Kunstwerkstatt der Caritas: Anerkennung durch eigene Werke erfahren

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Dorota Okwieka (2.v.r.) ist als Diplom-Sozialpädagogin Ansprechpartnerin für Beschäftigte bei der CBW. Gemeinsam mit ihnen kreiert sie kunstvolle Werke, die zum Teil auch in der gesamten Städteregion ausgestellt werden. Foto: CBW)

Stolberg/Eschweiler. Konzentriert steht der Autist vor einer Staffelei. Auf ihr lehnt eine DIN A3 große Leinwand. Er schaut auf das weiße Papier. Überlegt. Während der einmal in der Woche stattfindenden Kunstwerkstatt der Caritas-Behindertenwerk GmbH (CBW) will er malen. Genau wie zehn seiner Kollegen.

„Dann begann er, mit weißer Farbe auf dem weißen Untergrund zu zeichnen. Ganz vorsichtig.“ Dorota Okwieka erinnert sich an diesen Moment, der auch sie verwunderte.

Die 61-Jährige ist Diplom-Sozialpädagogin bei der CBW und gründete vor zwölf Jahren die Kunstwerkstatt in Eschweiler im Hauptwerk der CBW für Menschen mit Behinderung. „Nachdem ich eine kunsttherapeutische Zusatzausbildung absolviert hatte, wollte ich das Gelernte an unsere Beschäftigten weitergeben“, erinnert sich Dorota Okwieka. Die Beschäftigten, das sind mehr als 1100 Menschen mit Behinderung, die mehrfach, geistig oder psychisch sein kann. Sie kommen täglich in eine von acht Werkstätten der CBW an sechs Standorten in der Städteregion.

Dorota Okwieka sah den Autisten malen. Der zeichnete nur Schachteln, keine Rundungen. „Als er dann irgendwann sichtbare und begreifbare Grenzen gemalt hatte, konnte er sich künstlerisch in diesen Grenzen bewegen und sich ausdrücken“, erzählt die Sozialarbeiterin. „Auf einmal malte er mit Farben. Diese Aufgeschlossenheit übertrug sich auf seinen Alltag in der Werkstatt, denn auch seinen Kollegen gegenüber wurde er immer aufgeschlossener.“

Die Kunstwerkstatt ist eine arbeitsbegleitende Maßnahme für die beschäftigten Mitarbeiter der Werkstatt in Eschweiler. Diese Initiative bietet den Menschen mit Behinderung die Möglichkeit zur intensiven Beschäftigung mit Techniken und Ausdrucksformen des Bildnerischen.

„Durch das Erlebnis des Gestaltens erfahren die Teilnehmer emotionale und körperliche Geborgenheit sowie persönliche Achtung“, erklärt Dorota Okwieka. Der Höhepunkt dieser Aktivitäten sind zahlreiche Kunstausstellungen in der Städteregion, in denen sie ihre Werke der Öffentlichkeit präsentieren und von den zahlreichen Besuchern Beachtung und Anerkennung erfahren.

Dorota Okwieka ist seit 25 Jahren bei der Caritas. Seit ihrem Studium an der Katholischen Hochschule NW und dem Abschluss als Diplom-Sozialpädagogin arbeitet sie in Eschweiler und ist für 70 Beschäftigte im Klinikbereich zuständig, für 40 im Backblechbereich und für zwölf Menschen mit Behinderung in der Küche. Die einen konfektionieren und sterilisieren Einweg­ Medizininstrumente für Krankenhäuser und Arztpraxen, falten hochwertige Operationstücher, die anderen säubern Stikkenwagen, die in Bäckereien, in Mensen oder Großkantinen gebraucht und verschmutzt werden oder wärmen Essen auf und spülen das Geschirr, das die mehr als 250 Beschäftigten in Eschweiler täglich gebrauchen. „Sie alle wissen, dass ich ihre Ansprechpartnerin in Krisensituationen bin.“

