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Kinderbetreuung: Keine reine Frauendomäne mehr

Von: Nicola Gottfroh
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Verteilen Pflaster, können im
Verteilen Pflaster, können im Bällebad der Kita Franziskusstraße aber auch mal richtig toben: Physiotherapeut Markus Schumann, die Erzieher Joachim Pauls (Leiter der Kita Corneliastraße), Oliver Schornstein, Daniel Hennig und Pysiotherapeut Andreas Oedekoven (v.l.). Foto (2): N. Gottfroh Foto: Gottfroh

Stolberg. Markus Schumann sitzt im Schneidersitz auf dem Teppichboden, spielt Gitarre und singt dazu lustige Kinderlieder - das gute Dutzend Kindergartenkinder das sich im Kreis um ihn versammelt hat, singt begeistert mit. Der Mann mit der Gitarre ist nicht einfach nur ein musikalischer Gast in der Kita Franziskusstraße, er gehört für die Kinder schon fest zur Einrichtung dazu.

Die Zeiten, in denen die Kinderbetreuung eine reine Frauendomäne war, sind vorbei - zumindest in der Kitas in der Franziskusstraße und der Corneliastraße.

In der Corneliastraße hat mit dem Kitaleiter Joachim Paul ein Mann das Kommando. In der Franziskusstraße arbeiten mit den Erziehern Daniel Hennigs (24) und Oliver Schornstein (31) und den Physiotherapeuten Markus Schumann (40) und Andreas Oedekoven (24) gleich vier Männer zum Wohle der Kinder. Und damit ist das Herren-Quintett glänzendes Vorbild für das, was Bundesfamilienministerin Christina Schröder für die pädagogische Praxis immer wieder fordert: deutlich mehr Männer im Erzieherberuf.

„Sicher haben wir auch mit Vorurteilen zu kämpfen. Die gesellschaftliche Anerkennung für Männer im Erzieherberuf ist gering”, sagt Joachim Paul und ergänzt: „Das gängige Klischee ist, dass wir nur Kaffee trinken, uns unterhalten und ein bisschen basteln. Und natürlich wird der Beruf in der Gesellschaft auch oft als unmännlich und typisch weiblich angesehen.” Durch solche Vorurteile lässt sich der Leiter der Kita Corneliastraße jedoch nicht aus der Ruhe bringen.

Dennoch fordert er: „Es muss sich etwas an der gesellschaftlichen Einstellung ändern. Denn gerade in der Kita sollten beide Geschlechter vertreten sein. Kinder brauchen schließlich auch männliche Bezugspersonen und Vorbilder.”

Dem kann Kollege Andreas Oedekoven nur zustimmen. Und er macht gleichzeitig auf eine weitere wichtige Tatsache aufmerksam: „Männliche Vorbilder in der Kita sind auch deshalb so wichtig, weil immer mehr Kinder ausschließlich oder doch hauptsächlich bei Frauen aufwachsen - entweder weil die Mutter alleinerziehend ist oder der Vater den ganzen Tag arbeitet. Die Kinder sollen sich ihre männlichen Vorbilder doch lieber in der Kita als in Actionfilmen und in Form von Computerspielhelden suchen.”

Platz zur Selbsterfahrung

Auch wenn Frauen und Männer in der Kita die gleichen Aufgaben zu erledigen haben, so gebe es doch Unterschiede im Verhalten zwischen Männern und Frauen. „Es ist ein Klischee, dass wir nur zum Toben, Raufen, Klettern und Fußballspielen da sind - doch wenn die Kinder das machen wollen, dann sind wir meistens auch die direkten Ansprechpartner für sie”, sagt Joachim Paul.

Ein bedeutender Unterschied, den das Männerquintett entdeckt, wenn es seine Arbeit mit der der Kolleginnen vergleicht, beschreibt Andreas Oedekoven: „Ich denke, dass Männer und Väter ihren Kinder mehr Platz zur Selbsterfahrung und Selbsterkundung lassen. Wenn die Kinder toben, dann schauen viele Kolleginnen ängstlich zu, wir trauen den Kindern dabei mehr zu. Wir schaffen zu dem weiblichen Part einen Gegenpol.”

Und nicht nur beim Toben schaffen die Männer einen Gegenpol, sondern auch bei den Erziehungs- und Lernangeboten. So wird nicht nur am Webrahmen gewebt und mit der Strickliese gestrickt, sondern auch ab und an wild mit dem Fußball gekickt oder geturnt. „Die Kinder geben die Angebote vor. Wer weben will, sollte weben, wer stattdessen lieber einen Flieger bauen oder Fußball spielen möchte, der sollte genau das machen”, sagt Pauls.

„Unsere Jungs sind bei allem was sie machen mit richtig viel Action dabei”, lobt Erzieherin Melek Hökelek ihre Kollegen. Sie begrüßt die Tatsache, dass auch einige männliche Erzieher in der Kita Franziskusstraße arbeiten. „Es gibt schon einige Unterschiede in dem Umgang mit den Kindern. Und vor allem den Jungs tut der männliche Ansprechpartner gut”, sagt sie. Melek Hökelek ist nicht die einzige aus dem Kollegium, die die überdurchschnittlich hohe Anzahl der Erzieher in der Kita gutheißt. „Wir finden es alle ganz toll, dass bei uns so viele Männer mit im Boot sind. Vorher hat etwas gefehlt - vor allem den Jungs”, sagt Vira Jansen.

Aber nicht nur die weiblichen Kolleginnen finden den männlichen Einfluss toll, sondern auch viele Eltern.

Am Anfang Skepsis

Doch am Anfang ihrer Karriere, so geben die Männer zu, habe es zunächst nicht nur begeisterte Mütter und Väter gegeben. „Manche Eltern reagierten skeptisch, als plötzlich ein Mann vor ihnen stand und nun für ihren Nachwuchs sorgen sollte”, erklärt Daniel Hennig. „Einige reagierten entsetzt beim Gedanken daran, dass nun ein Mann mit dem Kind zur Toilette gehen sollte und nicht eine Frau”, nennt er einen Grund für die Unsicherheit. Nach kurzer Zeit aber hätten sich alle Eltern an den Gedanken gewöhnt - trotzdem, so findet er, muss sich etwas ändern, damit solche Dinge in der Gesellschaft als „normal” angesehen werden. „Männliche Erzieher brauchen einfach eine bessere Lobby”, sagt Joachim Paul.
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