„Kein Rechtsextremismus ohne Gewalt“

Von: Dirk Müller
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Olaf Sundermeyer fand im Kulturzentrum Frankental eindringliche Worte für seine Beschreibung der rechten Szene. Foto: D. Müller

Stolberg. Zu einer literarischen Lesung mit dem Journalisten und Buchautor Olaf Sundermeyer und einer anschließenden gesellschaftspolitischen Diskussion hatte die Städteregion Aachen in Zusammenarbeit mit der Stadt Stolberg und dem Stolberger Bündnis gegen Radikalismus eingeladen. Doch obwohl die Kupferstadt regelmäßig von Neonazi-Demonstrationen heimgesucht wird, fanden nicht mehr als 20 Interessierte den Weg in das Kulturzentrum Frankental.

„Noch vor kurzem habe ich mit einem jungen Mann gesprochen, der mir die Stolberger Demo letzten Jahres aus der Sicht eines Dortmunder Neonazis beschrieben hat.“ Er sei mit einer kleinen Gruppe gleichgesinnter mit dem Regionalzug angereist, und bis zum Stolberger Hauptbahnhof sei die Gruppe stetig angewachsen, berichtete Sundermeyer. Bevor der Journalist aus seinem aktuellen Buch las, schickte er grundlegendes voraus: „Es gibt keinen Rechtsextremismus ohne Gewalt.“ Grund dafür sei die vorausgesetzte Ideologie der Ungleichheit: „Für Rechtsradikale sind Migranten, Behinderte, Homosexuelle und auch Frauen minderwertig.“

In seiner vierten Buchveröffentlichung „Rechter Terror in Deutschland – Eine Geschichte der Gewalt“ beschäftigt Sundermeyer sich mit der Gewalt durch Neonazis; angefangen bei der 1973 gegründeten „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die 1980 verboten wurde, bis hin zu den heute aktiven „Autonomen Nationalisten“.

„Einer Plage, die in ihren Mitteln oft unterhalb der Grenze zur Illegalität einschüchtert, unter Druck setzt und so Terror verbreitet“. Die Lesung begann Sundermeyer, indem er einen Neonazi zitierte, der die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), auch als „Zwickauer Terrorzelle“ bezeichnet, bewundert, und offen ausspricht, dass viele Rechtsradikale die „Endlösung“ in puncto Ausländer anstreben würden. Der Autor vermittelte die Authentizität seines Buches dadurch, dass er die Perspektiven von Tätern wie Opfern einnahm, was auf die Zuhörer bewegend bis schockierend wirkte. Nahe ging besonders das Beispiel eines türkischen Anschlagsopfers: Der Mann sollte durch eine ausgeklügelte Selbstschussanlage getötet werden, überlebte mit Glück, wobei sein rechter Arm zerfetzt wurde. Während seines 14-wöchigen Krankenhausaufenthalts blieb sein kürzlich erst gegründetes Café geschlossen, der Mietvertrag wurde schließlich aufgelöst.

Dem wirtschaftlichen Ruin sei der „soziale Tod“ gefolgt, denn zunächst die Ermittler und darauf die Medien rückten das Opfer in die Nähe von Drogenhandel und türkischer Mafia. Acht Jahre später habe man in Betracht gezogen, das Attentat könnte fremdenfeindlichen Hintergrund gehabt haben, und die Terrorzelle des NSU könnte dafür verantwortlich gewesen sein.

Nachdem Sundermeyer ausführlich dieses erschütternde Schicksal geschildert hatte, wechselte er erneut die Perspektive und zeichnete die „Gewaltkarriere eines Skinheads“ auf.

Die anschließende offene Diskussion nutzten die Anwesenden zu einem regen Austausch. Unter anderem thematisierten die Gäste den Versuch, die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) zu verbieten. Sundermeryer bezog dazu klar Stellung: „In Nordrhein-Westfalen sind nicht 0,9 Prozent NPD-Wähler das Problem, sondern gewalttägige Rechtsradikale.“

Der Journalist und Buchautor bezeichnete die Partei als „kaputt“, verwies darauf, dass sie bundesweit immer mehr an Bedeutung verliere, und sprach sich deshalb gegen ein NPD-Verbot aus – auch damit es bei der Bedeutungslosigkeit der Partei bleibe: „Ich halte es für besser, mit demokratischen Mittel dafür zu sorgen, dass niemand diese Partei wählt. Ein NPD-Verbot hingegen könnte die Partei zu einer Art Polit-Märtyrer machen und ihr einen neuen Aufwind durch die Rechtsextremisten bescheren.“

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