Kitas: U3-Betreuung ist nichts für jedermann

Von: Laura Beemelmanns
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Den Kleinsten im Kindergarten soll es gut gehen. Das setzt jedoch voraus, dass die Einrichtungen über ausreichend qualifiziertes Personal verfügen. Foto: Archiv; L. Beemelmanns
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René Deitert ist Verbundleiter der Kitas in der Pfarre St. Lucia. Er kritisiert die Vorbereitung von Erziehern im U3-Bereich.

Stolberg. Es ist nicht besonders mutig zu behaupten, dass René Deitert gerade ziemlich beschäftigt ist. Die geplante Baumaßnahme an der Kita St. Sebastianus, wo unter anderem zwei neue Gruppenräume für 22 Kinder im Alter unter drei Jahren entstehen sollen, fordert den Verbundleiter der Kindertagesstätten der Pfarre St. Lucia ganz schön.

Und dann war da ja vor rund zwei Wochen auch noch der Streik – zwar nur einen Tag lang, doch die beschlossenen fünf Prozent mehr Lohn werden auch Auswirkungen auf die künftigen Personalplanungen haben.

„Im Sommer können wir zwei befristete Verträge nicht verlängern“, sagt Deitert. Mitarbeiterinnen hätten ihm verraten, dass sie sich gar nicht richtig über die Erhöhung freuen könnten, weil aus diesem Grund Kolleginnen gehen müssten. Deitert müsse aber in seiner Funktion als Arbeitgebervertreter und Verbundleiter zweier Kitas da eben auch wirtschaftlich denken.

Deitert ist Bauleiter, Personalplaner und Zuhörer in einem. Viel zu tun also. Und das sind nicht die einzigen Themen, über die er sich derzeit den Kopf zerbricht.

Wichtige Bezugspersonen

Die Kita an der Sebastianusstraße wird ausgebaut, da dort demnächst mehr Kinder unter drei Jahren betreut werden sollen.

In Stolberg gibt es ab dem neuen Kitajahr zum 1. August 346 Plätze in der U3-Betreuung; über 1800 Kita-Plätze insgesamt. Von allen 32 Kitas, von denen 19 in städtischer Hand sind und die anderen in freier Trägerschaft, bieten 29 Kitas U3-Plätze an. Die anderen drei seien bislang räumlich nicht dafür geeignet.

Seit rund sechs Jahren werden die Plätze kontinuierlich in Stolberg ausgebaut, sagt Jugendamtsleiter Willi Seyffarth. Denn in diesem Jahr müsse der Rechtsanspruch auf einen U3-Platz erfüllt sein. Damit gebe es aber nicht automatisch auch mehr Erzieher.

In der U3-Betreuung werden dann Kinder aufgenommen, die ganz besondere Bedürfnisse haben. Unter ihnen werden Kleinskinder sein, Kinder, die Laufen lernen oder ihr erstes Wort sagen. Kinder, für die Erzieherinnen und Erzieher zu wichtigen Bezugspersonen werden. Und genau das ist eines dieser Themen, über das sich Deitert manches Mal den Kopf zerbricht. „Die Grundlagen, die bei der Erzieherausbildung vermittelt werden, sind dafür nicht ausreichend.“

„Besondere Herausforderung“

Auf zehn U3-Kinder sollten mindestens drei Erzieher kommen. Die Spanne im Alter von ein paar Monaten bis zu drei Jahren sei jedoch sehr groß, sagt Deitert. „Mit einem einjährigen Kind muss ich ganz anders umgehen, als mit einem vierjährigen.“ Allen zehn Kindern in einer „Babygruppe“, wie Deitert sie nennt, gerecht zu werden, sei schon eine Herausforderung.

Und: „Die U3-Betreuung kommt jetzt erst richtig ins Rollen. Aber das qualifizierte Personal dafür fehlt.“ Er muss es wissen, denn er ist gelernter Erzieher und hat nach der Ausbildung noch Kindheitspädagogik im Bachelor und Kooperationsmanagement im Sozial- und Gesundheitswesen im Master studiert. Zudem leitet er Fortbildungen in diesem Bereich. Diesen Weg gehe jedoch nicht jeder.

Deitert sagt, dass die Erzieher – wenn sie nicht gerade ein eigenes großgezogen haben – im Zweifel nur wenig Ahnung im Umgang mit Kindern unter drei Jahren hätten. Um überhaupt als Erzieher arbeiten zu können, müsse man ein Praktikum mit einem Umfang von 900 Stunden beispielsweise in einer Kita absolvieren.

