Leerstand bedeutet offen sein für neue Chancen

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:

Stolberg. Eigentlich waren sie auf dem Weg zur Stolberger Burg, doch da kamen sie nie wirklich an. Im Steinweg blieb die Gruppe hängen. Das Ambiente der Fußgängerzone faszinierte sofort. „Wir brauchten nicht mehr zur Burg, wir waren angekommen“, erzählt Clara Scharping von ihrer ersten Begegnung mit der Kupferstadt. „Wir waren überrascht von so viel Leerstand“, sagt die Aachenerin.

Deshalb war der erste auch längst nicht der letzte Besuch im Steinweg. „Leerstand muss ja nicht negativ sei“, sagt die Accessoire-Designerin. „Leer bedeutet auch frei, offen für neue Möglichkeiten.“

Und neue Perspektiven eröffnen möchte das Ensemble der „Designmetropole Aachen“ dem Steinweg. „Wir werden ihn beleben für einen Tag, dabei Impulse geben und neue Ideen erzeugen helfen“, freuen sich die sechs Künstler der mittlerweile 35 stolzen Mitglieder der Designmetropole auf den 28. September.

Dann wird „Kunst in die Provinz“ geholt, oder vielleicht besser gesagt, „Kunst trifft sich in der Provinz“; denn nicht nur Akteure aus Metropolen, sondern auch Künstler aus der Provinz werden miteinander vernetzt. Wobei die Kupferstadt in Sachen Kunst und Kultur bereits alles andere als provinziell ist, weil eine ganze Reihe Stolberger bereits ihren Weg ins Rampenlicht der Welt geschafft haben.

Location, Akteure, interessiertes Publikum, Themen – alles Gründe für Dr. Nina Mika-Helfmeier, Stolberg als einen von fünf Kommunen als Bühne für das große Kulturprojekt „Based in der Städteregion“ auszuwählen. „Wir wollen die regionale Szene sichtbar und bekannter machen, sie vernetzen“, berichtet die Initiatorin. Als Leiterin des städteregionalen Kulturamtes hat sie ihr Netzwerk dafür bis Düsseldorf gespannt. Das Land beteiligt sich mit 30.000 Euro an den Kosten von 70.000 Euro. „Der überwiegende Rest wird durch Sponsoring finanziert“; mit 10.000 Euro ist die Städteregion beteiligt.

„Das Vorhaben will ferner darauf aufmerksam machen, dass es die Entwicklung von Ideen bremst und die Relevanz der Kunst mindert, wenn diese sich auf einen Ort und die eigene Position beschränkt und dem Diskurs ausweicht“, interpretiert Mika-Helfmeier den provozierenden Provinz-Begriff weniger örtlich, denn als „mentale Ferne zu Einflüssen, Impulsen und kritischer Rezeption, welche die Progressivität von Kunst vorantreiben“. Vernetzung hingegen schaffe Offenheit und Fortschritt. as Projekt forciert nicht nur die interdisziplinäre und interregionale Zusammenarbeit von Künstlern, sondern unterstreiche gesellschaftliche Relevanz von Kultur – ein Standortfaktur ebenso wie ein Impulsgeber, erst recht für den Steinweg eine feine Sache.

Die Vorbereitungen sind bereits im vergangenen Jahr angelaufen unter Beteiligung von Kulturschaffenden und Touristikern; so sind in Stolberg Kultur-, Planungsamt und Stolberg-Touristik ebenso wie lokale Künstler und Eigentümer eingebunden und aufgerufen sich zu beteiligen. Einen ersten Auftakt hat das Projekt bereits vor zwei Wochen mit der Vernissage zur Ausstellung „Ausbruch aus der Provinz“ (bis 7. April) im städteregionalen Kunst- und Kulturzentrum KuK in Monschau. Aachen, Simmerath und Alsdorf werden weitere Stationen sein, bevor „Based in der Städteregion“ am 28. September in Stolberg basiert und für Furore sorgen soll, in dem Kunst die Lage im Steinweg gezielt zum Seh- und Gesprächsanlass mit gesellschaftlicher Relevanz macht.

Dafür sorgen die Akteure der Designmetropole Aachen. Sie ist Netzwerk aus Designern und Künstlern vielfältiger Profession und mit eigenständigem Label, die aus der Region und den euregionalen Grenzgebieten operieren, klärt Patricia Yasemine Graf auf. Der Name entstand bei der „Ambiente“ in Frankfurt, als sich vier Aachener auf einen der anonym vergebenen 20 freien Ausstellungsplätze gegen Hunderte Mitstreiter bewarben, in der Hoffnung einen gemeinsamen Stand beschicken zu können. Alle vier wurden ausgewählt. „Die erste Frage der Jury war, ,ist Aachen die neue Designmetropole oder was?‘“, schumzelt Graf. Der Name war geboren.

„Mittlerweile ist der Name längst in der Szene bekannt“, bekennt Patricia Yasemine: München, Mailand, Paris, New York, Tokio... Ach ja, regelmäßige Ausstellungen gibt‘s auch in Aachen; und vor allem spektakuläre Aktionen, von denen Fabian Seibert eine kleine Kostprobe zum Besten gibt: Ortseingangsschilder, Klos vor dem Kurhaus, Fassadenkletterei und Sicherheitskontrollen im Ludwig Forum. Wenn die Designmetropole Aachen mit ihrer Guerilla-Taktik zuschlägt, ist Aufmerksamkeit gewiss.

Und ein wenig Aufmerksamkeit wünscht man sich in Stolberg ja auch für den Steinweg. Barbara Brouwers, Julia Magr und Jürgen Reichert geben schon einmal einen ersten Eindruck von dem, was im September zu erleben ist. Dann werden leerstehende Ladenlokale belebt, Mülleimer, Laternen, Bänke, Beete, integiert – „alles, was da ist, wird einbezogen“, verspricht Reichert. Immobilien sowieso, Besucher am liebsten auch.

„Aus leer wird voll“ , kündigt Julia Magr an. Packmaterial wird sie bis unter die Decke füllen – plakativ wie symbolhaft. Und nicht nur Barbara Brouwers schwärmt schon von dem Ladenlokal, von dessen Decke noch ein Stromkabel herabhängt. „Das ist der Ausgangspunkt“, sagt Clara Scharping und führt schon einmal vor Augen, wie sich von dem Kabel an der Decke durch den Laden heraus in die ganze Fußgängerzone ein Gespinst von Fäden ziehen wird – Netzwerk eben wörtlich genommen. Und dann gibt es diesen orangefarbenen Raum der für Besucher zur Tauschbörse wird, selbstverständlich nur für orangefarbene Dinge – Interaktion pur. Dreckig-weiße Wände werden farbig, dank Lichtdesign von Jürgen Reichert – das schafft Atmosphäre.

Eyecatcher für Ladenlokale werden geschaffen. Naja, mehr wollen die stolzen Mitglieder der Designmetropole noch nicht verraten, denn sie sind ja flexibel und kreativ und noch für jede Menge Überraschungen an dem September-Samstag gut. „Wir lassen uns inspirieren von dem, was da ist“. Oder eben auch nicht da ist. Aber in jedem Fall ist versprochen, dass sich auf der Straße Eindrücke und Wege ebenso verändern werden wie leere Geschäfte eben frei sind für neue Möglichkeiten – outdoor, indoor wird der Steinweg zu einer riesigen Spielweise für alle Schattierungen von Kunst, bei der Musik nicht fehlen darf.

Das erinnert an die guten alten 80er Jahre und „Bass in Colours“, als Peter Sonntag & Co. ihre Bässe zupften und Win Braun & Freunde dazu die Farbpinsel schwangen. Apropos: Beteiligung ist ja erbeten. Stolbergs Maler, Musiker, Bildhauer, Objektstylisten, Druckmanufaktoristen, Theatermacher, Schauspieler, lokale Bierbrauer und Medienschaffende sind aufgerufen kreativ zu werden. „Die regional Kreativen sind zur Gestaltung und gemeinsamen Durchführung des Projektes eingeladen“, sagt Nina Mika-Helfmeier (und bittet um vorherige Kontaktaufnahme).

Und Touristik-Chefin Barbara Breuer freut sich bereits auf die positive Reklame, viele Besucher und das Aufsehen, die der Aktionstag der Kupferstadt bringen wird. Die wird dann gar nicht mehr provinziell wirken, wenn mit Initialzündung der Deseignmetropole „trauriger Leerstand in einer“, so Clara Scharping, „tollen Stadt für Kreativität“ genutzt wird.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert