Stolberg - Mehr aktiv Handeln und weniger Reden

Mehr aktiv Handeln und weniger Reden

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
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Seit Montagabend belegt: Auf den Feldbetten in der Turnhalle des Berufskollegs Am Obersteinfeld schlafen jetzt 106 Flüchtlinge. Sie sind aus Passau der Städteregion Aachen zugewiesen worden. Foto: A. Kasties
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Spontane Helfer: Die Schülerinnen Suzan Haji und Susan Haci (v. l.) wollen selbst für Flüchtlinge aktiv werden und unterstützen die Ehrenamtler am Berufskolleg als Dolmetscher.

Stolberg. Einen Monat dauerte ihre Flucht. Den Großteil der Strecke vom Nordirak nach Europa legten sie zu Fuß zurück. Doch auch mit dem Laster waren sie unterwegs. Für den Schlepper mussten Susan Hacis Eltern viel bezahlen. So hat es ihre Mutter erzählt. Die 20-jährige Susan selbst erinnert sich nicht an die Odyssee. Sie war damals erst vier Jahre alt.

Susan weiß, was es heißt, als Flüchtling nach Deutschland zu kommen. Deshalb will die Schülerin des Berufskollegs ebenjenen Menschen helfen, die jetzt diese Erfahrung machen müssen. Mehr Handeln und weniger Reden, lautet ihre Devise.

Als am Montag der Anruf kam, dass der Städteregion Aachen weitere Flüchtlinge zugeteilt und diese in der Turnhalle des Berufskollegs Am Obersteinfeld in Stolberg untergebracht werden sollen, stand für die 20-Jährige fest: Ich will helfen.

Gemeinsam mit zwei Mitschülerinnen erklärte sie sich bereit, die von der Städteregion beauftragten Dolmetscher in der Notunterkunft zu unterstützen. Die 20-Jährige spricht fließend Kurdisch.

Erst im Container, dann im Laster

Als Unterstützung rief sie ihre Freundin Suzan Haji hinzu, die in Eschweiler die Gesamtschule besucht. Mit ihr teilt Susan nicht nur einen fast identischen Namen, sondern auch eine ähnliche Geschichte. Auch die 16-Jährige Suzan musste vor 14 Jahren mit ihrer Familie aus dem Nordirak fliehen.

Erst versteckt in einem Warencontainer auf einem Schiff, dann in einem Lastwagen. Um die finale Überfahrt finanzieren zu können, hatte ihr Vater sechs Monate lang in Istanbul gearbeitet.

Wenn die 16-Jährige über die Vorurteile spricht, mit denen einige Menschen derzeit auch in Deutschland Flüchtlingen begegnen, schwingt leichter Ärger in ihrer Stimme mit. „Es gibt Menschen, die sagen, dass Flüchtlinge nur wegen des Geldes nach Deutschland kommen. Doch warum sollte jemand nur wegen Geld diesen lebensbedrohlichen Weg auf sich nehmen? Das würde doch niemand machen“, betont Suzan.

Unwissen, das sei nach Ansicht der 16-Jährigen der Hauptgrund für so manches Vorurteil. Auch für sie steht fest: Statt „nur“ Mitgefühl zu zeigen, möchte sie selbst die Ärmel hochkrempeln und helfen. Deshalb machte sie sich gerne als spontane Übersetzerin von Eschweiler auf den Weg in die Kupferstadt.

Im Unterricht über Flüchtlinge zu reden, das ist vielen Schülern des Berufskollegs nicht genug. Seit Monaten ist das Thema in verschiedenen Fächern präsent.

Mit der Ankündigung vor knapp zwei Wochen, dass die Dreifachhalle von der Städteregion als Notunterkunft für Flüchtlinge benötigt werde, hat sich unter Schülern und Kollegen eine Dynamik entwickelt, die auch Schulleiterin Ingrid Wagner überraschte. „Ich finde es toll, dass die Schulgemeinde auf allen Ebenen – ob Abteilungsleiter, Kollegen oder Schüler – so zusammensteht.“

Den vorläufigen Höhepunkt erreichte das Engagement am Montagabend. Eine „turbulente“ Nacht sei es gewesen, erzählt Wagner am Tag nach der Ankunft von 106 Flüchtlingen. Zahlreiche Kollegen hatten sich freiwillig bereit erklärt, die schutzsuchenden Menschen willkommen zu heißen und bei ihrer Registrierung und Betreuung behilflich zu sein.

Bis 2 Uhr nachts habe eine Schülerin für zwei Familien mit Kindern übersetzt. Die Kinder mussten nach ihrer Ankunft im Bethlehem-Krankenhaus untersucht werden.

Kleiderkammer im Aufbau

Auch darüber hinaus sind die Schüler aktiv. Eine Kleiderkammer befinde sich derzeit im Aufbau, berichtet Wagner. Erste Kleidungsstücke haben Schüler bereits sortiert und an Flüchtlinge verteilt. Eine weitere Gruppe habe einige jüngere Flüchtlinge in die Innenstadt begleitet und mit ihnen SIM-Karten gekauft.

Der Kontakt in die Heimat ist vielen das Einzige, das ihnen in der fremden Umgebung noch geblieben ist. Auch eine Kinderbetreuung – betreut von Schülern in der Erzieherausbildung – ist im Gespräch, verrät die Schulleiterin. Wie genau die Schüler auch langfristig die Flüchtlinge unterstützen können, das müsse jetzt geklärt werden. Denn nicht nur für Susan Haci und ihre Freundin steht fest: Sie wollen mehr tun, als nur über Flüchtlinge zu reden.

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