Kunden wollen keine Knöllchen kaufen

Von: Alexander Barth
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Unliebsame Grüße vom Ordnungsamt: Wer sein Auto im Bereich von Parkautomaten – wie hier an der Salmstraße – allein lässt, muss mit dem baldigen Auftauchen der städtischen Mitarbeiter rechnen. Foto: A. Barth
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Unliebsame Grüße vom Ordnungsamt: Wer sein Auto im Bereich von Parkautomaten – wie hier an der Salmstraße – alleine lässt, muss mit dem baldigen Auftauchen der städtischen Mitarbeiter rechnen. Die Brötchentaste bietet bislang immerhin 15 Minuten. Foto: A. Barth

Stolberg. Am Montagnachmittag auf der Rathausstraße. Beim Schlendern entlang der parkenden Autos drängt sich der Eindruck auf: Die Stolberger sind im Parkstress. In etlichen der am Straßenrand abgestellten Wagen wartet ein einsamer Fahrer oder Beifahrer. Glück für den, der einen Beifahrer zum Kurzparken mitbringt.

Hinter manchen Scheibenwischern kleben die gefürchteten gelben Zettel – unwillkommene Grüße des Ordnungsamtes. Längst ist bekannt: Wer beabsichtigt, sein Fahrzeug für längere Zeit zu verlassen, sollte tunlichst einen Parkschein ziehen, die Frequenz der Stippvisiten der städtischen Mitarbeiter ist hoch.

Nach der angekündigten Schließung des Kaufhauses Victor zum Jahresende kam erneut Bewegung in die Debatte um die Abstellmodalitäten entlang der Salmstraße, Rathausstraße und oberer Steinweg. Die Parkraumbewirtschaftung ist heute auch Thema im Stadtrat. Dabei soll die vom Verkehrsausschuss bereits abgesegnete Verlängerung der Parkdauer mit Scheibe auf zwei Stunden beschlossen werden.

Der Forderung der Gesellschaft für Stadtmarketing (SMS) nach einer kostenfreien einstündigen Parkdauer per Brötchentaste hatte der Verkehrsausschuß in der vergangenen Woche einen Riegel vorgeschoben. Bislang sind 15 Minuten Gratisparken möglich. Dabei stünden etliche Geschäftsleute der Idee auf Anfrage positiv gegenüber – wenn auch nicht alle an eine Umsetzbarkeit glauben.

Günter Martin Rauchmann blickt durch das Schaufenster seines Traditionsgeschäfts hinaus auf die Salmstraße. Die von der SMS vorangetriebene Idee einer Ausdehnung der Gratisparkzeit hat der Optikermeister begrüßt: „Mir würde es gefallen, wenn die Kundschaft sich ein wenig entspannter auf die Beratung einlassen könnte. Es kommt häufig vor, dass die Leute sich hier im Laden den Hals verrenken, um draußen nach ihrem Auto zu schauen.“

Über das Parkverhalten mag Rauchmann nur den Kopf schütteln. Offenbar seien die Kunden eher bereit, ein Knöllchen zu riskieren anstatt die Parkuhr zu füttern, beobachtet der Geschäftsmann. In die Unkenrufe vieler Stolberger ob des fehlenden Parkraums mag Rauchmann nicht einstimmen.

„Es gibt gleich hinter dem Woolworth-Kaufhaus eine mehrstöckige Parkgarage, diese Möglichkeit beziehen viele gar nicht in ihre Überlegungen ein.“ Auch das bestehende Angebot des Gratisparkens sei seiner Erfahrung nach kaum bekannt. „Viele wissen nicht einmal, dass es die Brötchentaste gibt.“

In der Rathausstraße macht sich auch Heiner Flick Gedanken um die Parksituation, nicht nur unmittelbar vor seinem Sportgeschäft. „Wir haben hier einen Bereich mit hoher Kundenfluktuation, die Leute machen kurze Stopps, wollen zur Bank oder zur Post“, sagt Flick. Ein Gratis-Angebot für Kurzparker sei da wichtig. Für sein eigenes Geschäft würde auch er die verlängerte Umsonst-Zeit begrüßen.

Dass die Idee der SMS bereits im Verkehrsausschuß gescheitert ist, wundert den Sportartikelhändler nicht wirklich. „Ich stelle mir vor, dass die Verantwortlichen so argumentieren: Wenn wir das Parken länger umsonst möglich machen, brechen uns Einnahmen weg. Und da die Stadt alles andere als etwas zu verschenken hat, wird man sich die Einnahmemöglichkeit der Parkgebühren und nicht zuletzt durch die vielen Knöllchen kaum nehmen lassen.“

Im Jahr 2013 hatte die Stadt durch Parkgebühren 371.000 Euro eingenommen, durch „Knöllchen“ kamen gar 525.848 Euro zusammen.

Am Steinweg, wo eine veränderte Verkehrsordnung ebenfalls Bewegung in die Parksituation bringen wird, gibt Rainer Hoffmann die pychologische Komponente bei der Debatte zu bedenken. „Ich glaube nicht, dass es die Geschäfte unmittelbar beleben würde, wenn man die Umsonstparkzeit verlängert“, sagt der Inhaber eines Brillengeschäfts. Viel mehr wurmt ihn das ständige Jammern über die angeblich fehlenden Parkmöglichkeiten per se.

Die Stolberger hätten nicht nur auf dieser Ebene ein angespanntes Verhältnis zu ihrer Stadt , „und das ist keine Erscheinung der jüngeren Vergangenheit, das war schon vor 30 Jahren so, als ich hier angefangen habe. Woran das liegt? Hoffmann zuckt mit den Schultern. „Man sollte sich bewusst machen, dass die Situation hier in Stolberg weitaus entspannter ist als in anderen Städten, vor allem in größeren“, gibt der Optiker zu bedenken.

„Fährt man etwa nach Aachen, findet man dort überall Anwohnerparkplätze. Als einzige Möglichkeit bleiben da die teuren Parkhäuser. Da sind wir doch hier noch gut bedient“, findet Hoffmann. Eine Rückkehr zur Parkdauer von zwei Stunden mit Scheibe im Steinweg sieht er kritisch, ähnlich betrachtet Dirk Nolte ein paar Hundert Meter weiter die Situation.

Der Goldschmied fürchtet wie auch andere Geschäftsinhaber, dass die verlängerte Gratis-Parkzeit mit der blauen Scheibe eher den Anwohnern als potentiellen Kunden in die Karten spielen könnte. „Diese Regelung gab es schon einmal, und ich war froh, als sie abgeschafft wurde.“ Ein weiterer Auswuchs bereitet ihm bereits heute Stress: „Ich habe genug damit zu tun, die Wildparker tagsüber von der Fläche vor meinem Geschäft fernzuhalten. Dort ist nämlich gar kein Parkplatz.“Fehlende Parkplätze insgesamt? Auch für ihn kein Thema.

Georgia Blees vom Bistro Platia schließlich findet die Idee einer erweiterten Gratis-Parkmöglichkeit zwar gut, „andererseits darf man es auch nicht übertreiben mit den Privilegien.“ Sie macht dazu eine einfache Rechnung auf: „Selbst, wenn das Parken hier in der Stadt überall und jederzeit umsonst wäre: Wenn wir aus Stolberg woanders hinfahren, müssen wir immer noch bezahlen.“

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