„Menschenskind“ bringt Flüchtlinge und Anwohner zusammen

Von: Annika Kasties
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Endlich wieder Kind sein: Die zwölfjährige Lina aus Albanien testet beim Spielplatzfest am Eburonenweg ihre akrobatischen Fähigkeiten. Zwischen Rutsche und Sandkasten ist der Kontakt zwischen Flüchtlingen und Stolbergern kinderleicht. Foto: A. Kasties
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Foto: A. Kasties

Stolberg. Es ist ein Bild, das zu Herzen geht. Vorsichtig und etwas scheu legt Lina ihr rechtes Bein auf Agathe Kohnens linke Schulter, das Standbein fest auf ihren Oberschenkel gestützt. Noch ist das junge Mädchen aus Albanien skeptisch – doch sobald sie ihre Arme in den Himmel reckt, ist der Knoten geplatzt.

Die Zwölfjährige lacht herzlich auf. So sieht jemand aus, der sich sicher fühlt. Endlich. Für einen Moment, und wenn es nur ein Nachmittag ist, sind die traumatischen Szenen der Flucht vergessen. Lina kann endlich wieder Kind sein.

Es ist genau das, was der Verein „Menschenskind“ mit dem Spielplatzfest im Eburonenweg bezweckt hatte. Unter dem Motto „Wir sind alle Kinder dieser Welt“ veranstaltete der Förderverein am Freitag einen Nachmittag voller Kinderlachen und zwanglosen Begegnungen. Die Einladung richtete sich an Eltern und Kinder in Notunterkünften von Kelmesberg, Wiesenstraße und dezentrale Unterkünfte ebenso wie an Familien in der Nachbarschaft des Spielplatzes am Eburonenweg. Zu der Aktion animiert wurde der Verein durch seine Mitarbeit im Stolberger Flüchtlingsdialog.

In den Häuserblocks am Kelmesberg leben die Flüchtlinge nur einen Steinwurf vom angrenzenden Neubaugebiet Eburonenweg entfernt. Die Distanz wirkt dennoch oft deutlich größer. Und wo lassen sich Schranken besser überschreiten als an einem Ort des Spielens und der Leichtigkeit? Zwischen Schaukel und Wippe, neben Sandkasten und Rutsche sollte Integration greifbar werden.

„Wir haben dieses Begegnungsfest veranstaltet, damit die Kinder und Familien nicht in der Isolation verschwinden und sich begrüßt fühlen“, erklärt Gabriele Wirtz vom Caritasverband, die im Rahmen der Flüchtlingsarbeit für die Stadt tätig ist. Mit Erfolg. Zahlreiche Flüchtlingsfamilien folgten der Einladung zum Spielplatzfest. Die Kinder erprobten ihre akrobatischen Fähigkeiten mit Agathe Kohnen, schaukelten mit Gleichaltrigen um die Wette und ließen sich von „Max dem Clown“ (Herbert Baldrian) zum Lachen bringen – unabhängig von Nationalität, Hautfarbe und Religion. Auch einige Anwohner des Neubaugebietes mischten sich unter die Menge.

Dafür hatte Elke Gericke von der Evangelischen Kirchengemeinde Stolberg gesorgt. Die Pfarrerin wohnt selbst im Eburonenweg und hat in der Nachbarschaft Flyer verteilt. Für sie ist Engagement für Flüchtlinge selbstverständlich. „Man kann es sich nicht einfach im Eigenheim bequem machen und sich nicht dafür interessieren, was in der Welt passiert“, betont Gericke. Die Pfarrerin weiß: Wer einmal Kontakt zu Menschen knüpft, die vor Verfolgung und Krieg nach Deutschland geflüchtet sind, sieht, welch individuelles Schicksal sich hinter der anonymen Zahl und Statistik verbirgt.

Zum Beispiel das von Hajrudin Begajrinovic. Vor zwei Jahren floh der 33-Jährige aus Bosnien. Als evangelischer Sinti sah er in seiner Heimat keine Zukunft mehr. Er wurde angefeindet und misshandelt. Die Angst um seine Frau und Kinder führte ihn nach Deutschland. Dass seine Töchter und Söhne nun die Möglichkeit haben, in Büsbach mit Gleichaltrigen im Sandkasten zu spielen, stimmt ihn froh. „In Bosnien waren die Kinder immer getrennt. Zigeuner auf der einen, Muslime auf der anderen Seite. Es ist schön, dass das hier anders ist“, betont Begajrinovic, während im Hintergrund Kinder unterschiedlicher Herkunft auf der Rutsche turnen.

Wie einfach der Kontakt zwischen Flüchtlingen und Stolbergern sein kann, das bewiesen die Kleinen an allen Ecken und Enden. „Kinder sind da viel unkomplizierter als Erwachsene. Sie kennen keine Religionsunterschiede, sie sind ihnen egal“, betont Dr. Volker Siller, „Menschenskind“-Vorsitzender. Vom Erfolg der Aktion ist er überzeugt. Ebenso wie Bürgermeister Tim Grüttemeier. „Das hier ist eine ganz tolle Veranstaltung, die für die Integration der Flüchtlinge wahnsinnig wichtig ist. Ich wünsche mir viele Nachahmer.“

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