Stolberg - Leiharbeit: Lob für ein konstruktives Miteinander

Leiharbeit: Lob für ein konstruktives Miteinander

Von: Michael Grobusch
Letzte Aktualisierung:
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Niedrige Quote im Bereich der Stolberger Verwaltungsstelle: Nach Angaben der IG Metall werden in den von ihr betreuten Betrieben derzeit weniger als 100 Leiharbeiter beschäftigt. Foto: M. Grobusch

Stolberg. Auch am Donnerstag, dem bundesweiten Aktionstag der Gewerkschaften, bildete Stolberg eine Ausnahme. Während in vielen deutschen Städten Protestkundgebungen gegen Leiharbeit stattfanden, versammelten sich in einem Besprechungsraum der Firma Leoni Kerpen Vertreter von Arbeitnehmern und Arbeitgebern an einem Tisch.

„Am liebsten hätten wir natürlich gar keine Leiharbeit. Aber wir haben in letzter Zeit Vereinbarungen mit zahlreichen Unternehmen getroffen, die einen akzeptablen Umgang mit diesem Thema ermöglichen”, stellte Helmut Wirtz zur Begrüßung fest.

Der Geschäftsführer der IGM-Verwaltungsstelle Stolberg konnte nicht nur Betriebsratsvorsitzende in dieser Runde begrüßen, sondern mit Robert Spicker (Aurubis Stolberg/Schwermetall) und Stephan Rosenkranz (Prym) auch zwei Personalleiter. Eigentlich hätten sich Dirk Harten (Schwermetall) und Martin Moser (Leoni Kerpen) zu ihnen gesellen sollen. Beide Geschäftsführer mussten aber wegen dringender Dienstreisen kurzfristig absagen.

Der guten Stimmung tat das keinen Abbruch. Man kennt und schätzt sich aus der täglichen Zusammenarbeit, das wurde schnell deutlich. „Ganz wichtig ist die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft”, betonte Robert Spicker. Sie ist es wohl auch, die das Besondere an dem „Stolberger Modell” ausmacht.

Das Resultat zeigte Helmut Wirtz auf: „In den von uns betreuten Betrieben der Metall- und Elektroindustrie mit einem Betriebsrat gibt es mehr als 5500 Beschäftigte, aber derzeit weniger als 100 Leiharbeiter.” Dass es nicht ohne das Instrument Leiharbeit gehe, unterstrich Personalleiter Spicker: „Grundsätzlich ist es so, dass wir ohne sie nicht auskommen. Die Strukturen verändern sich, der wirtschaftliche Druck steigt. Die Frage ist nur, wie man mit Leiharbeit umgeht.”

Sie dürfe kein Dauerzustand sein, helfe aber sehr wohl, um Auftragsspitzen zu bewältigen oder in Urlaubszeiten für Entlastung zu sorgen. „Dabei legen wir großen Wert auf Transparenz und eine angemessene Entlohnung”, so Spicker. Leiharbeit zum Dumpingpreis gebe es bei der Aurubis Stolberg GmbH und bei Schwermetall nicht.

Diesen Grundsätzen sieht sich auch Stephan Rosenkranz verpflichtet. Er betont: „Wir setzen Leiharbeiter nicht ein, um Geld zu sparen. Das wäre auf diesem Weg gar nicht möglich.” Wohl aber erlaube der Einsatz von Leiharbeitern eine schnelle Reaktion des Unternehmens auf Bedürfnisse des Marktes und der Kunden. „Wir müssen oft kurzfristig reagieren. Da können wir nicht in ein normales Personalauswahlverfahren gehen.”

Appell an den Gesetzgeber

Gleichwohl könne sich im Rahmen einer Leiharbeit die Perspektive für eine längerfristige Beschäftigung ergeben. Rosenkranz wie auch Robert Spicker appellierten in diesem Zusammenhang an den Gesetzgeber. „Die Möglichkeiten für eine befristete Anstellung sind extrem eingeschränkt. Wenn uns hier mehr Handlungsspielraum gegeben würde, wären wir weit weniger auf Leiharbeiter angewiesen.”

Dass sich deren Zahl in den Stolberger Betrieben in Grenzen hält, hänge auch mit dem Anforderungsprofil zusammen. Denn in vielen Fällen erfordere die zu übernehmende Tätigkeit viel Erfahrung und ein hohes Fachwissen. „Da ist zum Teil mit einer Anlernzeit von ein bis drei Jahren zu rechnen. In solchen Fällen hilft ihnen Leiharbeit nicht.”

Den verbalen Pass nahm Karl-Heinz Hamacher auf. „Wir leben doch im 21. Jahrhundert. Alleine schon der Begriff des Leiharbeiters erinnert mich aber ans 17. oder 18. Jahrhundert”, monierte der Betriebsratsvorsitzende von Aurubis Stolberg. „Da geht es um qualifizierte und flexible Mitarbeiter. Die müssten eigentlich besser bezahlt werden als die Stammbelegschaft, so wie es früher bei den Monteuren der Fall war.”

Gewerkschaftssekretär Georg Moik mahnte derweil, aufgrund der relativ positiven Stolberger Verhältnisse, nicht den Blick über den Tellerrand zu vernachlässigen. „Das Gesetz, das zum Abbau von Produktionsspitzen gedacht war, wird von vielen Unternehmen missbraucht. Während wir in der Metall- und Elektroindustrie relativ gut aufgestellt sind, gibt es in anderen Branchen einen massiven Einsatz von Leiharbeit.”

Alarmierend ist aus Sicht der IG Metall der in diesem Zusammenhang zu erkennende Trend. „In diesem Jahr wird es in Deutschland über eine Million Leiharbeitsverhältnisse geben. Und die Leiharbeitsfirmen träumen jetzt schon von zwei Millionen”, führte Helmut Wirtz auf.

Immer mehr junge Menschen stünden vor einer ungewissen Zukunft. „Gerade sie sind besonders oft von ungesicherter Arbeit und Leiharbeit betroffen. Parallel dazu ist die Erwerbslosenquote der 15- bis 24-Jährigen doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.”

Zukunftsperspektiven

Das Motto des Aktionstages lautete „Gleiche Arbeit, gleiches Geld”. Doch aus Sicht der IG Metall steht noch viel mehr auf dem Spiel. Helmut Wirtz formulierte es so: „Es geht um faire und sichere Arbeit, um Zukunftsperspektiven und Chancen für alle.”

Der Weg dorthin sei noch weit und beschwerlich. Und so dürfte es wohl auch nicht der letzte Aktionstag der Gewerkschaften zu diesem Thema gewesen sein.
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