Lage in der Türkei spaltet Stolberger Türken

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Alles ruhig in der Innenstadt? Der Schein trügt. Unter der Oberfläche brodelt es. Die Situation in der Türkei teilt auch die Stolberger Türken in zwei Lager: In diejenigen, die für Präsident Erdogan sind und in die, die ihn kritisieren. Foto: K. Menne
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Abdullah, Sevim und Asiye Yildiz (v.l.) sind stolz auf ihr Heimatland und froh darüber, dass der Militär-Putsch gescheitert ist.

Stolberg. Ein Großteil der in Deutschland lebenden Türken fühle sich unverstanden, sagt Avci Sefir – von den deutschen Medien und von der Politik. „Es ärgert mich, wie einseitig in der deutschen Presse über Erdogan berichtet wird“, sagt der seit 1979 in Deutschland lebende 49-Jährige.

Der türkische Staatspräsident habe ein funktionierendes Gesundheitssystem eingeführt, das Schulsystem überarbeitet, er führe neue Arbeitsschutzgesetze ein und überhaupt sei es völlig falsch, ihn als Diktator zu bezeichnen, wie es einige Zeitungen und Fernsehsender in Deutschland bereits tun.

Recep Tayyip Erdogan wurde als erster direkt vom Volk bestimmter Präsident im Jahr 2014 mit knapp 52 Prozent der Stimmen gewählt – nachdem er selbst diese Verfassungsänderung auf den Weg gebracht hatte. Unter den in Deutschland lebenden Türken, die von hier aus ebenfalls wählen durften, erreichte er sogar 69 Prozent.

Nach dem missglückten Putschversuch des türkischen Militärs vergangene Woche Freitag scheint Erdogan stärker denn je. Er bezeichnete den Putschversuch öffentlich als „Geschenk Gottes“, verhängte den Ausnahmezustand für drei Monate und suspendiert nun all die Staatsbediensteten, die vielleicht etwas mit dem Putsch zu tun hätten, der sogenannten Gülen-Bewegung angehören – und laut einiger Medien auch solche, die einfach nicht seiner Meinung sind. Quasi über Nacht wurden Richter, Staatsanwälte, Professoren, Lehrer und Beamte entlassen und verhaftet. Verschiedenen Medienberichten zufolge sind davon bereits mehr als 20.000 betroffen.

„Steht jetzt auf eigenen Beinen“

In der ganzen Stolberger Innenstadt ist es schwer, jemanden zu finden, der etwas gegen Recep Tayyip Erdogan zu sagen hat. Jeder, der redet, sagt, dass der Präsident viel für die Türkei getan habe, dass er demokratisch gewählt sei und es unfair sei, wie Europa die Türkei behandle. „Warum vertröstet die EU die Türkei seit 50 Jahren und findet immer einen neuen Grund, warum sie nicht beitreten darf?“, fragt Sefir.

Fast wortwörtlich stimmen die Antworten mehrerer Befragter zum Thema Aufschwung im Land, Demokratie und Putschversuch miteinander überein – es klingt fast wie auswendig gelernt. Man sehe an der Jubelstimmung im Land und der Unterstützung des Volks, dass die Mehrheit nach wie vor hinter Erdogan stehe, sagt auch der Vorsitzende des Stolberger Integrationsrats, Ahmet Ekin, der gerade vor Ort am türkischen Mittelmeer Urlaub macht.

Sevim (52) und Asiye Yildiz (29) sehen im Erstarken Erdogans ein Zeichen dafür, dass die Türkei jetzt auf eigenen Beinen stehen kann und nicht mehr auf die EU angewiesen ist. „Erdogan ist eben stur und macht das, was er möchte, und was er denkt, was gut ist für das türkische Volk. Deshalb mögen ihn die USA und die EU nicht“, sagt Asiye Yildiz.

