Stolberg - Kämpfer gegen die Nazis: Theodor Leonhard Schaub

Kämpfer gegen die Nazis: Theodor Leonhard Schaub

Von: Karen Lange-Rehberg
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Ein Stolberger, der nicht vergessen wird: Theodor Leonhard Schaub, hier mit seiner Ehefrau Grete. Repros: Karen Lange-Rehberg

Stolberg. Er leistete Widerstand gegen die Nazis: der Stolberger SPD-Mann Theodor Leonhard Schaub. Aus Anlass des 70. Jahrestages des Attentates vom 20. Juli auf Adolf Hitler erinnert die Stolbergerin Karen Lange-Rehberg. Sie führte dazu Gespräche mit seiner Tochter Anna (Anneliese) Kogel, seiner Enkelin Monika Reißmann, geb. Kogel, und seiner Urenkelin Jana Reißmann.

Vor über 40 Jahren – im Juni 1971 – führten die Stolberger Nachrichten ein Interview mit einem Ehepaar aus Stolberg, das seine Goldhochzeit feierte: Leonhard Schaub und seine Frau Margarete geb. Böll. Der Artikel trug die Überschrift: „Politischer Häftling gewesen. Eheleute Schaub machten schwere Jahre im Dritten Reich durch“. Zwei Jahre nach dem Interview starb Margarete Schaub, ihr Mann folgte ihr wiederum zwei Jahre später im Februar 1975.

An Leonhard Schaub erinnerte erst wieder die Broschüre der Gruppe Z: „…..nach Auschwitz verzogen“. In einem Absatz über die Tätigkeit der SPD-Widerstandsgruppe Ludwig Lude fand auch Schaub und seine Widerstandsarbeit Erwähnung, ebenso seine Verhaftung, sein Prozess und seine Verurteilung zu 30 Monaten Haft im Konzentrationslager Papenburg…

Spuren, die aufgenommen wurden von seiner Urenkelin Jana Reißmann, 24, Studentin in Wien. Sie schrieb an Gruppe Z, und Karen Lange-Rehberg traf Jana und ihre Mutter Monika dann in Berlin, um ihre Erinnerungen an und Erzähltes über Leonhard Schaub festzuhalten. Schaubs Tochter Anneliese Kogel aus Alsdorf wurde auch noch besucht und steuerte Fotos und Anekdötchen bei. So entstand aus vielen Einzelheiten das Bild eines Mannes wieder, der in Stolberg nicht vergessen werden sollte.

Jana Reißmann hat ihren Urgroßvater natürlich nicht gekannt, aber sie ist sehr beeindruckt von ihm: „Mama hat sehr viel von Urgroßvater erzählt, sie hat seinen Charakter, seinen Mut bewundert. Das hat mich bestimmt aufmerksam gemacht auf das, was in der Gesellschaft passiert. Von meiner Erziehung her hätte ich niemals ein Mensch sein können, dem alles ‚wurscht’ ist.“

Jana studiert – wen wundert es – Politikwissenschaften. Ihre Mutter Monika verbrachte Wochenenden und Ferien bei den Großeltern, und sie fühlte sich dort wohl und geborgen, die gemeinsamen Spaziergänge durch Stolberg liebte sie sehr, zumal sie meistens am Kaiserplatz mit einem leckeren Eis endeten. Monika Reißmann erinnert sich an viele, für sie sehr wichtige Gespräche mit ihrem Großvater, nur über seine Zeit im KZ habe er wenig erzählt. Wohl habe er ihr ein Buch gegeben, in dem ein ehemaliger Häftling berichtete, was er dort erlebt hatte.

Schaub diskutierte gern mit seiner Enkelin, aber erwähnte nie die Namen seiner Weggefährten aus dem Widerstand in Stolberg, ebenso nicht die Namen seiner Leidensgefährten aus dem KZ. Nie sprach er nach dem Krieg über den Mann, mit dem er im Widerstand eng zusammen gearbeitet hatte, dessen rechte Hand Schaub war, dessen Namen er im Verhör hartnäckig verschwiegen hatte, nämlich über Ludwig Lude. Aber genau diese Verschwiegenheit, gepaart mit Zuverlässigkeit, zeichneten die effektive Arbeit im Widerstand ja aus. Über dieselben Eigenschaften verfügte auch Lude, auch er stellte sich bei Verhören, im Prozess und im Zuchthaus so unwissend, wie es eben ging. Verhaftet wurden beide nur, weil ein anderer Mitwisser sie verraten hatte.

Schaubs Enkelin Monika gefiel als Kind des Großvaters ruhige Verlässlichkeit und sein geregelter Tagesrhythmus, Tochter Anneliese bezeichnete diesen eher als starr, wobei sie zugab, dass er sein Leben erst nach der Entlassung aus dem KZ mit einer gewissen Starrheit führte. Nachwirkungen einer leider unauslöschlichen Zeit.

