Mit 90 Jahren noch Lehrerin

Von: Naima Wolfsperger
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Hedwig Kohlhaas unterrichtet mit ihren 90 Jahren noch. Sie erinnert sich an die Anfänge ihres Berufslebens. Foto: N. Wolfsperger

Stolberg. Hedwig Kohlhaas hat diese Woche ihren 90. Geburtstag gefeiert. Sie ist 1924 in Aachen geboren, 1944 hat sie in den Wirren des Zweiten Weltkrieges eine Ausbildung zur Schulhelferin gemacht. Seitdem ist sie, wenn auch mit Unterbrechungen mit Leib und Seele Lehrerin. Bis heute betätigt sie sich in ihrem Metier.

Hedwig Kohlhaas war bereits 15 Jahre im Ruhestand als sie sich, mit 78 Jahren, entschloss, doch wieder zu unterrichten. Seitdem hilft sie Kindern mit Sprachbarrieren, sei es wegen Migrationshintergrundes oder aus anderen Gründen bei dem Eintritt in den regulären Unterricht. Eigentlich hatte Hedwig Kohlhaas eine Banklehre begonnen, doch die hat sie 1944 abgebrochen, um Lehrerin zu werden. Kohlhaas: „Ich habe damals mit meinen Eltern in Kiel gelebt. Mein Vater vertrug das Klima der Hafenstadt aber nicht. Wir sind dann Hals über Kopf zurück nach Aachen gegangen. Da habe ich die Chance beim Schopf gepackt und mich entschlossen, eine Schulhelferausbildung zu machen.“

Ein Schulhelfer ist kein Lehrer. Kohlhaas: „Viele Lehrer waren als Soldaten im Krieg, da wurde händeringend nach Ersatz gesucht. Die Ausbildung dauerte dann aber nur ein Trimester, also drei Monate und war sehr praxisorientiert. Ihre Schulhelferausbildung machte Kohlhaas in Frankfurt/Oder. „Das war für meine Begriffe am weitesten weg von den Bombenangriffen.“ Da wurde sie direkt nach der Bewerbung an die Schule geschickt. „Einmal die Woche nahmen die Auszubildenden dann an einer Unterrichtsstunde teil. In der zweiten Woche musste ich da schon was vortragen.“ Hedwig Kohlhaas erinnert sich noch an ein Thema: „Einmal sollte ich über die Trambahn in Frankfurt berichten, dabei kannte ich die Stadt doch gar nicht richtig! Dann habe ich mir für 20 Pfennig eine Fahrkarte gekauft, mit der konnte man damals durch die ganze Stadt fahren. Das habe ich dann gemacht.“

Nach Abschluss der drei Monate wurde Kohlhaas mit einer Freundin aus Berlin in ein Landschulpraktikum in die Lausitz geschickt. „Wir kamen da an, da begrüßte uns der Lehrer mit den Worten, dass die Kinder bereits in der Klasse säßen, er selbst aber habe eine Kriegsverletzung und Kopfschmerzen und müsse sich jetzt hinlegen. Meine Berliner Freundin und ich gingen also ohne jegliche Anleitung in die Klasse.“ (lacht herzhaft). Im Unterricht saßen Kinder vom 1. bis zum 8. Schuljahr. Die beiden jungen Damen haben die Fächer Deutsch und Rechnen untereinander aufgeteilt. „Schließlich kam eine Dozentin aus Aachen, um unsere Arbeit zu bewerten. Sie hat mir dann gesagt, ich sei zwischen den Klassenstufen herumgesprungen wie ein Jongleur.“ (lacht). Aber die beiden Frauen bestanden die Aufnahme in den regulären Schuldienst, dem Lehrer in der Lausitz wurden keine Praktikanten mehr anvertraut.

Von da an konnte Hedwig Kohlhaas als Lehrerin arbeiten. Sie wurde vom Schulamt in Aachen nach Hückelhoven geschickt, in die Schule an der ehemaligen Zeche Sophia Jacoba. Bis die Front näher rückte und die Schule geschlossen wurde. Es ging nach Thüringen, wo inzwischen auch die Eltern der jungen Lehrerin waren.

