Stolberg - Minderjährige Flüchtlinge: Wenn das Überleben „einfach Glück“ ist

Minderjährige Flüchtlinge: Wenn das Überleben „einfach Glück“ ist

Von: Naima Wolfsperger
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Sie haben alles riskiert um zu Überleben, in Deutschland erhoffen sie sich Sicherheit und Perspektive. Trotz traumatischen Erlebnissen versuchen sie voller Elan ein neues Leben zu beginnen. Die Zahlen der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge steigen und stellen die deutschen Behörden vor neue Herausforderungen. Fotos: N. Wolfsperger (4), S. Hosseini: (1) Foto: Wolfsperger (4), S. Hosseini: (1)
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Hosseini entscheidet sich im letzten Moment ein Foto zu schicken. Zuvor war die Angst vor den Fangarmen der Bedrohung aus der Heimat zu groß. Noch lebt der 18-Jährige in einer Wohngruppe des Agnesheims.

Stolberg. Als er sich auf den Weg macht weiß S. Hosseini bereits, dass die Reise lebensbedrohlich wird. Er geht trotzdem. Zu Hause, in Afghanistan, kann der junge Mann nicht bleiben. Hosseini ist keine 16 Jahre alt, als er seine Familie verlässt und sich auf die Flucht nach Deutschland begibt.

Details zu seinem Fluchtgrund will Hosseini nicht so richtig preis geben, es sei zu gefährlich, sagt er. Selbst hier hat er noch Angst gefunden zu werden, von den Menschen die in seiner Heimat sein Leben bedrohten. Sechs Monate war er unterwegs, durch den Iran, die Türkei, durch Griechenland, Italien und Frankreich reiste er.

Menschen ertrinken

Die Schrecken, die ihm dabei begegnet sind, sitzen ihm noch heute deutlich im Nacken. Seine Augen werden ernst und traurig, als er darüber spricht. Angespannt massiert er mit der linken Hand seinen rechten Oberarm. Die unfassbare Dramatik seiner Geschichte ist für Flüchtlinge keine Seltenheit: Wanderungen, manchmal tags, manchmal nachts, manchmal durchgehend. Ältere und Schwächere müssen an einigen Orten zurückbleiben, Schleuser überfüllen die Boote, eines hat ein Loch. Menschen ertrinken. Hinzu kommt die Unsicherheit wie man selbst weiter kommt, ob man überlebt. Seine Tortur endet an einem Dienstag, dem 28. Februar 2012, als die Bundespolizei im Raum Aachen in einem Reisebus mit Ziel Kopenhagen, Dänemark, eine Passkontrolle durchführt. Im selben Jahr wird er einer von 64 539 Asyl-Erstantragsstellern in der Bundesrepublik, einer von 4377 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF), die 2012 von den deutschen Jugendämtern in Obhut genommen werden. Einer von 57 UMF, die in Aachen in Obhut genommen werden. Zwei Jahre später sitzt der drahtige junge Mann im Betreuerzimmer einer Außenwohngruppe des Agnesheims. Ihm geht es vor allem um das, was ihm damals noch Wunschdenken war: eine Zukunft.

Wunschdenken war: eine Zukunft

In Deutschland wurde er erst in Stolberg untergebracht. Zwei weitere Jugendliche aus Afghanistan boten ihm hier zwar Möglichkeit der Verständigung, aber als er nach drei Monaten noch kein Deutsch konnte, bat er in einem Heim untergebracht zu werden, in dem keiner seine Sprache spricht. Seither hat Hosseini nicht nur Deutsch gelernt, sondern den gesamten Schulstoff der Mittelstufe. Als bester seiner Klasse erreichte er den 10B-Abschluss und konnte nach einem Praktikum eine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker beginnen. Im Oktober will er mit einem Freund in eine eigene Wohnung ziehen, der Mietvertrag ist schon unterschrieben. Im Angesicht dieser Erfolge wird Hosseini ganz verlegen. Ein leichtes Schmunzeln, in dem doch ein bisschen Stolz mitschwingt, umzieht seine Lippen. Bescheiden erklärt er, dass er von den Betreuern des Wohnheims viel Unterstützung und Nachhilfe erhalten habe, und betont: „Oft haben wir bis in die Nacht hinein gelernt, bis 24 Uhr.“

