Kelmesberg: Obdachlos, aber nicht mehr allein

Von: Ottmar Hansen
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Die Obdachlosenunterkünfte am Kelmesberg sind oft die letzte Zuflucht für bis zu 50 Menschen, meist im Alter zwischen 35 und 50 Jahren. Vor allem jetzt vor Weihnachten rücken die Bewohner hier enger zusammen. Foto: O. Hansen
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Sozialarbeiter Andreas Dittrich lobt den Zusammenhalt seiner Schützlinge in den Obdachlosenunterkünften. Foto: O. Hansen

Stolberg. Die Lebensgeschichte ist oft die gleiche: Am Anfang steht die Scheidung, dann folgt der Arbeitsplatzverlust, die letzten Ersparnisse gehen für Alkohol drauf, Mietschulden drücken, und dann ist auch noch die Wohnung weg. Es bleibt das Leben auf der Straße. Oder in den städtischen Obdachlosenwohnungen am Kelmesberg.

Seit gut zwei Monaten betreut Andreas Dittrich hier bis zu 50 Personen in den heruntergekommenen Reihenhäusern. Die Stadt und der katholische Verein für soziale Dienste (SKM) haben den erfahrenen Sozialarbeiter eingestellt. Er soll dafür sorgen, dass die Bewohner langfristig vielleicht wieder eine neue Perspektive finden. Und die Nachbarn sich weniger durch lautstarke Feten belästigt fühlen.

Eine anspruchsvolle Aufgabe. Die nur in enger Zusammenarbeit mit der Polizei und dem Jobcenter zu bewältigen ist. „Ich helfe bei allem hier“, sagt Andreas Dittrich. Sein Büro vor Ort hat er täglich von 13.30 Uhr bis 15.30 Uhr geöffnet. Aber wenn es um Behördengänge oder die Betreuung bei Beziehungsproblemen geht, ist Dittrich auch am Wochenende oder abends für seine „Kundschaft“ da.

Die Bewohner der Häuser am Kelmesberg sind im Schnitt zwischen 35 und 50 Jahre alt. Manche wohnen schon seit fast 20 Jahren dort, manche verlassen die Obdachlosenunterkunft auch schon nach ein zwei Jahren, wenn die einen Job und eine neue Bleibe gefunden haben. Einige der Betreuten stammen durchaus aus gutbürgerlichen Verhältnissen, sind dann aber in die Arbeits- und Obdachlosigkeit abgestürzt. Nicht alle Bewohner sind aus Stolberg. „Die kommen teils aus Mallorca oder Berlin“, sagt Dittrich. Da habe jemand die große Liebe im Internet kennengelernt. Reise dann nach Stolberg, um ihn vor Ort zu besuchen. Und müsse dann erkennen, dass die Internetliebe in Stolberg in einer festen Familie mit Frau und Kindern lebe. Dittrich: „Die stehen dann meistens ohne Geld vor der Türe.“

„Es sind oft persönliche Konflikte, vor dem die Menschen weglaufen“, sagt Andreas Dittrich über seine Schützlinge. „Meistens emotionale Konflikte. Vor allem Männer laufen bei Problemen weg und brechen alle Brücken hinter sich ab.“ Spätestens im Winter, wenn es kalt wird, suchen sie dann doch ein Dach über dem Kopf. „In der Gemeinschaft hier ist das Problem der Einsamkeit und der Perspektivlosigkeit besser auszuhalten, wenn man seine negativen Lebenserfahrungen mit anderen Betroffenen teilen kann“, so Dittrich.

Auch wenn die Bewohner der spartanisch eingerichteten Wohnungen am Kelmesberg regelmäßig in Streit geraten. „Der soziale Zusammenhalt hier ist enorm“, hat Dittrich seit Beginn seiner Dienstzeit festgestellt. Wenn es für einen Bewohner am Monatsende finanziell eng werde, gäben die Mitbewohner auch schon mal ihren letzten Euro zur Unterstützung her.

Und wie als Beweis für diesen Satz kommt ein Taxi vorgefahren. Aussteigt ein Bewohner, der einige Tage in Haft hatte zubringen müssen, weil er ein Bußgeld nicht hatte aufbringen können. Seine Nachbarn vom Kelmesberg hatten prompt zusammengelegt und ihn ausgelöst. Für Dittrich der beste Beweis, dass das soziale Gefüge am Kelmesberg funktioniert. Die Bewohner der Obdachlosenunterkunft bekommen Bettwäsche, Kissen und Holz für den Ofen gestellt. Für die restliche Versorgung muss das Jobcenter sorgen.

Die Häuser sind ursprünglich für obdachlose Familien errichtet worden. Jetzt teilen sich meist Einzelpersonen die Räume. Manchmal mit Haustier wie Katze oder Hund. Die Stadtverwaltung überlegt, die Häuser so umzubauen, dass statt der großen Wohnungen mehrere kleine entstehen. Doch noch fehlt das Geld für das Projekt.

Der Sozialarbeiter vor Ort gibt den Bewohnern Geborgenheit. Zu ihm kann man mit allen Problemen kommen: „Das sind eigentlich liebenswerte Menschen, in deren Leben viel schief gelaufen ist“, so Dittrich. Seit er seine Arbeit aufgenommen hat, hat es keinen Polizeieinsatz am Kelmesberg mehr gegeben. Am 15. Dezember werden die Bewohner vom Kelmesberg ihre Weihnachtsfeier feiern. Und im Sommer ist ein gemeinsames Fest mit den Nachbarn geplant. Auch für die ist Andreas Dittrich der feste Ansprechpartner. „Bei Problemen kann sich jeder an mich wenden.“

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