müssen. „Der Anspruch der Teilnehmer an Handarbeits-Kurse ist gestiegen.“ Moderner, frecher, farbenfroher, so beschreibt Kaufmann die aktuelle Entwicklung in dem Bereich. Hoch im Kurs stehe zurzeit zum Beispiel die Vorbereitung auf die Karnevalstage. Statt zum Hexenkostüm von der Stange greifen viele Menschen lieber wieder selbst zu Nadel und Faden und stellen ihr ganz eigenes Outfit für die närrische Zeit her.

Das zeigt sich auch am Stoffhaus am Schellerweg. Dort herrscht zurzeit reger Betriebe, teilt Inhaber Roland Wicking mit. Und auch er beobachtet: Seine Kundschaft wird jünger und scheint lieber ihren eigenen Trend setzen zu wollen statt den Outfits aus Modekatalogen hinterherzujagen.

Individualität statt Massenware

Individualität statt Massenware, diese Motivation beobachtet Kaufmann bei vielen ihrer Kursbesuchern. „Die Handarbeit ist auch ein Weg, sich von der Wegwerfgesellschaft zu distanzieren“, sagt Kaufmann, die seit rund 20 Jahren den Fachbereich Kulturelle Bildung, Gesundheit und Ernährung leitet. „Selbst erstellte Dinge haben einfach einen höheren Wert.“

Dem wird Sabrina Koenig zweifelsfrei zustimmen, sobald die Krabbeldecke ihrer Tochter fertig ist. Schließlich weiß sie ganz genau, wie viel Rechenarbeit erforderlich war, bis sie endlich die richtige Größe für die Quadrate der Patchworkdecke ermittelt hatte.

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