Ladenschlusszeiten: Am Abend klingelts lauter in der Kasse

Von: Jürgen Lange
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Mehr Arbeitsplätze, mehr Umsa
Mehr Arbeitsplätze, mehr Umsatz, mehr Service für die Kunden:Thomas Obgenoth, Ludmilla Axt, Enser Cevik und Vera Sanin (v.l.) wollen im Edeka Münsterbusch weiterhin auf lange Öffnungszeiten setzen können. Foto: J. Lange

Stolberg. Wieder eröffnet hat die rot-grüne Regierung in Düsseldorf die Diskussion über die Ladenöffnungszeiten - keine fünf Jahre nachdem CDU und FDP eine weitgehende Liberalisierung der Landenschlusszeiten im November 2006 eingeführt hatten.

Montags bis samstags darf der Kaufmann sein Geschäft 24 Stunden täglich öffnen. Eine Möglichkeit, von der kein Verbrauchermarkt in der Kupferstadt Gebrauch macht.

Eingependelt haben sich stattdessen Öffnungszeiten zwischen 7 und 22 Uhr in den großen Supermärkten; kleinere Filialisten und die meisten Discounter schließen bereits um 20 Uhr.

„Man kann die Liberalisierung jetzt nicht mehr zurückfahren”, zeigt Enser Cevik wenig Verständnis für die aufkeimende Diskussion. „Die Kunden haben sich jetzt an die langen Öffnungszeiten gewöhnt.” Eine eingeführte Regelung kurze Zeit später wieder auf den Kopf stellen zu wollen, dafür hat der Inhaber des Edeka-Marktes an der Mauerstraße wenig Verständnis. „Man hätte damals bereits an die Konsequenzen denken müssen”, sagt Cevik. „Warum muss man das heute wieder diskutieren”.

Eine Konsequenz ist, dass die Stolberger den neuen Luxus des späten Einkaufs zu schätzen wissen. In der Tat ist die Tendenz zum gemütlichen Bummel durch den Supermarkt oder den schnellen Einkauf zu später Stunde steigend. „Ich mache zwischen 20 und 22 Uhr mehr Umsatz als zwischen 7 und 10 Uhr”, bekennt Cevik offen. Vor allem Berufstätige nutzen die Möglichkeit, nach der Arbeit noch in Ruhe einzukaufen.

Die längeren Öffnungszeiten summieren sich zu 110 Stunden in der Woche und haben zu einem gestiegenen Umsatz in dem Markt mit einer Verkaufsfläche von über 3000 m² und einem Sortiment mit mehr als 25.000 Artikeln geführt. „Wahrscheinlich zu Lasten der Geschäfte mit kürzeren Öffnungszeiten”, vermutet Enser Cevik. Denn Möglichkeiten, an die sich der Kunde erst einmal gewöhnt habe, lasse er sich nur ungern nehmen.

Größere Möglichkeiten bieten die längeren Öffnungszeiten aber auch den Beschäftigten. „Sicherlich gibt es fest angestellte Mitarbeiter, die von späten Arbeitszeiten nicht immer begeistert sind”. Aber die sieht Cevik eindeutig in der Minderheit. Denn flexible Schichtzeiten zwischen 7 und 14 Uhr, 14 und 20 Uhr, 20 und 22 Uhr bieten auch die positive Seite, die wöchentliche Arbeitszeit von 37,5 Stunden der persönlichen Lebensplanung anzupassen und unkonventioneller Freizeit zu gestalten. „Da muss man vernünftige Lösungen für die Mitarbeiter finden”, sagt Cevik. „Und was du heute nicht zu schätzen weißt, wirst du morgen gar nicht mehr schätzen können”.

Denn längere Öffnungszeiten haben zusätzliche Stellen im Lebensmittel-Einzelhandel geschaffen. Um Öffnungs- und Arbeitszeiten unter ein Dach zu bekommen, sind in Münsterbusch rund 85 Mitarbeiter beschäftigt; gut 35 davon nutzen die Möglichkeiten der Teilzeitarbeit. „Da gibt es Leute, die wollen unbedingt vormittags oder nur nachmittags oder auch nur abends oder samstags arbeiten.” Eine Reihe junger Mütter nutzt die Chance, abends zu arbeiten, wenn der Mann nach Hause gekommen ist und sich um das Kind kümmern kann. Es sind aber auch Auszubildende, Schüler und Studenten darunter, die sich mit einem Nebenjob ihr Salär aufbessern wollen. „Der Arbeitsmarkt bietet immer genug Leute, die auch zu den späten Zeiten arbeiten wollen”, beschreibt Enser Cevik seine Erfahrungen.

Eine Reduzierung der Ladenschlusszeit würde unweigerlich mit einem Abbau von Arbeitsplätzen verbunden sein. Für eine Ausweitung des Ladenschlusses über 22 Uhr hinaus kann der Kaufmann am Standort Stolberg derzeit allerdings kein Potenzial entdecken. Zumindest solange eine recht einheitliche Regelung unter den großen Märkten in der Kupferstadt besteht.

Eine Rückkehr zum früheren Ladenschluss von 18.30 Uhr hält Enser Cevik für ausgeschlossen. „Damals waren die Leute damit zufrieden, weil sie es nicht anders kannten”. Aber heute frage der Kunde die langen Öffnungszeiten nach, weil er sich daran gewöhnt hat und sie auch aus den Urlaubsländern kennt.

Reduzierung die falsche Wahl

Gleichwohl überlegt Enser Cevik, seinen zweiten Markt, der voraussichtlich Anfang Dezember auf dem „Kistenplatz” an der Eisenbahnstraße in Atsch eröffnet wird, zunächst nur bis 21 Uhr zu öffnen. „Dann kann ich ihn bei einer entsprechenden Resonanz später auch bis 22 Uhr aufhalten”, argumentiert der erfahrene Kaufmann. Denn die umgekehrte Lösung, nach der Eröffnung die Öffnungszeiten wieder zu reduzieren, sei allemal die schlechtere Wahl - auch für die Kunden. Mit dem neuen Verbrauchermarkt entstehen in Stolberg zusätzliche 30 Stellen, die einer größeren Zahl an Menschen eine Beschäftigung in Voll- und Teilzeit bieten werden.

Auf rund 80 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit haben sich seit der Eröffnung im August 2008 die Zahlen der Beschäftigten in der Stolberger Kaufland-Filiale mit rund 5000 m² Verkaufsfläche eingependelt, die ebenfalls montags bis samstags von 7 bis 22 Uhr geöffnet ist. „Die Arbeitszeiten der Mitarbeiter werden unter Berücksichtigung der bestehenden arbeitsvertraglichen Regelungen, Tarifverträge und gesetzlichen Bestimmungen geregelt”, erklärt Pres­se­sprecherin Andrea Kübler.

„Die Dienstpläne werden individuell angepasst. Kaufland habe die Liberalisierung des Ladenschlussgesetztes stets begrüßt, sagte Kübler. Die Umsetzung wurde geprüft mit Blick auf die Kundenerwartungen. „Mittlerweile haben sie die verlängerten Öffnungszeiten etabliert, das Einkaufsverhalten hat sich angepasst und die Einkaufszeiten haben sich dadurch verlängert, bestätigt die Konzernsprecherin den Eindruck der Mitbewerber.

Letzten Endes würden aber die Verbraucher über die tatsächliche Realisierung der verlängerten Öffnungszeiten entscheiden. „Diese Freiheit der Verbraucher würden wir auch weiterhin begrüßen”, betont Kübler.

Auch in den beiden Rewe-Märkten von Theo Reinartz - in der Stadthallen-Passage mit 1200 und in Eilendorf mit 1500 m2 Verkaufsfläche - haben die Kunden von ihrer Freiheit Gebrauch gemacht. „Die Umsätze zu später Stunde sind wirklich gut”, betont Reinartz. Dem Lebensmitteleinzelhandel sei es damit gelungen, Umsätze zurückzugewinnen, die an Tankstellen abgewandert waren. „Wir können auf die Öffnungszeiten bis 22 Uhr nicht mehr verzichten”.

Unter den über 50 zumeist fest angestellten Mitarbeiter, nutze eine Reihe auch diese noch jungen Möglichkeiten, sich abends mit einem Nebenjob etwas hinzu zu verdienen. „Ein Aspekt, der auch zu berücksichtigen ist”, betont Reinartz. Im Umkehrschluss würde eine gesetzlich vorgeschriebene Reduzierung der Öffnungszeiten wahrscheinlich zu Einbußen bei den Arbeitsmöglichkeiten führen. Eine Ausweitung beispielsweise auf 24 Uhr, wie es in anderen regionalen Rewe-Filialen praktiziert wird, hält Reinartz indes ebenso wie Cevik am Standort Stolberg für wenig rentabel.

Dorf anders als Innenstadt

Nicht ausreichend frequentiert sind in Büsbach Öffnungszeiten über 19 Uhr hinaus - zumindest während der dunklen Winterzeit. „Die macht sich bei unseren Kunden deutlich bemerkbar”, sagt Hendrik Walter. Der Büsbacher Edeka-Markt mit 14 Beschäftigten ist ein klassischer Nahversorgung, der vor allem Verbraucher aus dem Wohnumfeld zieht. „Die kommen überwiegend vormittags zum Einkauf”, sieht Walter zwischen dem dörflichen und einem innerstädtischen Einzugsbereich Unterschiede. Nachdem Hendrik Walter im Juni 2010 den Markt von Dieter Welter übernommen hatte, hat er zum nächsten Wechsel von der Winter auf die Sommerzeit die Öffnungszeiten von 18.30 auf 20 Uhr verlängert - und positive Erfahrungen gemacht.

„Ich würde auch länger öffnen”

Auch vom kommenden Frühjahr an will er wieder die Einkaufszeit von 19 auf 20 Uhr ausweiten. „Eine Rücknahme der liberalisierten Öffnungszeiten ist nicht sinnvoll”, sagt Walter ebenso wie seine Kollegen zur neuerlichen Diskussion. Öffnungszeiten von 22 Uhr oder mehr am Standort Büsbach hält Walter jedoch für überflüssig. „Aber wenn ich einen Laden in der Innenstadt mit dem entsprechenden Kundenpotenzial hätte, dann würde ich auch länger öffnen”.

Studie: Verbraucher wollen lange einkaufen

Eine aktuelle Studie des Instituts für Handelsforschung in Köln bestätigt die Relevanz von ausgedehnten Ladenöffnungszeiten im Lebensmitteleinzelhandel. Laut Studie sprechen sich fast drei Viertel der NRW-Bevölkerung für die aktuell geltenden langen Öffnungszeiten aus. Über Tausend Verbraucher wurden befragt. Mit einem recht deutlichen Ergebnis: Demnach kaufen 30 Prozent häufig oder manchmal zwischen 20 und 22 Uhr ein; weitere 32 Prozent kaufen eher selten zu später Stunde ein.

Während ältere Kunden in der Regel bis 12 Uhr in den Supermarkt gehen, zieht es jüngere Verbraucher bis 39 Jahre meist zwischen 18 und 20 Uhr in den Einzelhandel. Vor allem Schichtarbeiter und Beschäftigte mit vielen Arbeitsstunden nutzen den Späteinkauf.

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