Schleiden-Gemünd - Luft-Eklektoren geben Aufschluss über Diversität in Baumkronen

Luft-Eklektoren geben Aufschluss über Diversität in Baumkronen

Letzte Aktualisierung:
4630987.jpg
Einer der Lufteklektoren auf der Halbinsel Weidenauel im Kermeter. Foto: Nationalparkverwaltung

Schleiden-Gemünd. Hoch hinaus gingen Forscher im Nationalpark Eifel, um erstmals das Insektenleben in den Baumwipfeln zu untersuchen. In bis zu 20 Metern Höhe sammelten sie von März bis September Fluginsekten mit so genannten Lufteklektoren in den Baumwipfeln von Buchen, Eichen und Kiefern. Unter ihnen erwarten die Wissenschaftler hoch spezialisierte Arten.

Ende September wurde die letzte Falle abgebaut. Bis zu neun Forscher arbeiten nun an der Auswertung des mehr als 10.000 Insekten umfassenden Fanges. Seit mehreren Jahren untersuchen Biologen das Vorkommen verschiedener Insektengruppen im Nationalpark Eifel. Meist bodennah fingen sie per Hand oder in Malaise-Fallen ein breites Spek­trum an Arten. Doch die Welt in den Baumkronen, dort wo sich zahlreiche spezialisierte Arten tummeln, blieb ihnen bislang verborgen.

In Mitteleuropa gehen Forscher nur selten in diese Höhen, um Tiere zu kartieren, wie es aus artenreichen Tropenwäldern bekannt ist. Doch die Wissenschaftler des Nationalparks Eifel wollten es wissen: „Erst das Wissen über die Artenvielfalt auch dieser Waldbereiche kann Aufschluss über die aktuelle Ausstattung der Nationalparkwälder geben“, erläutert der Leiter des Fachgebietes Forschung und Dokumentation, Dr. Michael Röös. Außerdem seien die Daten wichtig, um die Entwicklung der nicht mehr einer menschlichen Nutzung unterliegenden Wälder, auch im Zuge der weltweiten Klimaerwärmung, verfolgen zu können.

Stechimmen gute Bio-Indikatoren

2012 sollten nun erstmals Einblicke in Kermeter und Hetzinger Wald gewonnen werden. Die Nationalparkverwaltung beauftragte Dr. Jürgen Esser aus Dormagen: Seit 2008 kartiert der Biologe im Nationalpark. Im vergangenen Winter baute Esser dann eigenhändig die Lufteklektoren zum Fang flugaktiver Insekten. „In den Baumkronen tummeln sich hoch spezialisierte Insekten, die beispielsweise nur dort nach Nahrung für ihren Nachwuchs suchen“, erläutert Esser. Seine Spezialität sind Wildbienen und Wespen („Stechimmen“), die sich aufgrund ihrer oft engen Bindung an bestimmte Lebensräume, Nistplätze und Nahrungspflanzen in besonderem Maße als Bio-Indikatoren eignen.

Im März hängten Baumkletterer der Nationalparkverwaltung die Anflug-Fallen in 5 bis 20 Metern Höhe auf. Die Fallen bestehen aus überkreuzten Plexiglasscheiben, die anfliegende Insekten nach oben oder unten über Trichter in alkoholgefüllte Fanggefäße leiten. Mittels Schnüren an einem im Baum angebrachten Holzgalgen befestigt, lassen sich die Fallen einfach abseilen. Alle zwei Wochen leerten Ranger die Becher.

„Ohne die tatkräftige Unterstützung der Nationalpark-Mitarbeiter vor Ort wären diese aufwendigen Untersuchungen nicht möglich“, sagt Esser.

Die Fangphase 2012 ist nun beendet. Neben den Tieren aus den Lufteklektoren warten noch bis zu 100.000 Insektenfunde der vergangenen vier Jahre darauf, untersucht und bestimmt zu werden. Erste Auswertungen ergaben beispielsweise, dass 24 der bis jetzt im Nationalpark nachgewiesenen Stechimmen-Arten sich auf der Roten Liste der in Deutschland gefährdeten Arten befinden, 59 auf der entsprechenden Liste für Nordrhein-Westfalen.

„Im Nationalpark ist vor allem die Entwicklung spannend. Schließlich greift der Mensch in den größten Teil der Fläche nicht mehr ein. Das heißt: Die Natur ist einer fortlaufenden Veränderung unterzogen, bei der sich die Artenzusammensetzung mit jeder Phase ändert“, so Esser. Bereits in den ersten Jahren der Untersuchungen habe sich herausgestellt, dass im Nationalpark Eifel noch Arten vorkommen, die andernorts in NRW gefährdet oder bereits ausgestorben seien – wie die Berg-Feldwespe Polistes biglumis. Sie wurde – erstmals wieder seit 1952 – an den trockenwarmen Hängen des Odenbachtals nachgewiesen.

Die Zahl der im Nationalpark nachgewiesenen Wildbienen und Wespen hat sich bis Ende 2012 ohne die noch auszuwertenden Fänge aus diesem Jahr auf 259 Arten erhöht, das entspricht 60 Prozent der bekannten Eifel-Fauna. Geplant ist, die Erkenntnisse aus diesen Untersuchungen im nächsten Jahr zu veröffentlichen.

Käfer und Schmetterlinge

An der Auswertung des Insektenfundes sind bis zu neun Spezialisten beteiligt. Bearbeitet werden verschiedenste Insektengruppen: neben den äußerst artenreichen Hautflüglern wie Wildbienen, Wespen, Ameisen, Pflanzenwespen unter anderem auch zahlreiche Zweiflügler wie Schwebfliegen, Hummelschweber oder Bremsen sowie Schmetterlinge, Käfer, Kamelhalsfliegen und Wanzen.

Biologe Dr. Jürgen Esser selektiert die Insekten, auf die er spezialisiert ist: Allein etwa 6000 Hummeln, Bienen und Wespen fand er in den Proben der vergangenen Jahre. Anschließend wird der restliche Fundus an andere Experten weitergereicht, die sich ihre jeweilige Artengruppe herauslesen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert