Stolberg - Märchenstunde mit Profi-Erzählerin im Bethlehem-Krankenhaus

Märchenstunde mit Profi-Erzählerin im Bethlehem-Krankenhaus

Von: Doris Kinkel-Schlachter
Letzte Aktualisierung:
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Ob Frühchen Milena tatsächlich etwas mitbekommt, als Regina Sommer (links) ein Märchen erzählt? „Mein Kind war in der Zeit sehr ruhig“, sagt die Mutter des Babys. Die Profi-Erzählerin besucht jetzt einmal im Monat die kleinen Patienten der Kinderklinik. Foto: D. Kinkel-Schlachter
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Erzählerin Regina Sommer und Dr. Volker Siller von Menschenskind. Foto: D. Kinkel-Schlachter

Stolberg. Sophie ist neun Jahre alt. Bis vor einigen Monaten konnte sie alles eigenständig machen. Jetzt liegt sie im Krankenhaus auf der Kinder-Intensivstation, an Schläuchen angeschlossen. Aufgrund einer neurologischen Schwierigkeit hat sie die Fähigkeit verloren zu schlucken und im Schlaf ausreichend zu atmen.

Sophie und ihre Eltern müssen sich jetzt auf einen neuen Lebensabschnitt einstellen. Noch liegt sie im Bethlehem-Krankenhaus. Heute ist Regina Sommer bei der jungen Patientin. Sie ist Aachens berühmte Stadterzählerin. Über 200 Märchen, Mythen, Erzählungen, eigene Geschichten sowie Aachener Sagen und Legenden gehören zu ihrem Repertoire, mit dem sie auf internationalen Erzählfestivals, vor Schulklassen und eben neuerdings auch im Stolberger Krankenhaus auftritt.

Mit allen Sinnen

Sie ist heute zum dritten Mal bei Sophie und erzählt ihr ein Märchen, das der Geschichte von „Die Schöne und das Biest“ ähnelt. Ein Kaufmann bringt seinen drei Töchtern Geschenke mit. Nur wegen der Rose im Winter für die Jüngste lacht man ihn aus. Er findet sie in einem Schlossgarten, wo halb Sommer, halb Winter ist. Ein schwarzer Drachen kommt ihm nach und will dafür die Tochter. Er holt sie auch wider Erwarten in sein Schloss. Nach anfänglicher Angst gewinnt sie den Drachen lieb. Allerdings möchte sie zu ihrem Vater und ihren Schwestern, um ihnen zu sagen, dass es ihr gut geht. Sie verspricht dem Drachen, nur drei Tage zu bleiben. Nachdem sie unbewusst die Frist versäumt, findet sie das Schloss tot und den Garten komplett im Winter. Als sie das Tier dort unter verfaultem Kohl findet und mit Wasser wiederbelebt, ist es ein Königssohn, und sie heiraten.

Kleine Erfolge

Regina Sommer erzählt das Märchen mit all ihren Sinnen, zeigt in die Luft, als der Drache fliegt, um die jüngste Tochter zu holen, schnuppert an der imaginären Rose, spricht mal lauter, mal leiser, flüstert und macht Geräusche. Und Sophie? Sie geht regelrecht mit. Und so wie die jüngste Tochter im Märchen sich mit dem Drachen anfreundet, so lernt vielleicht auch Sophie ein Stück weit, mit ihrem persönlichen Drachen, also ihrer Krankheit, umzugehen, die Angst davor zu verlieren.

„Als ich das erste Mal bei Sophie war und ihr ein Märchen erzählt habe, hat sie ihre Arme bewegt, und ihre Mutter war sehr erstaunt und sagte, sie könne das eigentlich gar nicht mehr“, freut sich die Erzählerin über die kleinen Erfolge. Beim zweiten Mal hat die Neunjährige mit Regina Sommer gesprochen, und heute bewegt sie ihre Arme erneut. „Sie denkt mit, beteiligt sich, denkt voraus, das ist toll“, so Sommer.

Ebenfalls auf der Intensivstation liegt die kleine Milena. Gerade mal 1350 Gramm leicht ist das Frühchen. Milenas Mama Sandra Dederichs hat ihre Hand auf dem Rücken ihrer Tochter liegen, während Regina Sommer das russische Märchen „Das Schwänchen“ wiedergibt. Bei der milden, sanften Stimme der Profi-Erzählerin zuckt das Füßchen des Babys, und selbst Dr. Volker Siller gerät bei diesem Anblick in Verzückung. Als ehemaliger Oberarzt der Kinderklinik am Bethlehem-Krankenhaus schaut er naturgemäß auf den Monitor, nimmt die Werte zur Kenntnis. „Wenn etwas spannend ist, geht die Herzfrequenz hoch“, sagt der Vorsitzende des Vereins Menschenskind schmunzelnd.

Der gemeinnützige Verein zur Förderung der Betreuung und Beratung kranker Kinder und ihrer Familien ermöglicht es, dass Regina Sommer einmal im Monat das Stolberger Krankenhaus besucht und für seine jüngsten Patienten da ist. „Ich durfte noch nie für Frühchen erzählen, das ist eine Premiere“, sagt sie und Siller ergänzt: „Für alle!“ Sommers Kollege in Kanada berichtete über gute Erfahrungen in diesem Bereich. Er habe seinem Sohn Jacob, seinerzeit auch ein Frühchen, Tag und Nacht Märchen erzählt, und als Jacob drei oder vier Jahre alt war, habe er die Märchen wiedererkannt. „Für mich ist es wichtig, dass es eine Korrespondenz zwischen den Kindern und mir gibt“, betont Regina Sommer. Und sie sagt, dass sie bei Frühchen Milena die Energie spüre. „Esoteriker sagen Aura dazu“, erklärt sie. Es gibt keine klaren Erkenntnisse, keine Studien, aber in diesem Moment ist da Milenas Mama, die ganz schlicht feststellt: „Mein Kind war in der Erzählzeit sehr ruhig.“ Außerdem habe sie selbst die Atmosphäre als sehr entspannend empfunden.

„Es ist sehr eindrucksvoll, Frau Sommer kann aus einem riesigen Fundus an Märchen schöpfen und die Geschichten je nach Reaktion der Kinder anpassen“, begrüßt Dr. Heiner Kentrup die neue „Märchenstunde“ auf seiner Station. Der Chefarzt der Kinderklink zeigte sich sofort einverstanden, als Siller und Sommer an ihn herangetreten waren. „Im weitesten Sinne kann man das durchaus als gesundheitsfördernd bezeichnen. Auf jeden Fall gibt es eine Phase des Wohlfühlens, die Kinder sind von ihrer Krankheit abgelenkt und das allein ist ja schon ein positiver Effekt“, sagt Kentrup.

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