Krisensituationen kann es geben, wenn einem Beschäftigten eine Kleinigkeit nicht gepasst hat, weshalb sein Benehmen auch schnell in aggressives Verhalten ausarten kann. „Wir Sozialarbeiter unterstützen die Beschäftigten im psychosozialen Bereich und zeigen ihnen in jeder Situation, dass sie willkommen sind. Im Gespräch können sie ihre Gefühle wie Wut, Enttäuschung, Frustration und Trauer zeigen. Durch das Verständnis für die aktuelle Situation entsteht eine Vertrauensbasis, sie öffnen sich. Neben den negativen Gefühlen werden positive Gefühle entdeckt. Sie beruhigen sich, fühlen sich verstanden. In diesem Moment sind sie bereit, an der Lösung des Problems zu arbeiten.“

Viel Zeit für Dokumentation

Viel Zeit verbringt sie damit, Fälle zu dokumentieren. Beispielsweise, wenn Zielvereinbarungsgespräche geführt werden. „Das sind Gespräche, die wir einmal im Jahr mit jedem Beschäftigten führen. Dann schauen wir gemeinsam, wie er gearbeitet hat. Ob er pünktlich war, konzentriert gearbeitet hat, ob er verlässlich war. Aber wir Sozialarbeiter fragen auch, was sich der Beschäftigte selbst vornimmt, wie wir ihn in seiner Entwicklung unterstützen können“, berichtet die gebürtige Polin, die bereits 1986 als Aussiedlerin nach Aachen kam.

Die Zielvereinbarungsgespräche sind von der CBW eingeführt worden, um die Beschäftigten individuell zu fördern. „Wenn der Beschäftigte auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung finden möchte, helfen wir ihm, so eine zu finden.“ Das sei wegen des lnklusiongedankens zwingend. „Wir finden es wichtig, dass die Menschen mit Behinderung dort arbeiten, wo sie es wünschen. Leider halten sie oftmals dem Druck des ersten Arbeitsmarktes nicht stand“, weiß CBW-Geschäftsführer Dipl.-lng. Michael Doersch. Der Unterschied des Arbeitens in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, wo die individuelle Leistungsfähigkeit im Fokus steht: Es gibt viele Pausen. In kleinen Gruppen wird jeweils mit einem Gruppenleiter, der immer Bezugsperson ist, so gearbeitet, dass sich kein Stress breit macht.

„Viele Beschäftigte kommen zu uns, nachdem sie dem Druck des ersten Arbeitsmarktes nicht gewachsen waren und viel Leid erfahren haben“, sagt Michael Doersch. Deshalb ist in der CBW immer auch Zeit für ein Gespräch. Für eine Umarmung. „Wir nehmen die Befindlichkeiten unserer Beschäftigten sehr ernst“, sagt Dorota Okwieka, die immer auch neben ihren eigentlichen Aufgaben weitere Tätigkeitsfelder findet. „Wenn ein Beschäftigter keinen gesetzlichen Betreuer hat und in seinem Leben außerhalb der Werkstatt was schief geht, helfen wir ihm“, erzählt die Mutter zweier Töchter. Was kann das sein? „Da hat ein Beschäftigter seine Wohnung verloren, weil er Monate lang die Miete nicht gezahlt hat. Er hat sich geschämt, uns um Hilfe zu bitten. Er hat seine Rechnungen versteckt, kann nicht lesen.

Er entwickelte Zukunftsängste, die seinen Alltag begleiteten.“ Dann muss schnell eine Lösung gefunden werden, damit der Mensch mit Behinderung nicht auf der Straße sitzt. Da wird es schon mal länger, als die reguläre Arbeitszeit bei der CBW ist. Wo Not am Mann ist, fragt Dorota Okwieka nicht und lebt so selbstverständlich den Leitsatz der Caritas: Not sehen und handeln. „Die Lebensfreude unserer Beschäftigten ist toll. Die Menschen sind eigentlich gut gelaunt und sind immer so nett, dass ich keinen Tag in meinen 25 Jahren bereut habe.“ Als ihr der Autist einfällt, der irgendwann bunte Farben beim Malen anstelle von weiß gewählt hat, lächelt sie noch heute vor sich hin.

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