In den späten 60er und frühen 70er Jahren konnte man häufig, z. B. am Bastinsweiher, einen älteren Spaziergänger antreffen, der mir auffiel wegen seiner schräg sitzenden Baskenmütze. Hätte ich doch damals schon etwas über Leben und Schicksal dieses Mannes gewusst! Heute versuche ich, mir ein Bild von diesem Mann zu machen aus dem, was ich über ihn gelesen oder eher noch gehört habe von seinen Nachfahren, und ich möchte dieses Bild weiter vermitteln: ein mutiger Stolberger, den man nicht vergessen sollte.

Schriften im Wald versteckt

Leonhard Theodor Schaub wurde am 3. Novemer 1887 in Stolberg geboren; von Beruf war er Zinkschmelzer. Von 1916 bis 1918 leistete er Kriegsdienst an der Westfront und bekam Tapferkeitsorden: das EK II und das Ehrenkreuz für Frontkämpfer, das ihm die Nationalsozialisten später aberkannten. (Infos über sein Leben bei Ralph Jaud: „Der Landkreis Aachen während der Nazizeit.“ S. 640).

Die Erlebnisse im Krieg haben ihn geprägt. Seine Enkelin Monika zitiert ihn: „Was ich da gesehen habe, kann kein Gott zulassen“; als Konsequenz trat er aus der Kirche aus. Vielleicht als eine weitere Konsequenz wurde er politisch aktiv. Von 1929 bis 1931 ist seine Mitgliedschaft in der SPD belegt, zeitweise als Mitglied des Stolberger Ortsvorstandes, und seine Arbeit im Vorstand der Berufsschule für die Interessengemeinschaft der Arbeitnehmer.

Bald merkte er, dass ihm Parteiarbeit im Grunde nicht lag, sondern eher praktisches Handeln. So verließ er die SPD und trat ein in das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das den Schutz von SPD-Veranstaltungen gegen Nazi-Angriffe übernahm. Noch zwei Wochen nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde er zum letzten Ortsvorsitzenden des Reichsbanners gewählt. Diese Gruppe traf sich einmal in der Woche in der Grachtstraße, um Schutzaktionen zu beraten. Nach der „Machtübernahme“ jedoch wurde das Reichsbanner wie zahllose andere Organisationen von den Nazis beobachtet und dann verboten.

Die Verfolgung der Mitglieder hielt an, nahm zu. Trotzdem bemerkte die Gestapo nicht, dass sich in Stolberg eine Widerstandszelle entwickelte, deren Leitung Ludwig Lude innehatte, deren Wirkungsbereich sich bald über verschiedene Gegenden Deutschlands und auch Belgiens und der Niederlande erstreckte. Ludes „rechte Hand“ war laut Zeitzeugenaussage Leonhard Schaub (so der ehemalige SPD-Ratsherr Peter von der Bank). Lude vermittelte Kontakte zwischen ehemaligen SPD-Funktionären und steuerte den Vertrieb verbotenen Informationsmaterials, vor allem über die Grenze nach Belgien. Schaub richtete Verstecke der Schriften ein im Atscher Wald und im Wald nahe Eilendorf.

Durch Verrat flog die Gruppe auf; in der Anklageschrift des 1936 geführten Prozesses heißt es über Schaubs Widerstandstätigkeit: „Die Weiterleitung der von Sauerbier (ein anderer Angeklagter) eingeführten Schriften war von Anfang an die Aufgabe hauptsächlich des Angeschuldigten Schaub. Dieser erhielt im April 1934 von (Ludwig) Lude den Auftrag, die Schriften aus dem Versteck im Walde abzuholen.

In fünf bis sechs Fällen schaffte er sie in die Wohnung des Angeschuldigten Lude, in 16 bis 18 Fällen vermittelte er die Weiterleitung an ihm angeblich unbekannte Personen aus Mönchengladbach und Köln. Diese Personen holte Schaub bei ihrem erstmaligen Erscheinen am Bahnhof in Stolberg ab und führte sie zu dem Versteck, wo sie dann in Zukunft regelmäßig die Schriften abholten. Es handelte sich jedes mal um 500 bis 600 Schriften.“

Schaub wurde „nur“ zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt, was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass sowohl Lude als auch Schaub selbst unter Folter eisern schwiegen über ihr Tun und über das, was sie von einander wussten. Beide gaben nur zu, was ihnen nach mehrmaliger Gegenüberstellung bewiesen werden konnte, und mehr können wir auch heute nicht mehr herausfinden.

