Stolberg - Maassen räumt nach 35 Jahren den Chefsessel beim Ordnungsamt

Maassen räumt nach 35 Jahren den Chefsessel beim Ordnungsamt

Von: Alexander Barth
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Weg vom Schreibtisch im Rathaus und ab in den Garten: Hans Maassen freut sich auf mehr Zeit für seine Kakteensammlung nach seinem Ausscheiden beim Ordnungsamt. Den Job mit all seinen Facetten werde er dennoch vermissen, glaubt der 65-Jährige. Foto: A. Barth

Stolberg. In sein Ressort fallen Aufgaben wie Kampfmitteluntersuchung, Lärmschutz, Ordnungsangelegenheiten oder die Streu- und Räumpflicht. So weit, so nüchtern die amtliche Kennzeichnung der Arbeit von Hans Maassen, langjähriger Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Stolberg.

Wie man den Job mit Leben füllt, hänge von einem selbst ab, sagt der 65-Jährige, der zum Monatsende aus dem Dienst scheidet. Im Samstagsinterview spricht er über prägende Erlebnisse aus 35 Dienstjahren, seine Sicht auf die Dinge Stolbergs und die Zeit nach dem Berufsleben.

Herr Massen, bald heißt es Abschied nehmen...

Maassen: Um Himmels Willen, sagen Sie das nicht so. Ich mag Abschiede nicht besonders.

Soll das bedeuten, Sie werden keinen Ausstand geben?

Maassen: Doch, natürlich werde ich mich gebührend von den Kollegen verabschieden. Aber ich mag mich noch nicht so richtig damit anfreunden, dass es bald vorbei ist. Ich habe den Job nämlich sehr gerne gemacht.

Freuen Sie sich nicht auf die Zeit nach den stressigen Arbeitsjahren?

Maasen: Ich würde sagen: Ja, aber... (lacht). Stressig war es tatsächlich immer wieder, aber genau das waren oft die Momente, wo die Arbeit besonders intensiv und erfüllend war. Es gab Situationen, da habe ich am Nachmittag gemerkt, dass ich noch gar nichts gegessen hatte.

Wie haben Sie den beruflichen Weg zum Ordnungsamt gefunden?

Maassen: Das war tatsächlich eine bewusste Entscheidung. Ich habe in meiner Verwaltungssausbildung verschiedene Stationen durchlaufen, und die Arbeit beim Ordnungsamt hat mir sofort gefallen – der Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen, sei es im Außendienst oder hier im Haus. Es passiert immer etwas Neues, kein Tag ist wie der vorherige.

Sie leiten eine Abteilung der Verwaltung, die in der Aussenwirkung nicht überall positiv ankommt.

Maassen: Das stimmt, aber ich finde, die Leute sollten auch das große Ganze kennen. Der Begriff Ordnung steht zwar drauf, aber das darf man nicht mit reinen Verwarnungs- oder gar Bestrafungsaufgaben verwechseln. Wir sorgen tatsächlich oft dafür, dass Leute ruhig schlafen, ihren Laden vernünftig betreiben oder das Wochenende genießen können. Aber wir kümmern uns genauso um das allgemeine Wohl und Erscheinungsbild von Stolberg, und zwar an Stellen, die der Bürger vielleicht gar nicht auf dem Schirm hat.

Für die einen sind die Damen und Herren vom Ordnungsamt also ein Segen, für andere aber auch ein Fluch...

Maassen: Aber nur dann, wenn sie es auch verdient haben (lacht). Schauen Sie, ich habe immer versicht, meinen Mitarbeitern vorzuleben, dass vor einer Ordnungsmaßnahme immer ein Gespräch stattfinden sollte, sofern der Sachverhalt nicht glasklar ist. Wenn sich jemand nachweislich falsch oder unrechtmäßig verhält, dann ist das eine Tatsache. Meist bestehen darüber allerdings unterschiedliche Meinungen. Ich vertrete die Philosophie, dass man auch mal Fünf gerade sein lassen sollte, ohne gleich mit dem Knöllchen zu wedeln oder meinetwegen am Samstagabend eine Feier auflösen zu lassen.

Was war Ihnen sonst noch wichtig in Ihrem Arbeitsleben?

Maassen: Das Ordnungswesen ist ein hochsensibler Bereich, weil er von Menschen geprägt ist, die sich meist ungewollt und in nicht immer im besten Verständnis auseinander setzen. Diese Sensibilität war mir immer wichtig, auch meinen Mitarbeitern habe ich immer wieder dazu geraten. Im Gespräch lassen sich oft Lösungen finden, so ist meine Erfahrung. Dialog statt Strafe, so könnte man das vielleicht ganz kurz zusammenfassen.

Gibt es gravierende Veränderungen in der Arbeitsweise früher und heute?

Maassen: Da landen wir wieder bei der Sensibilität. Zu meiner Zeit, so nenne ich das mal, entwickelte man sich rein über Erfahrungen, die man im Umgang machte. Mittlerweile werden die Kollegen längst geschult, da geht es um Konflikt- und Stressbewältigung oder um Deeskalationsmaßnahmen, die den Mitarbeitern beigebracht werden. Natürlich haben sich auch Strukturen verändert. Wir haben deutlich weniger Mitarbeiter als früher, aber die Aufgaben sind vielfältiger und umfangreicher geworden. Und nicht zuletzt hat sich der Umgang mit den Menschen verschärft, da fallen Hemmungen und Verhaltensregeln, die früher noch bestand hatten.

