Stolberg - Leoni stellt 130 Stellen zur Disposition

Leoni stellt 130 Stellen zur Disposition

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
5452067.jpg
Konzentration auf Kernkompetenzen: Leoni produziert in Stolberg zu teuer. Das Werk soll profitabel strukturiert werden. Foto: Leoni

Stolberg. Über Details der geplanten Restrukturierung der Leoni Kerpen GmbH wollte Ende Februar Martin Moser noch nicht sprechen, weil der Geschäftsführer noch an seinem Konzept gearbeitet hat. „Gefasst, aber mit Erschrecken“, so berichten es Teilnehmer der Betriebsversammlung am Nachtigällchen am Donnerstag, nahm die Belegschaft die Dimensionen der Pläne der Geschäftsleitung zur Kenntnis.

Diese hatte bereits der jüngsten Gehaltsabrechnung ein informatives Schreiben zu ihrer Sicht der Lage des Stolberger Werks beigelegt. Doch die Deutlichkeit, mit der Dr. Klaus Probst, die Situation und ihre Folgen am Donnerstag schilderte, machte noch betroffener.

Um die schlechten Nachrichten vor Ort zu vertreten und zu erläutern, war der Vorstandsvorsitzende der M-Dax notierten Aktiengesellschaft, aus Nürnberg persönlich an die Vicht geeilt: „Nach derzeitigem Stand wird Leoni in Stolberg 100 bis 130 Stellen abbauen müssen“, erklärte der Konzernchef zu seinen Plänen. Sie beinhalten neben der Absicht zu einer deutlichen Verschlankung der Produktionskosten aber auch „ein klares Bekenntnis für die Weiterführung des Standortes Stolberg“.

Der Preisdruck im umkämpften Markt der Datenkabel sowie das Wegbrechen von Aufträgen in zweistelliger Millionen-Höhe im Segment der Kabelstränge und Systemlösungen für Förderanlagen und Raffinerien durch das EU-Embargo gegen den Iran führt das Unternehmen als Gründe an, die Ertragslage des Werkes in der Kupferstadt grundlegend auf den Prüfstand zu stellen. Leoni Kerpen schreibt wiederholt rote Zahlen.

Ohne Eingriffe in die Struktur des Werkes sind positive Ergebnisse nicht in Sichtweite, argumentieren die Arbeitgeber. „Der Standort Stolberg ist weiterhin mit einer kritischen Marktlage konfrontiert, die zu einer niedrigeren Nachfrage und damit Auslastung führt“, erläuterte Dr. Probst. Und der Konzernchef verweist dabei auf „vergleichsweise hohe Ausgaben, die größtenteils aus administrativen, aber auch technischen Unternehmensbereichen resultieren“. Soll der Standort wieder auf internationaler Ebene wettbewerbsfähig werden, „dann müssen die Kosten gesenkt werden.“

Maßgabe bei der geplanten Restrukturierung ist, dass das Stolberger Werk „langfristig profitabel sein soll“. Dabei ist der geplante Abbau jedes fünften Arbeitsplatzes nur eine Säule des Konzeptes des Managements. Es will in Abstimmung mit den Tarifparteien bereits vorzeitig den zum Jahresende auslaufenden Ergänzungstarifvertrag neu verhandeln; er soll zum 1. Juli aufgekündigt werden. Ziel sei es dabei, die wöchentliche Arbeitszeit von 37 auf 40 Stunden anzuheben. Zur Disposition gestellt werden auch die Einstufungen des Entgelt-Rahmenabkommens: Sie lägen in Stolberg höher als an den Standorten Roth, Weißenburg und Friesoythe und trügen somit wesentlich zur schlechten Kostensituation bei.

Vergleichsweise hohe Ausgaben bescheinigen die Controller des Konzerns insbesondere den Bereichen Drahtzug, Chemie, Finanzbuchhaltung, Personal, IT, Lichtwellenleiter und Logistik. Um auch innerhalb des Konzerns wettbewerbsfähig zu werden, sei eine schnelle Optimierung der Kostenstruktur am Stolberger Standort unabdingbar, um langfristig im Konzern Bestand zu haben .

Ziel der Restrukturierung ist eine „Konzentration auf die Kernkompetenzen, die eindeutig in Entwicklung, Produktion und Vertrieb liegen“. Bis Ende Juni möchten die Arbeitgeber ihr Konzept nebst Sozialplan, Sozialauswahl und Interessenausgleich mit der Arbeitnehmer-Seite abgestimmt haben.

Überrascht von den Ausmaßen dieser Pläne wurden am Donnerstag sogar Betriebsratsvorsitzender Karl-Heinz Lach und IG-Metall-Bevollmächtigter Helmut Wirtz, die dem Aufsichtsrat der AG angehören. „Wir waren ja schon vorgewarnt“, verdeutlichte Lach, „aber alles, was nicht zu den Kernkompetenzen gezählt wird, wird jetzt auf den Prüfstand gestellt“. Die Übertragung zahlreicher administrativer Aufgaben an andere Konzernstandorte drohe. „Wir werden versuchen, so viele Mitarbeiter wie möglich am Standort zu halten“, kündigte Wirtz harte und intensive Verhandlungen mit den Arbeitgebern an, bei der sicherlich auch der schwierigen Lage des Werkes Rechnung getragen werden müsse.

„Wir werden ins kleine Detail gehen“, versichern Betriebsrat und IG Metall, die auf einer Mitgliederversammlung gleich im Anschluss an das Zusammentreffen der Belegschaft eine Tarifkommission benannten und die Marschrichtung für die erst noch bevorstehenden Verhandlungen abstimmten. Neben einer Minimierung des Stellenabbaus ist dabei auch eine möglichst langfristige Absicherung der verbleibenden Arbeitsplätze ein Kriterium. „Wir werden jetzt erst einmal die Vorschläge in aller Ruhe analysieren müssen“, kündigte Lach an, mit aller Sorgfalt die schwere Herausforderung für die Belegschaft und den Standort angehen und für betroffene Mitarbeiter das Beste herausholen zu wollen. „Entscheidend ist, was am Ende dabei herauskommt“, unterstrich Wirtz, dass unter die Pläne der Geschäftsführung noch lange keine Unterschrift gesetzt ist.

Seit dem Herbst vergangenen Jahres hatte sich die schwierige Auftragslage bei Leoni Kerpen drastisch verschärft durch das EU-Embargo gegen den Iran. Ein Viertel der Belegschaft „fuhr“ Kurzarbeit, Arbeitszeitkonten wurden ausgeglichen, Zeitverträge von 39 Beschäftigten waren bis zum Jahresende ausgelaufen.

Erst langfristig wird sich nach Angaben der Geschäftsführung das noch junge Engagement im Bereich von Solar-, Photovoltaik- und Windenergie in Produktivität am Stolberger Standort bemerkbar machen können. Die Vorlaufzeiten für solche Projekte seien so groß, dass sie erst Jahre nach Abschluss zu Beschäftigung führen. „Wir stehen in diesem Geschäftsfeld erst am Anfang“, so Moser.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert