Max Keller: Zwischen Boxring und Bibliothek

Von: Lukas Franzen
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Durchboxen muss er sich nicht nur in seiner Sportart: Max Keller, 22, ist Amateurboxer und studiert Psychologie in Köln. Vor vier Wochen belegte er bei den Deutschen Meisterschaften Rang 2. Kurz danach erhielt er einen Bundesligavertrag. Sein Bundesliga-Debut gewann Keller dann auch gleich – in der zweiten Runde durch technischen K.o.. Foto: L. Franzen

Stolberg-Donnerberg. Ein Meter 98 groß, 111 Kilo schwer, Psycholgie-Student, Boxer: Max Kellers Vorname klingt schon einmal vielversprechend, erinnert er doch unweigerlich an einen der populärsten deutschen Boxer: Max Schmeling.

Aber auch sportlich läuft für den 22-Jährigen, der auf dem Donnerberg aufwuchs, alles nach Plan: NRW-Meister, Deutscher Vizemeister, Bundesligavertrag. Über sein Leben zwischen Sport und Studium, Boxring und Bibliothek, Faszination und Risiken des Boxens, seinen Meisterschaftskampf und den Kampf mit seinen Eltern hat sich Max Keller mit der Redaktion unterhalten.

Sie tragen den Vornamen eines großen deutschen Boxers: Max Schmeling. Ist das zusätzlicher Ansporn, eine Last oder nervt der Vergleich einfach?

Keller: Für mich ist es eine Ehre, diesen Vornamen zu haben und auch ein Ansporn. Als Boxer träumt man natürlich davon, einen großen Namen zu haben und international so erfolgreich zu sein. Es ist schon häufiger vorgekommen, dass Leute scherzeshalber gesagt haben, ich sei doch der neue Max Schmeling.

Einen anderen ehemaligen Boxer haben Sie ja schon kennengelernt: Henry Maske.

Keller: Ja, das stimmt. Henry Maske habe ich auf dem Deutschen Sportpresseball kennengelernt. Wir waren mit einem Stand unseres Vereins dort vertreten und er hat uns dort besucht. Wir haben nur Small Talk gehalten. Aber seine Art ist schon beeindruckend. Er wird in der Öffentlichkeit ja als großer Gentleman dargestellt – und das stimmt.

Sich freiwillig mit Fäusten traktieren, klingt erst einmal gar nicht nach Gentleman. Finden sie das nicht manchmal auch verrückt?

Keller: Doch, ich kann schon verstehen, wenn Leute fragen: „Warum machst du das?“ Als ich mit dem Boxen angefangen habe, hatte ich natürlich auch Hemmungen. Bei meinen ersten Kämpfen war es nicht leicht, weiter auf einen angeschlagenen Gegner einzuschlagen, bis er K.o. ist. Aber da wächst man rein.

Man verteilt und kassiert Schläge. Wie haben Sie sich an die harten Treffer gegen den eigenen Kopf gewöhnt? Keine Angst, dass sich das einmal rächt?

Keller: Je besser die Technik, desto besser ist auch die Deckung und um so weniger Schläge kassiert man selbst. Aber natürlich habe ich auch Angst vor Verletzungen. Kein Arzt ist begeistert, wenn er hört, dass ich boxe. Bisher fühle ich mich aber gut. Im Studium merke ich keine Veränderungen, zum Beispiel im Hinblick auf das Gedächtnis. Oft ist von „den dummen Boxern“ die Rede. Aber die dummen Boxer waren meistens schon dumm, bevor sie mit dem Sport angefangen haben. Außerdem ist Boxen mehr, als nur Schläge zu verteilen und zu kassieren.

Zum Beispiel?

Keller: Die Technik ist ganz elementar. Außerdem spielen Ausdauer und Kraft eine entscheidende Rolle. Man braucht ein gutes Reaktionsvermögen und muss sehr beweglich sein. Es gilt, in jeder Situation ohne nachzudenken, angemessen zu reagieren. In der Psychologie sprechen wir von Expertise. Boxen erfordert auch viel strategisches Denken. Liege ich gerade vorne oder hinten? Wie passe ich meine Kampfführung an den Gegner an?

Und wie haben Sie zum Boxen gefunden?

Keller: Ich habe damals einen Kampf von Felix Sturm in Fernsehen verfolgt. Mich hat die Schnelligkeit und Explosivität sofort fasziniert. 2006 oder 2007 habe ich mich dann angemeldet. 2009 bin ich Deutscher Jugendmeister geworden. Beim Boxen geht es immer um Perfektion. Ich bin ständig bemüht, meine Bewegungsabläufe zu perfektionieren. Ein weiterer Reiz: Es geht immer Mann gegen Mann. Ich messe mich unmittelbar mit meinem Gegenüber. Beim Fußball ist das zum Beispiel anders.

Fußball haben Sie aber auch schon gespielt.

Keller: Ja, das stimmt. Bevor ich mit dem Boxen angefangen habe, habe ich es mit Fußball und Judo versucht. Judo hat mir irgendwann keinen Spaß mehr gemacht. Mit dem Fußball habe ich einfach zu spät angefangen – kein Ballgefühl, kein Talent.

Mussten Sie keine Überzeugungsarbeit bei den Eltern leisten, als es hieß: „Ich will mit dem Boxen anfangen“?