Dort konnte sie weiter unterrichten? „Das Aachener Schulamt war ins Bergische Land nach Waldbröl verlagert worden und erlaubte mir, mich in Thüringen zu bewerben. Der Schulrat schickte mich nach Bachra, in eine zweiklassige Schule.“ Der Schulleiter in Bachra kam aus Berlin, der wollte eine preußische Militärdisziplin an der Schule durchsetzen. In der Pause liefen die Kinder um die Schule herum, wenn der Schulleiter dann auf seiner Trillerpfeife pfiff, mussten alle Schüler sofort stehen bleiben. Kohlhaas: „Einer der Jungen hatte das nicht direkt kapiert, lief also weiter. Der Schulleiter lief wutentbrannt auf ihn zu, und der Junge versteckte sich hinter mir. Da konnte der Schulleiter den Jungen nicht schlagen, und mich konnte er ja auch nicht schlagen. Nach dieser Situation war ich aber unten durch. Da hat mich der Schulrat in die Stadtschule in Kölleda abgeordnet.“

Von Kölleda ging es kurze Zeit später nach Rotenberga, wo Hedwig Kohlhaas Schulleiterin wurde. Im Mai 1945 kehrte die junge Lehrerin nach Aachen zurück. Hier war noch alles im Umbruch. Kohlhaas: „Ich habe mich beim Schulamt gemeldet. Da wurde ich gefragt ob ich in der Partei gewesen sei, ich verneinte. Aber ich war im Bund Deutscher Mädel (BDM), was ja Ende der 30er Jahre auch Pflicht war...“ Erst im Oktober wurde sie dann eingestellt und nach Beek bei Erkelenz geschickt. „Das war sehr gut, denn die Ernährungssituation war schwierig in Deutschland, und in Beek waren viele Bauern“, erinnert sich Hedwig Kohlhaas. „Die Felder waren also bestellt, und es ging ihnen nicht ganz so schlecht. Der Schulrat, der mich eingeteilt hatte, sagte mir damals, ich setze sie dort ein, wo sie auch mal ein bisschen Milch mit nach Hause nehmen können.“

Doch dann folgte noch das reguläre Studium. Ein Jahr später, im Oktober 1946, schrieb sich Hedwig Kohlhaas an der pädagogischen Akademie in Aachen ein. Das Studium beendete sie dann 1948. Danach waren Sie keine Schulhelferin mehr sondern Lehrerin? „Ja. Aber es gab dann doch noch Schwierigkeiten. Ich hatte während des Studiums meinen Mann kennengelernt, wurde aber vom Schulamt aufs Land zum Unterrichten geschickt. Mein Mann und ich wollten aber heiraten und zwei Haushalte zu unterhalten, war sehr teuer, deshalb habe ich die Stelle nicht angetreten.“ In der Großhandlung Fred in Aachen arbeitete sie als Sekretärin. „Schließlich traf ich aber einen meiner Dozenten, dieser war ganz entsetzt, dass ich nicht als Lehrerin arbeitete. Er kümmerte sich dann um eine Stelle in Aachen für mich. Ich arbeitete dann in der Luisenstraße.“

Natürlich folgte dann sofort die Hochzeit. „Und wir haben sofort Kinder bekommen. Ich habe dann für elf Jahre aufgehört, zu arbeiteten.“ Später war es aber möglich, die Stundenzahl zu wählen. Hedwig Kohlhaas stieg also mit 14 Stunden in der Woche wieder in die Unterrichtstätigkeit ein. Das war dann in der Volksschule in Büsbach, alles nur Halbjahresverträge. Aus der Teilzeitarbeit wurden dann aber 26 Jahre.

Hedwig Kohlhaas: „Ich habe noch mal eine Pause gemacht. Als ich im Rentenalter war, war meine Mutter sehr krank und mein Mann wurde auch krank. Da bin ich dann zu Hause geblieben.“ Als die Pflegefälle verstorben waren, gab die Tochter noch einmal den entscheidenden Impuls. Sie war Schulleiterin der katholischen Grundschule Bischofstraße und berichtete über Kinder mit Migrationshintergrund, die Schwierigkeiten mit der Sprache hatten. Hedwig Kohlhaas: „Seitdem helfe ich dem ein oder anderen Kind, in den regulären Schulunterricht einzusteigen.“

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