Sie und ihre Mutter sind traurig darüber, mit ansehen zu müssen, was zurzeit in der Türkei passiert, und dass es den Putschversuch überhaupt gab. Sie sind davon überzeugt, dass eine Terrororganisation dahinter steckt, die es niederzuschlagen gilt. Ob sie sich vorstellen könnte, in die Türkei zu ziehen? „Hätte man mich vor fünf Jahren gefragt, hätte ich definitiv Nein gesagt“, sagt Asiye Yildiz. „Heute halte ich es für gar nicht mehr so abwegig.“

Auf die Frage, woher Erdogan denn all das Geld habe, um Flughäfen, Straßen und Brücken zu bauen, wissen sie allerdings keine Antwort. „Ist doch egal, woher das Geld kommt. Hauptsache, es geht bergauf“, sagt Sevim Yildiz. Deshalb halten sie und ihre Tochter auch die Größe des vielfach kritisierten Präsidentenpalasts für absolut angemessen. „So kann jeder sehen, wie mächtig die Türkei geworden ist“, sagen sie. Außerdem habe er den Palast ja auch nicht für sich gebaut, sondern für das Volk. Und so würde davon auch ein potenzieller Nachfolger auf dem türkischen Präsidentenstuhl profitieren.

Auffällig ist allerdings, dass nur die, die für Erdogan sind, offen mit der Presse reden wollen. Ein Handyladen-Mitarbeiter und ein Supermarktbesitzer lehnen ein politisches Statement ab. Selbst die Ditib-Gemeinde in Stolberg möchte keine Aussage dazu machen. Das sei von oben, aus Köln, so gewünscht und da würde man sich dran halten. „Wir sind eine muslimische Gemeinde, in der sich jeder willkommen fühlen soll. Daher nehmen wir keine Stellung zu politischen Themen“, sagt Himmet Ertük.

Immer wieder wird versichert, dass aber keiner Angst haben müsse, der anderer Meinung ist. „Hier in Stolberg halten wir Türken alle zusammen – egal, was man über Erdogan denkt“, sagt Hassan Günes. Der Mitarbeiter der Bäckerei „Öz Tadim“ sagt zwar, er kenne auch einige, die die Situation in der Türkei kritisch sähen und gegen Erdogan seien.

Namen kann oder will er jedoch keine nennen. Auch Günes ist der Meinung, dass es gut war, dass der Putsch abgeschmettert wurde und hält es für richtig, diejenigen angemessen zu bestrafen, die beteiligt waren – notfalls eben mit der Wiedereinführung der Todesstrafe. „Wenn das Militär an die Macht gekommen wäre, wäre die Türkei wieder 20 Jahre zurück gegangen“, sagt er. Das müsse unbedingt verhindert werden.

„Wie vor 100 Jahren“

Nach längerer Suche und vielen Absagen findet sich dann schließlich doch noch eine Gruppe türkischstämmiger Stolberger, die sich kritisch mit der Situation in ihrem Heimatland auseinandersetzt. Doch: „Ich habe Angst mich öffentlich politisch zu positionieren, weil mir dann die Kunden wegbleiben“, heißt es von einer Geschäftsfrau. Aus diesem und ähnlichen Gründen will auch keiner der anderen Gesprächspartner namentlich in der Zeitung erscheinen. „In der Türkei läuft alles nur noch nach dem Motto: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Das bereitet uns große Sorgen“, sagen sie.

Erdogan wolle die Türkei islamisieren, bemerkt ein älterer, türkischer Mann. Schon jetzt sähe man das an den vielen Verboten, die eingeführt worden seien, seit er an der Macht ist. „Man darf nicht mehr öffentlich über ihn schimpfen, er führt wieder Alkoholverbote ein und macht all die Errungenschaften der Atatürk-Regierung zunichte. Er will wieder eine Türkei wie vor 100 Jahren.“

Es gehe Erdogan nur um Geld, sagen sie. Er wirtschafte in die eigene Tasche und bevorzuge seine Familie und seine Anhänger. „Erdogan macht alles zunichte, was die Atatürk-Regierung geschafft hat“, sagt der Mann. Außerdem gebe es eine starke Spaltung in ein religiös-konservatives Lager, das den Präsident unterstütze und ihm zu Füßen liege, und ein liberales Lager, das die Entwicklungen mit Bestürzung betrachte. Diese Spaltung sei auch im kleinen Stolberg zu beobachten, wo man sich untereinander kennt. Das sei auch der Grund, warum man lieber anonym bleiben wolle. Gewalttätige Ausschreitungen befürchte man jedoch keine.

Worin sich jedoch alle einig sind – das Pro- wie auch das Kontra-Lager – ist, dass es an der schwachen türkischen Opposition liege, dass Erdogan so mächtig geworden ist. Er habe eben keine vernünftigen Gegner, sagt Avci Sefir.

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