Krieg macht den Hof zum Trümmerberg

Von: Toni Dörflinger
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Fotoalbum als Wegweiser in die Vergangenheit: Eduard Klinkenberg hat Kindheit und Jugend auf dem nicht mehr vorhandenen alten Kupferhof Velau verbracht. Foto: T. Dörflinger

Stolberg. Ein Stück Mauer, das Unterteil eines Laternenpfahles und ein in der Vorkriegszeit entstandenes Nachbargebäude sind die Überreste des im 17. Jahrhundert errichteten Kupferhofes Velau, der nicht nur zwei Straßen, sondern einem ganzen Stadtteil seinen Namen gab.

Diese eher kümmerlichen Details zu deuten weiß Eduard Klinkenberg. Der 81-Jährige hat nämlich Kindheit und Jugend auf dem Hof „Alte Velau” verbracht, der rund 300 Jahre lang an der Ecke Am Glasofen/Alte Velau lag.

Allerdings gestaltet sich die Spurensuche mühsam. Denn in der Nachkriegszeit wurde das Hanggelände, das oberhalb der Eschweilerstraße liegt, völlig umgestaltet. Wo einst historische Bausubstanz lag, entstand in den 50er und 60er Jahren ein neues Wohngebiet.

Bei der Spurensuche helfen nur alte Fotos. Fotos, auf denen eine vierflügelige Bruchsteinanlage zu sehen ist, die, deutlich erkennbar, die Attribute eines Kupferhofes trägt.

Für Klinkenberg sind die historischen Bilder ein Weg in die eigene Vergangenheit. In eine Vergangenheit, die von einem Leben geprägt war, das sich auf einer Hofanlage abspielte, die oberhalb der Eschweilerstraße inmitten eines Heidegländes lag. „Der Hof wurde von acht Familien bewohnt und war nur über unbefestigte Wege zu erreichen”, erinnert sich der Maschinenschlosser, der 1928 in dem Gebäude Alte Velau 27 geboren wurde.

Klinkenbergs Geburtshaus lag ein wenig seitlich der Toreinfahrt, die den Zugang zum Häusergeviert sicherte. Vier auf zwei Geschosse verteilte Zimmer habe man dort bewohnt, ruft sich der 81-Jährige ins Gedächtnis, der, um seine Erinnerungen aufzufrischen, ein altes Fotoalbum zur Hilfe nimmt. Die Bilder zeigen unter anderem seine Mutter Sibille Klinkenberg und die Großmutter Josefine Gigo, die sich an der von dunklen, verwitterten Steinen geprägten Hauswand dem Fotografen gestellt haben. Zentraler Mittelpunkt des Klinkenberg-Hauses war eine alte Scheune, die den Bewohnern als Kohlenkeller, Abstellraum und Waschküche diente. „Das Scheunentor war eine Besonderheit. Dicke Holzbohlen, die mit geschmiedeten Nägeln versehen waren, gaben dem Tor ein prächtiges Aussehen”, erklärt der Maschinenschlosser, der im September 1944 als 16-Jähriger seine Heimat verließ.

Flucht nach Dortmund

Amerikanische Truppen hatten Stolberg erreicht. Kampfhandlungen drohten. Man floh und suchte sich in Dortmund eine vorübergehende, neue Bleibe. „Als wir im Sommer 1945 Stolberg wieder sahen, lag der alte Hof in Trümmern. Von meinem Geburtshaus standen nur noch die Außenmauern”, hat Klinkenberg nichts vergessen, der danach im großelterlichen Haus an der Schneidmühle ein neues Zuhause fand.

Die alten Gebäude waren buchstäblich zwischen die Fronten geraten und hatten dem durch deutsche und amerikanische Truppen ausgelösten Dauerbeschuss nicht standgehalten. Das Ergebnis war ein Trümmerberg, dessen Wiederaufbau sich nicht lohnte. So hat man die Steine abgetragen und, ohne Rücksicht auf den historischen Grundriss zu nehmen, neue Gebäude errichtet.

Sucht man heute die Spuren des alten Kupferhofes, den Matthias Leonhard Schleicher 1819 in eine Zinkhütte umwandelte, ist man auf die Hilfe von Zeitzeugen wie Eduard Klinkenberg angewiesen. So kennt Klinkenberg die Stelle hinter dem Haus Alte Velau 19-21 ganz genau, wo sich im Hof noch ein unscheinbares Relikt aus der Geschichte der historischen Baugruppe befindet.

Denn dort ragt ein Holzstumpf aus dem Boden, der, einst mit einem Laternenpfahl versehen, die Außenbeleuchtung des Kupferhofes sicher stellte. Und nimmt man die Klinkenberg-Fotos zu Hand, dann lässt sich plötzlich der Standort lokalisieren, der den Bereich einnahm, der heute zwischen den Häusern Am Glasofen 9 und Alte Velau 19-21 liegt.
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