Im KZ Aschendorfermoor

Die schlimmste Zeit seines Lebens begann für Leonhard Schaub, nachdem er mit anderen zusammen in das für die „Politischen“ vorgesehene Strafgefangenenlager Aschendorfermoor bei Papenburg abtransportiert worden war. Das war eines von den 15 berüchtigten KZs im Emsland, wo die Sträflinge bei brutalster Behandlung Torf stechen mussten. Schaub wurde am 21. Dezember 1937 nach Hause entlassen. Er erzählte später nur wenig von dem, was er im Lager erlebt hatte.

Seine Enkelin Monika Reißmann und ihre Tochter Jana erinnern sich aber an Berichte, dass er sich von der Bewachung durch die SA (Pionierstandarte 10) nichts gefallen lassen wollte, die bekannt war durch Terror und Schikanen gegenüber den Gefangenen. Schaubs Widerspruch muss ihm immer wieder mindestens Haft in mit Latten vergitterten Einzelkäfigen gebracht haben, in denen man weder sitzen noch liegen konnte. Er hätte kaum überlebt, wenn es nicht Kameraden gelungen wäre, ihm ein wenig Essen durch die Latten zu schieben. Die Kameraden aus dem politischen Widerstand hielten zu ihm – egal, ob Sozialdemokraten oder Kommunisten.

Zu den erlittenen Schikanen gehörte auch, dass er oft am Gang zur Toilette gehindert wurde – angeblich aus zeitlichen Gründen. Ein Freund Schaubs starb an einer Lungenentzündung, weil er sich – wie andere es auch versuchten – mit einem unter dem Hemd getragenen Schal bei schwerer Arbeit in eisiger Kälte schützen wollte. Dies wurde entdeckt, Hemd und Schal wurden vom Aufseher durchgerissen, und er musste mit Fetzen am Körper weiter Torf stechen. Schaub war ein sehr disziplinierter Mann: „Um seine Gesundheit nicht total einzubüßen und dem Alltag etwas mehr positive Struktur zu geben, hat mein Opa auch im KZ regelmäßig seine Gymnastikübungen gemacht“, sagt seine Enkelin.

Aber auch er wurde sehr krank. Als er nach seiner Entlassung zu Hause vor der Tür stand, war die Familie sehr erschrocken: Er war am ganzen Körper aufgedunsen von Wassereinlagerungen. Die Gestapo ließ ihm zum Ausruhen nur wenig Zeit: Am nächsten Morgen wurde er früh aus dem Bett geholt. Draußen stand ein abfahrbereiter Lkw, in den das gesamte Hab und Gut der Familie und Schaub selbst verfrachtet wurden. Seine Frau und zwei Töchter bekamen Fahrkarten für die Bahn, mit der sie – und Schaub mit Lkw – nach Merseburg bei Leipzig zur „Dienstverpflichtung“ (Zwangsarbeit) transportiert wurden.

Schaub war für die Nazis als Zinkschmelzer wichtig, die Töchter als Arbeiterinnen in den kriegsvorbereitenden Fabriken, wie z.B. den Leunawerken und den mit ihnen verbundenen Junkerswerken: Die Herstellung von synthetischem Benzin in den Leuna-Werken war aus strategischen Gründen von großer Bedeutung. 15.000 Menschen arbeiteten dort, von denen mehr als zwei Drittel unfreiwillig zur Zwangsarbeit dorthin verfrachtet worden waren: Die Familie Schaub ist dafür ein Beispiel.

Tochter Anna Kogel ist überzeugt, dass der Vater auch in den Junkers-Werken gefährliche Arbeit verrichtete. Allerdings bekam die Familie eine geräumige Wohnung und ein geregeltes Einkommen.

Rückkehr nach Stolberg

Nach dem Krieg konnte die Familie dann wieder nach Stolberg zurückkehren. Seine Frau Grete bat ihn aber dringend, nie mehr politisch aktiv zu werden, obwohl sie die politische Meinung ihres Mannes immer geteilt hatte. Er hielt sich daran, besuchte aber regelmäßig außer seinen Geschwistern auch seine alten Gesinnungsfreunde, z. B. am Wochenende Ludwig Lude auf dem Donnerberg.

Lude wollte seinem besten Kameraden aus dem Widerstand eine Arbeit in der Verwaltung besorgen. Schaub jedoch lehnte einen „Schreibtischjob“ für sich ab und arbeitete dann als Hausmeister im (alten) Arbeitsamt in der Frankentalstraße, wo er dann auch zusammen mit seiner Frau für eine Zeit unter dem Dach wohnte.

Als Rentner las er viel. Enkelin Monika Reißmann erzählt, dass es vor allem Bücher mit politischem Inhalt waren, etwa die von Johannes Mario Simmel, der ein Pazifist war wie Schaub selbst. Nach dem Tod seiner Frau 1973 verlor er seine Lebensfreude und wurde krank. Tochter Maria holte ihn nach Weissach in den Schwarzwald, wo er am 13. Februar 1975 starb.

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