Menschliche Fehlbarkeit und Ringen um Selbsterkenntnis

Von: Marie-Luise Otten
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Kommt Kreon allmählich zur Einsicht? Diese Frage spielt eine zentrale Rolle im Stück „Antigone“, das vom Publikum im Kulturzentrum mit Begeisterung aufgenommen wurde. Foto: M.L. Otten

Stolberg. Etwas befremdlich wirkt das Bühnenbild beim Betreten des Saales im Kulturzentrum Frankental: Buntes Herbstlaub bedeckt den Boden der Bühne, zwei Leitern in der rechten hinteren Ecke mit Stühlen und einem Tisch, auf dem ein Toaster steht.

Rechts vorne ein Laubsauger neben einem schwarzen Sitzsack, auf dem Flügel links steht ein Totenbild mit dem Bildnis der Muttergottes. „Ob ich hier wohl richtig bin?“, fragt sich jeder Besucher, der vorbeikommt und Platz nimmt.

Er ist gut gefüllt, der Saal, denn die Theatergruppe „Bühne frei“ des Helene-Weber-Hauses hat Premiere mit „Antigone“. Auch Thomas Bünten, der die Gruppe seit 2012 leitet, feiert Premiere, denn die altgriechische Tragödie von Sophokles ist seine erste Produktion in Stolberg.

Lästige Zwischenfragen

In der Mitte des Blätterwerks liegen Mäntel und Jacken zusammen. Musik erklingt, und jeder Mitwirkende tritt auf und sucht sein entsprechendes Kleidungsstück. Für Manto im grünfarbenen Kleid besteht die einzige Handlung darin, den blinden Seher Teiresias auf die Bühne zu führen. Doch der Regisseur hat sich für Shakeh Avakian noch etwas anderes einfallen lassen. Sie führt sie in die Geschichte ein und stellt als Zuschauerin von heute lästige Zwischenfragen. So erfährt das Publikum gleich, dass die beiden Söhne des Ödipus sich in einem Streit um das Königreich Theben gegenseitig getötet haben und ihr Onkel, König Kreon, den Thron jetzt innehat.

Während der heimattreue Eteokles würdevoll beigesetzt wird, will Kreon die Überreste von Feind Polyneikes den Tieren vorwerfen. Seine gläubige Schwester Antigone (Inge Kühn) kämpft gegen die Bestrafung ihres Bruders und begräbt ihn eigenmächtig – wohl wissend, dass sie selbst dafür mit dem Tod bestraft wird.

In der Stolberger Produktion, die der Übersetzung von Wilhelm Kuchenmüller folgt, steht eigentlich Kreon im Zentrum. Während Inge Kühn in rotem Jäckchen mit heiligem Ernst ihrem Gewissen folgt, verkörpert Reinhard Weber seinen Kreon mit Inbrunst. Im schwarzen Ledermantel hält der autoritäre Regent seine Antrittsrede und verkündet allen, was staatliches Gesetz ist. Jeder, der sich widersetzt, muss mit der Todesstrafe rechnen. Seine Gemahlin Eurydike wird von Gisela Richter-Kauven gespielt. Antigones linientreue Schwester Ismene (Carmen Kahn) hat nicht die Kraft, mit Antigone zusammen gegen das Gebot des Königs zu verstoßen und ihren Bruder vernünftig beerdigen zu lassen.

Während das Volk nach dem Krieg in Partystimmung ist und den neuen Herrscher Kreon mit dem Fliegerlied „Heut ist so ein schöner Tag“ feiert, erscheint der Wächter (Irmgard Schwartz), um von dem Fehltritt Antigones zu berichten. Haimon (Friedhelm Schippers), Kreons Sohn und Verlobter von Antigone, versucht, den Vater von seiner Denkart abzubringen. Doch vergeblich! Erst der blinde Seher, den Katharina Stenten-Semsch erstklassig spielt und dafür sogar Szenenapplaus erhält, bringt den Uneinsichtigen zur Einsicht. Doch das Aufbegehren der Revoluzzerin gegen die Unmenschlichkeit des Herrschers und seiner Gesetze mündet in einer tragischen Kettenreaktion, von der der Bote am Hofe ( Sibylle Hirschler) berichtet.

Alltägliche Entscheidungen

Regisseur Thomas Bünten gelingt es, dieses alte, zeitlose Thema von menschlicher Fehlbarkeit und dem Ringen um Selbsterkenntnis in ein modernes Gewand umzusetzen und zum Nachdenken anzuregen. Immer geht es um Entscheidungen, die jeder jeden Tag treffen muss. Soll man auf das eigene Gewissen hören oder steht man zu den äußeren Erwartungen? Für die tollen Leistungen wurden die Schauspieler mit viel Beifall bedacht.

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