Mehr Arbeit, weniger Personal – schmerzt in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Menschen nicht immer gut auf die Mitarbeiter zu sprechen sind?

Maassen: Das könnte so sein, aber das muss man ausblenden. Überhaupt ist unser Job keiner, bei dem am Ende des Tages zwingend ein Resultat zu sehen ist. Ein einfaches Beispiel: Wenn ein Maurer eine Mauer fertiggestellt hat, haben wir im gleichen Zeitraum womöglich einen Ölunfall abgewickelt, einen Verkehrskonflikt gelöst und eine Lärmbelästigung geklärt – viel Arbeit, aber kein von außen sichtbares Ergebnis. Zum Glück wissen wir, was wir getan haben (lacht).

Wie war in den vergangenen Jahren Ihr Verhältnis zum Chef?

Maassen: Mit Bürgermeister Ferdi Gatzweiler bin ich gut klargekommen. Er setzt auf den Bürgerdialog, unter seiner Führung ist dieser Aspekt auch beim Ordnungsamt stärker in den Fokus gerückt. Von ihm stammte übrigens die Idee, dass auf den Jacken der Außendienstmitarbeiter das Wort „Service“ vor dem Begriff „Ordnung“ auftaucht.

Ihre Arbeit spielt sich auch in schwierigen sozialen Umfeldern ab. Gab es in der Vergangenheit Problembereiche oder Fälle, die Ihnen immer wieder begegnet und womöglich nahe gegangen sind?

Maassen: Da fällt mir der Bereich der Sozialbegräbnisse ein. Weil wir eben über Entwicklungen sprachen – hier hätten wir eine negative. Vor 30 Jahren waren es vielleicht fünf oder acht Fälle im Jahr, heute kommen wir auf etwa 30. Oft stecken Schicksale und Biografien einsamer Menschen dahinter, die nachdenklich machen. Das bleibt im Kopf. Ich bin aber immer wieder überrascht, wenn Angehörige sich schlichtweg weigern, die Bestattung ihre verstorbenen Familienmitglieder zu übernehmen. Da komme ich in Sachen Verständnis an die Grenze. Zwangseinweisungen aufgrund psychischer Probleme sind auch so ein schweres Feld. Wenn dann auch noch Kinder im Spiel sind, kann es wirklich dramatisch werden.

Wie schalten Sie ab, wo ist der Ausgang, wo der Ausgleich?

Maassen: Das gelingt mir ziemlich gut, wenn ich mich im Garten beschäftige. Ich habe vor einigen Jahren die Leidenschaft zu winterfesten Kakteen entdeckt. Damit kann ich mich stundenlang beschäftigen. Ich habe aber zum Glück nicht oft das Gefühl gehabt, unbedingt abschalten zu müssen. Ansonsten kegle ich gern, zu einer Partie Skat sage ich auch nie Nein.

Was braucht ein guter Mitarbeiter beim Ordnungsamt?

Maassen: Auf jeden Fall ein dickes Fell (lacht). Entscheidend ist das Wesen des Mitarbeiters im Umgang mit den Bürgern. Wenn man zum Beispiel beschimpft wird, darf man sich nie aus der Ruhe bringen lassen oder unangemessen reagieren. Selbstkontrolle ist wichtig, auch, damit die Menschen Vertrauen zu unseren Leuten fassen können. Mit den Jahren wächst dann der Erfahrungsschatz, wie ich schon angedeutet habe. Ich hatte 35 Dienstjahre Zeit, um meine Menschenkenntnis zu entwickeln. Das sollte jeder Mitarbeiter von Beginn an versuchen.

Sie sagen, Sie gehen alles andere als gerne. Gibt es auch Aspekte ihrer Arbeit, die sie definitiv nicht vermissen werden?

Maassen: Ich fürchte, selbst die ermüdenden Gefechte mit manchen Kontrahenten werde ich wohl am Ende doch vermissen. Natürlich gab es immer wieder Fälle, in denen Auseinandersetzungen geführt wurden, die mit der Zeit anstrengend bis ermüdend wurden. Zum Beispiel, wenn es bei – in meinen Augen und nach Rechtslage – klaren Sachverhalten zu einem endlosen Schriftverkehr kommt. Ich habe mich als Vertreter geltender Ordnungen gesehen, dem steht dann die Meinung eines anderen gegenüber. So einfach, so zermürbend, musste man manchmal sagen.

Die Sache mit dem Recht sehen die Kontrahenten womöglich genauso.

Maassen: Sicherlich. Ich sage ja, ich habe immer auf Dialog gesetzt. Wenn aber rechtmäßig Strafen ausgesprochen werden, und sich Bürger nicht damit abfinden, ist das für mich eine klare Sache.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft, wenn Sie an Ihre dann ehemalige Dienststelle denken?

Maassen: Dass der Kurs in Stolberg beibehalten wird: Im Sinne der Ordnungsvorgaben handeln, aber immer so flexibel, dass ein sinnvolles Wort auch die Lösung sein kann.

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