Deutschland sei ihm ein zweites zu Hause geworden, „die Wohngruppe ist wie eine Familie für mich!“ Der Sorge um seine Verwandten in Afghanistan tut das keinen Abbruch. Der Vater ist gestorben als er zwölf Jahre alt war, die Schwester ist verheiratet. Mutter und Bruder aber, wollten eigentlich nachkommen. Er wisse nicht einmal, ob sie noch am Leben seien, sagt er. „Die Flucht war so schwierig, ich weiß nicht ob sie das schaffen würden“, er kneift die Augen zusammen, „dass ich durchgekommen bin, ist einfach nur Glück.“ Auch seinen Onkel im Iran könne er nicht finden.

Hosseini ist mit seinen vorbildlichen Erfolgen bei weitem keine Ausnahme. „Die klare Mehrheit der minderjährigen Flüchtlinge will vor allem eines: Lernen“, erklärt Kornelia Stöcker, Leiterin des Agnesheims. „Auch wirtschaftliche Gründe bringen junge Menschen dazu, sich auf den gefährlichen Weg zu machen“, erklärt Stöcker, das gelte vor allem für obdachlose Waisen. Die Flucht an sich hinterlasse tiefe Traumata, die Arbeit mit den Straßenkindern sei aber speziell. „Die Überlebensstrategien, die sich die Kinder angewöhnen mussten sind tief verankert“, sagt Stöcker. Die Arbeit beginne dann damit, ihnen beizubringen, dass sie Essen nicht mehr verstecken und bunkern müssen. „Oft wird vergessen, wie leidvoll und beschwerlich der Weg nach Deutschland ist, das nimmt man nicht ohne weiteres auf sich“, betont Stöcker.

Sprachbarrieren und behördliche Bearbeitungszeiten führen bei ihrer Ankunft noch dazu, dass Unsicherheit und Angst die Jugendlichen über weitere Monate begleitet. Wenn sie das Clearingverfahren durchlaufen haben, in dem ihre persönliche Geschichte und individuelle Situation evaluiert wird, geraten sie in das Spannungsverhältnis von Kinder- und Jugendschutz, Asyl- und Ausländerrecht.

Monate besonders kritisch

Durchschnittlich dauert es zwischen sieben und neun Monaten, bis ein UMF in die Schule gehen kann. Für einige sind diese Monate besonders kritisch: Erreichen sie währenddessen die Volljährigkeit, laufen sie Gefahr aus dem Unterstützungssystem für Minderjährige zu fallen. Der genaue Aufenthaltsstatus der UMF wird meist erst nach Erreichen der Volljährigkeit vollständig geklärt. Integrationsbemühungen wie die Beherrschung der deutschen Sprache, Schulbesuch und ein Ausbildungsplatz sind dabei wichtige Aspekte. Wer sich nicht auf diese Weise qualifizieren kann, wird letztlich entweder ausgewiesen, oder erhält lediglich den Status einer Duldung.

Mit dem Umzug der Bundespolizei nach Eschweiler wurde auch die Verantwortung der In-Obhutnahme verlagert. „Wir haben uns intensiv darauf vorbereitet und entsprechende Umstrukturierungen durchgeführt“, erklärt Stefan Kaever, Fachbereichsleiter der Stadt Eschweiler. Käthe Büchel vom Stolberger Jugendamt erwartet vorerst keine Überraschungen, „wir haben bereits 22 Vormundschaften für UMF inne, die Situation ist uns also nicht neu.“

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