Dann habe man die Zugangsberechtigung für die Fachschule. In den ersten beiden Jahren absolvieren die Auszubildenden je drei Praktika – am besten in verschiedenen Einrichtungen. Wenn sie „glücklicherweise“, wie Deitert sagt, in einer Kita waren, in der es U3-Kinder gibt, dann werde das Wissen dazu in der Praxis laut Deitert von den sogenannten Praxisanleiterinnen vermittelt, also Erzieherinnen, die ihren Job mitunter schon einige Jahre ausüben.

Doch auch die hätten teilweise – weil es damals noch nicht erforderlich war – nicht unbedingt eine fundierte Ausbildung im Bereich U3. Es sei denn, sie hätten sich fortgebildet. Verpflichtend ist das nicht überall.

Jugendamtsleiter Seyffahrt sagt, dass das am Anfang für viele ein großes Problem gewesen sei. „Da war dann plötzlich eine neue Zielgruppe. Das war eine besondere Herausforderung“, sagt er. Die 346 Plätze hätte man sukzessive in den vergangenen Jahren aufgebaut – und damit auch die Ausbildung und das Personal. „Es gab einen großen Bedarf an U3-Schulungen“, sagt er.

Die Verwaltung habe den Kitas in städtischer Hand Fortbildungen angeboten und die Mitarbeiter hätten auch danach gefragt. „Wir haben auch interne Schulungen angeboten“, sagt er. Und er ergänzt: „Es ist auch ein Stückweit für Arbeitnehmer verpflichtend, solche Angebote wahrzunehmen, damit sie ihre Aufgabe, ihren Beruf, erfüllen können. Den Eigen- und Mehrwert erkennen die Kollegen sehr schnell. Wir haben eine große Bereitschaft bei den Erziehern gesehen.“

René Deitert hingegen sagt, dass zwar viele Erzieher Fortbildungen machen würden, aber nicht immer auch zwingend die Kitaleitung. Und die schreibe teilweise das Konzept vor oder treffe Entscheidungen. Und nicht nur die Betreuung der Kleinsten sei eine Herausforderung. Sondern auch die vielen Kulturen, die aufgrund der Integration von Flüchtlingskindern nun aufeinandertreffen.

„Es gibt ja nicht nur sprachliche Hürden. Die Kinder tragen ,ihren ganz eigenen Rucksack‘ mit sich, denn niemand weiß, was sie auf der Flucht erlebt haben“, sagt Deitert. Hinzu kämen Inklusionskinder. Denn auch die Arbeit mit behinderten Kindern erfordere eine besondere Ausbildung. „Das ist eine ganz andere Arbeit. Im besten Fall ist dann auch eine Heilpädagogin vor Ort“, sagt Deitert. So viel und so gut ausgebildetes Personal könne aber nicht finanziert werden – vor allem nicht, seitdem es nach dem Streik fünf Prozent mehr Gehalt gebe.

Die Kinderbetreuung werde dennoch umfangreicher. „Mittlerweile müssten unsere Schulen für Erzieher aber so weit aufgestellt sein, dass sie das in der Ausbildung vermitteln“, sagt Seyffarth.

Handlungsbedarf

Deitert sieht da jedoch noch Handlungsbedarf. „An den Fachschulen unterrichten meines Wissens nach ausschließlich Lehrer. Doch nicht alle von ihnen haben selbst Praxiserfahrung in Kindertagesstätten mit Kindern unter drei Jahren gesammelt beziehungsweise in Inklusionseinrichtungen“, sagt er.

Das sei auch, was er fordere: Fortbildungen. „Es müsste verpflichtend sein. Allerdings für alle – auch für die Leitung der Einrichtung“, sagt er. Die Fortbildungen seien zudem gar nicht so teuer und durch den Etat einer jeden Kita gesichert. „Ich glaube nicht, dass es bei den Fortbildungen am Geld scheitert. Da fallen eher die Arbeitsstunden ins Gewicht, wenn die Erzieher bei der Fortbildung sind“, sagt er.

Dennoch sei genau das sehr wichtig. Eben um auf die Herausforderungen der U3-Betreuung vorbereitet zu sein und sich sicher im Umgang mit den Kindern zu fühlen. „Es verändert sich ja auch viel und es wird immer wieder berufsbegleitend Fortbildungen geben. Das ist das schöne an der Pädagogik“, sagt Seyffarth.

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