Stolberg-Zweifall/Mulartshütte - Minderjährige Flüchtlinge genießen zwei Tage in der Eifel

Minderjährige Flüchtlinge genießen zwei Tage in der Eifel

Von: Sarah-Lena Gombert
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Ganz schön cool: Der 17-jährige Feysal (links) und seine Freunde genießen das Campingwochenende für minderjährige Flüchtlinge zwischen Zweifall und Mulartshütte. Foto: S.-L. Gombert

Stolberg-Zweifall/Mulartshütte. Mitten im Wald zwischen Zweifall und Mulartshütte stehen am Samstagnachmittag zwei junge Männer im Wald. Einer posiert, den Vichtbach im Hintergrund. der andere macht mit seinem Handy ein Foto von seinem Kumpel. Beide schauen aufs Display und lachen.

Beim Campingwochenende der Jugendhilfeeinrichtung Kaspar Xchange aus Aachen haben sich an diesem Wochenende mehr als 80 minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge mit ihren Betreuern getroffen. Auf dem „Auenland“-Campingplatz herrschte eine heitere, gelassene Atmospäre.

„Wir sind an diesem Wochenende mit etwa 100 Leuten hier“, erklärt Isabel Jakobs, Sozialarbeiterin bei Kaspar Xchange. Das sind neben den 80 minderjährigen Flüchtlingen vor allem Betreuer, ehrenamtliche Helfer und Vormünder des Jugendamts. Seit mehreren Jahren bietet Kaspar Xchange diesen Kurzurlaub in der Eifel bereits an.

Die überwiegend männlichen Teilnehmer leben in den unterschiedlichen Häusern der Einrichtung, entweder im Aachener Kernhaus, oder in kleinen Wohneinheiten, die es auch in Würselen, Eschweiler und Stolberg gibt. „An diesem Wochenende möchten wir den Jugendlichen ermöglichen, sich gegenseitig besser kennenzulernen“, erklärt Isabel Jakobs.

Von Afghanistan nach Stolberg

„Das ist total cool hier“, sagt Feysal, 17 Jahre alt, im Gespräch mit unserer Zeitung. Er grinst zufrieden. Der junge Afghane ist seit einem Jahr und drei Monaten in Deutschland. Er hat zunächst in Zweifall gelebt, jetzt in einer der intensiv betreuten Wohneinheiten (kurz: IBW) von Kaspar Xchange in Stolberg. Bis Deutschland war es für den jungen Mann ein weiter Weg: Von Afghanistan hat er sich über Iran, die Türkei, Griechenland und Mazedonien bis nach Europa durchgeschlagen. Seinen Vater hat er verloren, Mutter und Schwester leben – soweit er weiß – im Iran. „Ich habe aber den Kontakt verloren“, sagt Feysal, unter der Handynummer, die er von seiner Mutter hatte, meldet sich niemand mehr.

So wie Feysal sind im vergangenen Jahr sehr viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Alleine Kaspar Xchange betreut im Aachener Raum 100 von ihnen im Alter von 14 Jahren bis zur Volljährigkeit. Jedem Flüchtling wird ein gesetzlicher Vormund zugeteilt, meistens ein Mitarbeiter des Jugendamts. „Mittlerweile ist der Zulauf etwas zurückgegangen, es kommen nicht mehr ganz so viele junge Menschen auf einmal, um die wir uns kurzfristig kümmern müssen“, sagt Kaspar Xchange-Mitarbeiterin Sabine Popall. „Jetzt haben wir ein Level erreicht, auf dem wir ordentlich nach unserem Konzept arbeiten können.“

Das Konzept von Kaspar Xchange sieht vor, die jungen Menschen auf ein möglichst selbstständiges Leben in Deutschland vorzubereiten. Zunächst kommen sie daher in ein sogenanntes Clearing-Haus: „Dort überprüfen wir ihren Gesundzeitszustand und ihre Schulbildung“, sagt Sabine Popall. Anschließend geht es ins Aachener Kernhaus. „Hier versuchen wir für die Jungen bereits ein paar Ankerpunkte im Alltag zu schaffen“, sagt Sabine Popall, „das kann beispielsweise der Kontakt zu einem Sportverein sein.“

Der nächste Schritt ist dann das Leben in einer der IBW-Einheiten, wie Isabel Jakobs erklärt: „Hier sind die Teenager nachts und am Wochenende alleine. Sie sollen selbstständig einkaufen und auch morgens selbstständig aufstehen und zur Schule gehen“, erläutert die Sozialarbeiterin. So ist das auch bei Feysal.

„Ja, in Stolberg gehe ich auch zur Schule“, sagt er. Feysal spricht bereits ziemlich gut Deutsch. Er besuche das Berufskolleg. „Ich möchte gerne Erzieher werden“, betont er.

„Die meisten der Flüchtlinge haben schon eine konkrete Vorstellung davon, was sie einmal machen möchten“, sagt Sabine Popall. Natürlich kennen viele das duale Ausbildungssystem in Deutschland noch nicht. „In ihren Heimatländern wird man oft nur für ein paar Wochen angelernt, bevor man einem Beruf nachgehen kann. Dass man hier mehrere Jahre in Ausbildung ist, das ist für viele neu“, sagt sie.

Acht Jugendliche in Buschmühle

Die Integration der Stolberger Gruppe klappt ganz gut: „Wir haben derzeit acht Jugendliche in unserem Haus an der Buschmühle“, sagt Betreuer Adil Sabbar. Die jungen Männer kommen aus Marokko, Guinea, Mali, Afghanisstan, Irak und Bangladesh. „Dadurch, dass sie aus unterschiedlichen Ländern kommen, sind sie gezwungen, miteinander Deutsch zu sprechen“, sagt Sabbar, das mache es auch in der Schule einfacher für die Jungs. Wichtig sei für die Sozialarbeiter, dass sie mit den Jungen immer so arbeiten, als sei schon sicher, dass sie in Deutschland eine Bleibeperspektive haben. „Wenn sie ständig Angst vor Abschiebung haben, dann schieben sie Frust. Das bringt ja nichts“, sagt Sabbar. „Wir wollen ihnen vermitteln, dass wir in Deutschland in einer Gesellschaft leben, in der jeder seinen Weg gehen kann. Eine Gesellschaft, in der nicht geschossen und nicht geschlagen wird.“

An diesem Wochenende bei Zweifall geht es aber erst einmal nicht um Berufsziele und Schule, sondern um Spaß: „Wir basteln, wir trommeln und wir grillen gemeinsam“, sagt Sabine Jakobs, „wer will, kann aber einfach nur entspannen oder Volleyball spielen. Die Jugendlichen sollen lachen und ein unbeschwertes Wochenende genießen. Das, was wir hier machen, ist Traumatherapie.“

Das mit dem unbeschwert sein klappt bei Feysal schon ganz gut. In Deutschland gefalle es ihm sehr gut, sagt er, „ja, auch in Stolberg.“ Und wenn er sagt, dass er gerne bleiben möchte, dann glaubt man ihm das. Dann hat er aber keine Zeit mehr für weitere Fragen: Seine Freunde warten bereits ungeduldig auf ihn – die nächste Runde Volleyball steht an.

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