Keller: Meine Eltern waren total dagegen. Ich musste richtig verhandeln, bis sie mir erlaubt haben, überhaupt ein Probetraining zu machen. Nach dem ersten Training haben sie aber gemerkt, dass ich in guten Händen bin. Mein damaliger Trainer, Peter Thoma, hat mir direkt großes Talent bescheinigt. Und jetzt unterschützen meine Eltern mich auch.

Das hat sich gelohnt. Bei der Deutschen Meisterschaft im bayrischen Straubing mussten Sie sich im Oktober erst im Finale geschlagen geben – und das nach Punkten. Das Urteil der Kampfrichter wurde kontrovers diskutiert. Wie ging es Ihnen dabei?

Keller: An dem Abend war ich wirklich ziemlich sauer. Ich konnte die Wertungen der Kampfrichter nicht nachvollziehen. Anschließend habe ich das Video vom Kampf bei Facebook eingestellt. Es wurde 4000-mal angesehen. Die Meinungen darüber, wer vorne lag, gingen weit auseinander. Alle Runden waren sehr eng. Mittlerweile kann ich aber damit leben. Auch mit dem zweiten Platz hat sich vieles verändert.

Sie haben einen Bundesliga-Vertrag erhalten.

Keller: Ja, ich kämpfe jetzt in der Bundesliga. Meinen ersten Kampf habe ich am 2. November gleich in der zweiten Runde durch technischen K.o. gewonnen. Meine Bundesliga-Kämpfe bestreite ich für den Nordhäuser Sportverein in Thüringen. Ansonsten bin ich aber weiterhin für den PTSV Aachen aktiv. Er bleibt mein Heimatverein.

Warum zwei Vereine?

Keller: Das liegt daran, dass ein Verein wie der PTSV derzeit nicht die Möglichkeit hat, in der Bundesliga zu kämpfen. Einerseits hängt dies mit Sponsorengeldern zusammen. Andererseits ist Boxen nicht überall ein solcher Publikumsmagnet wie zum Beispiel bei meinem Bundesligaclub, dem NSV. Dort sind manchmal bis zu 1200 Zuschauer in der Halle.

Wie sieht denn eine typische Woche im Leben eines Deutschen Vizemeisters im Superschwergewicht aus?

Keller: In der Regel trainiere ich zweimal pro Tag. Morgens, um zehn Uhr, steht abwechselnd Grundlagentraining, also Kraft- und Ausdauerübungen, oder Boxen auf dem Programm. Abends, gegen 19 Uhr, ist noch einmal Boxtraining. Ich trainiere am deutschen Olympiastützpunkt in Köln. Dazwischen sitze ich in der Bibliothek und arbeite für die Uni. Mein Studium wird deswegen auch ein Jahr länger dauern. Das war nicht anders zu machen.

Kämpfe ihrer Gewichtsklasse, dem Superschwergewicht, wirken für Fernsehzuschauer oft träge und damit langweiliger als Duelle leichterer Boxer. Teilen Sie diese Beobachtung?

Keller: Ich glaube, die unterschiedlichen Gewichtsklassen sind gar nicht so entscheidend. Viel mehr geht es um die Frage: Profi- oder Amateurboxen? Meine Disziplin, das Amateurboxen, kann einen hohen Unterhaltungswert für die Zuschauer haben. Kämpfe dauern nur dreimal drei Minuten. Die Aktionsdichte ist viel höher, während das Profiboxen taktischer ist. Denn hier dauern Kämpfe zwölf Runden. Profiboxer müssen sich dadurch ihre Kraft viel besser einteilen. Ich kann jedem aber nur wärmstens empfehlen, sich auch einmal einen Amateurkampf anzuschauen.

Der Boxsport wird oft als Ausweg aus der Kriminalität dargestellt. Wer boxt, so ist immer wieder zu hören, kehrt der Gewalt außerhalb des Rings den Rücken. Mit Kriminalität hatten Sie nie etwas zu tun. Trotzdem: Ist da aus Ihrer Sicht etwas dran?

Keller: Gewissenhaftigkeit, das heißt Pünktlichkeit und Sorgfalt, sind im Boxen entscheidend. Zuverlässigkeit ist das A und O. Von Anfang an bekommt man Disziplin eingetrichtert. Wer zu spät zum Training kommt, macht erst einmal 50 Ligastütze. Und wer das häufiger macht, der fliegt raus. Deswegen kann Boxen eine gute Prävention sein.

Und wie ist es um den Boxsport in der Region bestellt?

Keller: Das Land NRW hat bei den Deutschen Meisterschaften den erfolgreichsten Landesverband gestellt. Trotzdem bleiben hier die Zuschauer oft weg. Das ist schade. Bei meinem Bundesligaverein in Nordhausen sind die Menschen viel boxverrückter und kommen manchmal sogar mit Trommeln zu den Kämpfen.

Drei kurze Antworten zum Schluss: Weltmeister Wladimir Klitschko boxt am Samstagabend gegen Kubrat Pulew. Ihr Tipp: Wer gewinnt?

Keller: Klitschko gewinnt – vorzeitig.

Wann klappt es für Sie endlich mit der Deutschen Meisterschaft?

Keller: Nächstes Jahr, ganz bestimmt. Ich werde versuchen, derart deutlich vorne zu liegen, dass es keine Möglichkeit gibt, den Kampf anders zu bewerten.

Wann wird ein Kampf von Max Keller im Fernsehen übertragen?

Keller: Ich habe so schnell nicht vor, ins Profilager zu wechseln. Dann müssten schon Amateurkämpfe im Fernsehen übertragen werden. Aus Zuschauersicht würde sich das bestimmt lohnen.

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