Konferenz zur Altersarmut: Demographischer Wandel nicht der Grund

Von: Marie-Luise Otten
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Frauen ab 65 Jahre sind in Stolberg ganz besonders stark von Armut bedroht. Darauf hat der Soziologe Wolfgang Joussen bei der Armutskonferenz im ökumenischen Gemeindezentrum hingewiesen. Foto Stock/bonn-sequenz Foto: Stock/bonn-sequenz
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Angeregte Diskussion: Veronika Schönhofer-Nellessen (v.l.), Christel Heinen, Renate Weidner, Claudia Liepertz und Paul Schäfermeier ergriffen nach dem Vortrag von Dr. Gerd Bosbach das Wort. Foto: M.-L. Otten

Stolberg. „Wer einen Blick in die Vergangenheit der Demographie wagt, der weiß, dass soziale Einschnitte wie die Rente mit 67 oder Abstriche bei der Rentenhöhe, die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge oder auch der angebliche Fachkräftemangel nichts mit dem demographischen Wandel der Gesellschaft zu tun hat.“ Diese Meinung vertrat Prof. Dr. Gerd Bosbach bei seinem Vortrag „Altersarmut in einem reichen Land – Zur Logik eines scheinbaren Widerspruchs“ in Stolberg.

Im ökumenischen Gemeindezentrum gab es viel Gesprächsbedarf bei der Auftaktveranstaltung zum Thema „Armut im Alter“, zu der der städtische Seniorenbeauftragte Paul Schäfermeier eingeladen hatte.

Das Wort Demographie sei populär, wenn es um Einschnitte ins soziale Netz geht. Es werde von Politikern, Wissenschaftlern und Unternehmern benutzt, um zu belegen, dass es keine Alternative zu dieser oder jener Kürzung gebe, kritisierte Bosbach.

Dabei sei die Angst vor der demographischen Entwicklung viel älter als man ahne. Schon im letzten Jahrhundert sei der Jugendanteil gesunken und der der Rentner habe sich mehr als verdreifacht. Der Sozialstaat wurde nicht abgebaut – im Gegenteil, er wurde massiv ausgebaut, die Arbeitszeit verkürzt und der Wohlstand für alle erhöht.

Auch damals habe man versucht, Panik zu schüren. „Die öffentlichkeitswirksamen Studien über den demographischen Wandel werden ungeprüft übernommen und sind eine willkommene Universalentschuldigung für alles, was schief läuft“, so der Statistiker und Mathematiker am Standort Remagen der Fachhochschule Koblenz.

Den Bürgern und Politikern legte der vor seiner wissenschaftlichen Karriere beim Statistischen Bundesamt Tätige nahe, kritischer mit den Zukunftsprognosen umzugehen. „Denn auch die Prognostiker kennen die Zukunft nicht, sie rechnen lediglich die Daten hoch.“ Die demographische Entwicklung sei zwar da, aber nicht dafür verantwortlich, dass Armut drohe. Dies beruhe vielmehr auf einer Verteilungsschieflage, die ökonomisch bedingt und von politischen Entscheidungsträgern mit herbeigeführt worden sei.

Bestimmend für die Zukunft sind laut Gerd Bosbach neben der Bildung und der Verteilung des produzierten Reichtums die Umweltschäden und die Finanzmärkte. Dass Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne zu Löchern in den sozialen Systemen führen, sei unbestritten und müsse von den Regierenden in Wirtschaft und Politik bedacht werden. „Ärztemangel bestehe ja auch, weil der N.C. so hoch angesetzt ist, und nicht, weil es zu wenig Interessenten gibt.“

Der Soziologe Dr. Wolfgang Joussen gab der Altersarmut ein Gesicht und sprach konkret über die Situation in Eschweiler und Stolberg. Arm ist demnach jemand, dessen Durchschnittseinkommen im Monat unter 815 Euro pro Person liegt oder unter 1711 Euro für zwei Personen und zwei Kinder unter 14 Jahren.

„Arm machen die prekären Erwerbsverhältnisse, die geringen Beitragszeiten, Minijobs und Niedriglöhne, das Ausscheiden aus dem aktiven Erwerbsleben, die Zunahme von Single-Haushalten und von älteren Haushalten ohne Kinder sowie der steigende Bedarf bei Pflege und Betreuung.“

Vor allem Frauen ab 65 betroffen

In NRW weisen laut Joussen vor allem das Ruhrgebiet und die Region Aachen ein hohes Armutsrisiko auf. Betroffen sind insbesondere Frauen, die 65 und älter sind. An einem Fallbeispiel zeigte Joussen, dass bei einer Unterbringung im Pflegeheim eine Deckungslücke von 614 Euro durch Kinder- oder Sozialleistungen ausgeglichen werden müssen. „Altersarmut ist ein Problem in Stolberg und Eschweiler und hat weibliche Gesichtszüge“, so der Experte im Sozialbereich.

Im sich anschließenden Podiumsgespräch, das von Veronika Schönhofer-Nellessen moderiert wurde, diskutierten Renate Weidner (Diakonisches Werk des Evangelischen Kirchenkreises Aachen), Claudia Liepertz (Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Aachen Kreis), Christel Heinen (Betroffene durch den Bezug von Grundsicherung) und Paul Schäfermeier noch einmal die beschriebenen Probleme und bestätigten aus ihren Erfahrungen heraus, dass es eine große Kluft gebe zwischen Reichen, die vorgesorgt haben, und Armen, die kein Geld zum Vorsorgen hatten. Sie kamen überein, sensibler werden zu müssen für die Not der Menschen.

Nicht stigmatisieren, sondern helfen ohne Ausgrenzung hole die Menschen aus ihrer Einsamkeit. Schäfermeier appellierte, sich nicht schicksalsgebeugt der Armut hinzugeben und sich nicht von der Scham abhalten zu lassen, den Antrag auf Grundsicherung zu stellen und Synergieeffekte zu nutzen.

Einen „runden Tisch auf Augenhöhe“ von Zeit zu Zeit forderte Renate Weidner, um Kapazitäten im Interesse der Menschen zu bündeln. Auf Deutschland müsse mehr Druck ausgeübt werden, erklärte Claudia Liepertz. „Denn der Mensch muss nicht als Kosten-, sondern als Investitionsfaktor gesehen werden.“

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