Junge Stolberger zunehmend von Armut bedroht

Von: Michael Grobusch
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Die Erwerbsstruktur in Stolberg ist immer noch stark industriell geprägt, auch wenn die Zahl der Stellen in den großen Produktionsbetrieben deutlich zurückgegangen ist. Foto: M. Grobusch

Stolberg. Die Zahlen sind in manchen Bereichen alarmierend: Wenn es um das Armutsrisiko von jungen Menschen in Stolberg geht, kann Dr. Wolfgang Joußen nichts Gutes berichten. Der Soziologe hat im Auftrag des Jugendamtes erstmals einen „Familienbericht“ für und über die Kupferstadt erarbeitet. Und er ist dabei zu der Erkenntnis gekommen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche in Armut leben oder von ihr bedroht sind.

Dass Stolberg mit dieser Entwicklung nicht alleine steht, kann nur als ein schwacher Trost gelten. Und dennoch legt Joußen Wert auf diese Feststellung. „Wenn wir über Armut reden, müssen sich nicht nur die Stolberger angesprochen fühlen. Die Region Aachen ist nach dem Ruhrgebiet die Nummer zwei in Nordrhein-Westfalen. Die Eigenwahrnehmung ist in Sachen Armut leider viel besser als die Realität.“

Zwei Faktoren spielen aus Sicht des Soziologen bei der Entwicklung in Stolberg eine besonders wichtige Rolle: der massive Rückgang von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen und der deutliche Anstieg von Teilzeitbeschäftigungen. „Sie sind eng mit dem steigenden Armutsrisiko für Minderjährige verbunden.“ Während sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig arbeitenden Menschen in NRW Ende 2011 gegenüber 2000 leicht um ein Prozent erhöht hat, lag Stolberg 14,4 Prozent unter dem Niveau des Bezugsjahres. Den demografischen Wandel schließt Wolfgang Joußen – nicht nur wegen der auffälligen Abweichung vom Landestrend – als Hauptursache aus. „Wir haben es vielmehr mit einem strukturellen Problem in Stolberg zu tun.“

Besonders schwerwiegend sind die Konsequenzen für junge Menschen. Bei der Gruppe der unter Zwanzigjährigen hat Joußen einen Rückgang bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten um 30 Prozent (zwischen 2000 und 2007) ausgemacht, die Gruppe der 25- bis 30-Jährigen schneidet mit 26 Prozent nicht viel besser ab. Da passt es ins wenig erfreuliche Bild, dass die Kupferstadt auch bei den Arbeitslosenstatistiken aus dem Rahmen fällt. „Die Arbeitslosigkeit lag im vergangenen Jahr auf hohem Niveau“, so Joußen. Und mit 9,3 Prozent im September deutlich über der Quote der Vergleichsstädte Eschweiler (7,6 Prozent) und Alsdorf (7,6). Lediglich die Stadt Aachen hatte in diesem Monat mit 9,4 Prozent einen noch schlechteren Wert vorzuweisen.

Die absoluten Zahlen untermauern den Trend: Im Jahr 2010 gab es durchschnittlich pro Monat 2571 Arbeitslose in der Kupferstadt, zwei Jahre später 2673. Die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen war derweil genau umgekehrt. Abweichende Zahlen weißen Stadt und Land auch bei den Bildungsabschlüssen auf. Zwischen sieben und elf Prozent der jungen Stolberger beendeten ihre Schullaufbahn in den vergangenen Jahren ohne Abschluss – fast doppelt so viele wie in Gesamt-NRW. Darüber hinaus war der Anteil der Schüler, die eine Hauptschule besuchten und erfolgreich abschlossen, auffällig hoch. 2011 lag er in Stolberg bei 19,4 Prozent, in Nordrhein-Westfalen insgesamt aber nur bei 13,1 Prozent. Einen Hochschulabschluss erreichten unterdessen nur knapp vier Prozent gegenüber 6,7 Prozent auf Landesebene.

„Wir brauchen dringend die Daten vom bundesweiten Zensus 2011. Dann können wir noch genauere Zahlen liefern und auch die Verhältnisse in den einzelnen Sozialräumen der Stadt noch differenzierter untersuchen“, setzt Joußen auf einen baldigen Zugang auf die begehrte Datenbank spätestens im nächsten Jahr. Auf deren Basis soll es dann auch eine zweite Auflage des Familienberichtes geben.

Dass die Problemfelder innerhalb des Stadtgebietes die alt bekannten sind, steht jedoch schon fest: Hohe Arbeitslosigkeit und große Bildungsferne sowie dadurch bedingt eine hohe Armutsgefährdung gibt es vor allem in den innerstädtischen Bereichen (Oberstolberg und Unterstolberg) sowie im „zentrumsnahen“ Stadtteil Münsterbusch. Am besten schneiden bei der Auswertung der sozio-ökonomischen Strukturen Dorff und Venwegen ab. Beiden Ortschaften wird eine „deutlich unter dem städtischen Durchschnitt liegende Arbeitslosenquote“ und eine „unterdurchschnittliche Armutsgefährdung“ attestiert. Außerdem ist der Anteil der Bevölkerung mit einfachen Schulabschlüssen und ohne Berufsausbildungsabschluss „signifikant geringer als im städtischen Durchschnitt“.

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