Kita-Streik: „Villa Luna“- Chef plädiert für eine Erhöhung der Löhne

Von: Sabine Kroy
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Aachen/Stolberg. Die Positionen sind verhärtet, die Verhandlungspartner unnachgiebig: Beim aktuellen Streik im Sozial- und Erziehungsdienst ist noch lange kein Ende in Sicht. „Das spielt sich alles nicht mehr auf einer sachlichen Ebene ab, nur noch auf einer emotional-hysterischen“, beurteilt Jürgen Reul die prekäre Situation.

Reul ist ein Außenstehender und doch ein Insider – nicht nur, weil er selbst Vater von drei Kindern ist. Seit 2005 hat er kontinuierlich seine private Kinderbetreuung „Villa Luna“ ausgebaut, angefangen mit zwei Kindertagesstätten in Düsseldorf und Aachen. Der Firmensitz ist Stolberg. Mittlerweile sind über ganz Deutschland neun dieser privaten Einrichtungen verteilt, eine zusätzliche in Prag.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf den derzeitigen unbefristeten Streik?

Reul: Zwiespältig: Einerseits habe ich viel Verständnis für die Erzieherinnen. Denn die gesellschaftliche Wertschätzung fehlt ihnen und ihrer Arbeit. Andererseits wurde aber gerade bei der Bezahlung in der Vergangenheit viel korrigiert. Da besteht in der jetzt geforderten Größenordnung kein Handlungsbedarf. Meine Frau als Grundschullehrerin verdient nach siebenjähriger Ausbildung weniger als mache Erzieherin. Erzieherinnen und Erzieher sind die bestbezahlten Angestellten im Öffentlichen Dienst.

Also doch eher kein Verständnis?

Reul: Das Problem ist: Die Gewerkschaften vertreten nicht die Interessen der Erzieherinnen. Sie müssten sich viel mehr mit den Problemen des Kita-Alltags beschäftigen.

Welche sind das in Ihren Augen?

Reul: Zum einen sind die Ansprüche der Eltern gestiegen. Die Kinder werden immer jünger, und die Erzieherinnen sind ebenfalls in der Regel unerfahrener. Ferner sind häufig temporär Stellen unbesetzt, Stichwort: Fachkräftemangel; die Krankheitsquote steigt. Das wiederum verursacht Stress in den Gruppen.

Wie sind diese Probleme zu lösen? Stichwort Betreuungsschlüssel?

Reul: Wir brauchen gute Leute und mehr Leute, also höhere Qualität und mehr Quantität. Mit der U3-Betreuung kamen ganz neue Anforderungen hinzu, auf die das Gros der Erzieherinnen gar nicht vorbereitet ist.

Heißt das, Sie kritisieren die Ausbildung an sich?

Reul: Die Ausbildung ist zu lang. Zwei Jahre Theorie, ein Jahr Praxis – das reicht. Wenn Erzieherinnen heute nach ihrer Ausbildung zu uns kommen, können sie teilweise noch nicht mal eine Windel wechseln. Der Ausbildungsstandard oft ist relativ zurückhaltend. Viele lernen erst in der Praxis. Und währenddessen sollten Fort- und Weiterbildungsangebote intensiviert werden. Vielleicht sogar ein fester Tag pro Woche zur Fortbildung.

Die Erzieherausbildung mit einem Studium zu verknüpfen, macht dementsprechend für Sie wenig Sinn.

Reul: Wir selbst haben in der „Villa Luna“ 25 bis 30 Prozent Akademikerinnen beschäftigt. Gerade in den unteren Altersbereichen brauchen wir Kinderpflegerinnen: Da geht es um Grundbedürfnisse wie schlafen, essen, Windeln wechseln und liebevoller Umgang. Sozialpädagoginnen sind wichtig, insbesondere für die älteren Kinder. Allerdings können diese Leistung auch gute Erzieherinnen erbringen. Die rocken Ihnen die Bude!

Gute Erzieherinnen – gibt es sie wie Sand am Meer?

Reul: Es herrscht ein Mangel an Erzieherinnen in einem Ausmaß, das Sie und ich uns nicht vorstellen können. 2005 habe ich auf eine Stellenanzeige 400 Bewerbungen bekommen, heute vielleicht drei bis fünf, von denen ich zwei, wenn ich großes Glück habe, nicht direkt aussortiere. Es herrscht eine extrem hohe Fluktuation in der Branche, ich bekomme jeden Monat eine Kündigung bei 220 Mitarbeitern – sei es aus Gründen eines Jobwechsels oder einer Schwangerschaft – oder wir kündigen jemandem. Mittlerweile stellen wir auch B-Bewerber ein – das hätten wir früher nicht getan. Aber diese Marktsituation sorgt auch für dieses Verhalten beim Streik – mit diesen nicht zu erfüllenden Lohnforderungen.

Jetzt ist es aber mit Ihrem Verständnis ganz vorbei . . .

Reul: Wer soll das bezahlen?!? Die Kommunen können das nicht leisten. Die Gewerkschaften erweisen den Erzieherinnen einen Bärendienst. Denn was wird die Folge von so einer drastischen überzogenen Erhöhung sein? Die Betreuungsschlüssel und die Zahl der Angestellten werden reduziert. Das ist völlig unverantwortlich von Verdi! Außerdem schlägt die Stimmung bei den Eltern langsam um, die anfangs noch hinter den Erzieherinnen standen. Die Gewerkschaft muss auf einen qualitativen Abschluss drängen.

Ihr Vorschlag lautet?

Reul: Eine moderate Anhebung der Gehälter von meinetwegen zwei, drei oder vier Prozent. Und dazu: gesetzlich verankern, bis 2018 den Betreuungsschlüssel jedes Jahr zum Beispiel um 0,25 Kräfte pro Gruppe zu erhöhen. Das würde was bringen, das wäre konstruktiv!

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