Leicht verschroben, aber liebenswert

Von: Annika Kasties
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Für Freunde geschrumpfter Lokomotiven ist es ein Paradies: Das beschauliche Reich der Eisenbahnfreunde Stolberg in der Ardennenstraße. Foto: A. Kasties
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"Meine Frau sagt immer, ich sei bescheuert" - Anton Recker trägt dieses Urteil mit Fassung. Foto: A. Kasties
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Luca Oberstaller ist eines der vielen jungen Mitglieder bei den Eisenbahnfreunden. Foto: A. Kasties

Stolberg. Es ist ein Schauplatz, an dem Fantasy-Fans ihre wahre Freude hätten. Trist und verlassen erhebt sich die Ardennenstraße in der Dämmerung. Will man sich zurückhaltend ausdrücken, könnte man sagen, dass die Straße schon bessere Zeiten gesehen hat. Etwas heruntergekommen und nicht grade einladend dürfte es jedoch besser treffen.

Die ehemalige Schlecker-Filiale steht seit Jahren leer. Unbekannte haben der Fensterfront mit einem beherzten Fußtritt oder einem harten Gegenstand ihren ganz persönlichen Stempel aufgedrückt. Doch inmitten dieser Gegend, tief unter der Erde, verbirgt sich ein Raum, der Kinderherzen höher schlagen lässt.

Einmal um das leer stehende Gewerbegebäude herum, eine Treppe hinab, vorbei an blauen Außenwänden, deren Farbe in großen Stücken abbröckelt – und da ist es, das beschauliche Reich der Eisenbahnfreunde Stolberg. Ein Raum, in dem es blinkt und summt. In dem sich grüne Hügel und Prachtbauten aus der Kaiserzeit erheben. Und ein Raum, in dem erwachsene Männer stundenlang Miniatur-Lokomotiven über streichholzbreite Gleise fahren lassen.

Es gleicht dem Übergang in eine neue Welt. Ein klassisches Muster der Literatur, das Liebhabern fantastischer Welten fast schon zum Halse heraushängen dürfte. Für Freunde geschrumpfter Lokomotiven ist es ein Paradies.

Viele junge Mitglieder

Etwa ein Dutzend Männer haben sich an diesem Abend im Vereinsheim der Stolberger Eisenbahnfreunde eingefunden. Lokomotiven fahren durch einen Modellbahnhof, fingerhohe Signallampen leuchten rot auf. Im hinteren Teil des Raums beobachtet ein Mann die Weichenstellung auf dem Computer. „Heute ist wenig los“, sagt Werner Mertens, einer von derzeit 24 Vereinsmitgliedern, fast schon entschuldigend.

1981 gründeten befreundete Modelleisenbahner den Verein Eisenbahnfreunde Stolberg. Seit 31 Jahren bietet der Kellerraum in Münsterbusch dem Verein sein Zuhause. Das Überraschende: Unter den Mitgliedern finden sich nicht nur Männer jenseits der 50.

Auch mehrere junge Leute spielen hier Lokführer. Zum Beispiel Luca. Der 20-Jährige zählt seit 2008 zu den Stolberger Eisenbahnfreunden. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Kommenden Monat beendet er seine Ausbildung zum Lokführer bei der Deutschen Bahn.

„Wir haben das Glück, dass wir immer viele Jugendliche in unserem Verein haben“, sagt Mertens. Bei anderen Vereinen im Umkreis sei das jüngste Mitglied meist 60 Jahre alt. Über fehlenden Nachwuchs könne sich der Verein somit nicht beklagen.

Die jüngsten Eisenbahnfreunde sind elf und 15 Jahre alt. Neue Mitglieder fänden sich vor allem durch Ausstellungen, die der Verein regelmäßig organisiert. Zudem präsentiert sich der Verein auf Stadtfesten.

Auch wenn ein Blick ins Mitgliederheft Sorgen um das langfristige Bestehen des Stolberger Vereins vorerst vertreibt, stellt Anton Recker fest: „Das ist kein Hobby mehr für Kinder.“ Für eine digitale Diesellok müsse der Modelleisenbahner schon an die 500 Euro blechen. Zudem sei die Konkurrenz durch andere Freizeitmöglichkeiten in den vergangenen Jahrzehnten enorm gestiegen.

Fasziniert von Bahnhöfen

Was sind das für Menschen, die einem mit Leidenschaft den Unterschied zwischen H0-Maßstab und N-Spur erklären? Die sich penibel genau überlegen, mit welchem Typ Lok sie sich fotografieren lassen wollen? Und deren Smartphone-Hintergrund nicht das Foto eines Haustiers, sondern das Bild eines Zuges zeigt? „Im Prinzip sind wir alle relativ normal“, findet Recker.

So sieht das auch Luca. Schon als kleiner Junge sei er fasziniert von Bahnhöfen gewesen. Immer wieder fuhr er zum Bahnhof, um dort die Züge zu beobachten. „Ich fand das einfach klasse, wenn die Züge vorbeifuhren. Die lauten Geräusche, der Wind...“

Seitdem er bei der Bahn arbeitet, interessiert er sich verstärkt für moderne Güterzüge. Die Modelle, die er beruflich fährt, will er auch privat über die Modellgleise steuern. Sein Vereinskollege Werner Mertens sieht sich hingegen vielmehr als Bastler. Dafür biete sein Hobby schier unbegrenzte Möglichkeiten. Ob bei der Elektrik oder dem Bau von Gleisen, Landschaften und Häusern – zu werkeln und zu tüfteln gebe es immer etwas.

So wird auch die Anlage im Vereinsraum stetig erweitert. Ein zweiter Bahnhof sei fest geplant. Wenn Mertens über die Anbaumöglichkeiten der Anlage spricht, bekommen seine Augen ein freudiges Blitzen.

Die Eisenbahnfreunde sprechen gerne über ihre Leidenschaft für Miniatur-Bahnen. Fast schon hingebungsvoll führen sie durch den Vereinsraum, erklären die Funktionsweise einer Intellibox und führen die Sounds verschiedener Loks vor. Über ihr Hobby könnten sie stundenlang fachsimpeln.

Vielleicht sind sie auch einfach froh, dass zur Abwechslung mal eine Frau ins Vereinsheim gefunden hat. Dem Klischee entsprechend ist auch der Stolberger Verein eine reine Männerveranstaltung. „Das ist kein Hobby für Frauen. Meine Frau sagt immer, ich sei bescheuert“, sagt Recker.

Er trägt das Urteil mit Fassung. „Andere gehen in die Kneipe, da kaufen wir uns halt ein Lökchen“, sagt er schmunzelnd über den Ruf des etwas verschrobenen, aber liebenswürdigen Modelleisenbahners. Mertens ergänzt: „Jeder gibt Geld für sein Hobby aus.“ Die einen kaufen sich teure Spiele für die Playstation, andere fahren kilometerweit ihrem Lieblingsfußballverein hinterher. Ob es da so viel seltsamer sei, 500 Euro für eine Lokomotive auszugeben? Vermutlich nicht.

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