Stolberg - Junge Avantgarde-Helden bewegen Massen

Junge Avantgarde-Helden bewegen Massen

Von: Dirk Müller
Letzte Aktualisierung:
„Headbangen” vor industriege
„Headbangen” vor industriegeschichtlicher Kulisse: Der kraftvoll krachende „Noise Rock”, den das Duo „DYSE” leidenschaftlich präsentiert, kommt beim Publikum am Zinkhütter Hof gut an.

Stolberg. Nein, für die Kupferstädter Feuerwehr sei es kein Problem, das große Open Air auf dem Gelände des Zinkhütter Hofs zusätzlich zur Stadtkirmes von Bastinsweiher und Mühle und dem Schützenfest am Kaiserplatz auch noch zu sichern, erklärt Stefan Litzel, stellvertretender Wachleiter.

„Wir haben in Stolberg eine sehr leistungsfähige Freiwillige Feuerwehr und können so zeitgleich bei mehreren Veranstaltungen vor Ort sein.” Außerdem eigne sich das Areal des Museums Zinkhütter Hof aus Sicht der Feuerwehr gut für Großveranstaltungen wie das Konzert im Rahmen des Kulturfestivals der Städteregion.

Dieser Meinung sind sowohl die neun Feuerwehrleute als auch die zehn Sanitäter des DRK und das zwölfköpfige Security-Team - vor allem aber die Fans der vier Bands, die in der Kupferstadt gastieren.

Eher langsam füllt sich das Open-Air-Gelände am frühen Abend, doch das Duo „DYSE” liefert auch vor den noch lichten Reihen vor der Bühne eine leidenschaftliche Show. Während das Museums-Bistro-Team von Stefan Carol sich noch auf den Ansturm hungriger Festivalbesucher vorbereitet, serviert „DYSE” bereits frischen, energiegeladenen „Noise-Rock”.

Die Zutaten sind laute Stimmen, eine verzerrte Gitarre und ein hämmerndes Schlagzeug. Das Duo erweist sich als perfekter „Einheizer” für den langen Abend spielt „Schwarz-weiß” und „Rhythmus-Apparat”, zitiert musikalisch „Birth, School, Work, Death” der Band „The Godfathers” oder den Rap-Song „The Message” von „Grandmaster Flash and the furious Five”.

Humorvoll und laut

Die witzigen Anmoderationen der „DYSE”-Songs wie „The Number of the East” sind ein Programmhighlight für sich, die beiden Musiker beweisen starke Live-Qualitäten, verausgaben sich und werden am Ende ihres Auftritts belohnt: Das Gelände füllt sich mit immer mehr Publikum, das Duo bekommt endlich die Kulisse, die es verdient hat, und kann daraufhin einen Schlussapplaus genießen, der ähnlich laut ist wie die Stücke von „DYSE”.

Als nächster Protagonist begeistert die aus dem österreichischen Burgenland stammende und inzwischen in Berlin ansässige Formation „Ja, Panik” das Publikum, das mittlerweile auf rund 1500 Musikfans angewachsen ist.

Mit Titeln wie „Sorry for my bad English” und weiteren Stücken aus älteren Alben wie „Die Luft ist dünn” aus „The Angst and the Money” und Songs aus dem aktuellen Werk „Dmd Kiu Lidt” gibt sich das Quartett wütend, gefühlvoll und intelligent zugleich. „Ja, Panik” rockt, und Sänger Andreas Spechtl beherrscht die dazugehörigen Posen intuitiv.

Entsprechend großartig ist die Stimmung am Zinkhütter Hof, als „Ja, Panik” eine rasante, punkrockige Interpretation des seinerzeit umstrittenen Titel „Copkiller” von „Bodycount” anstimmt. Die Band verschafft der Jugendkultur klugen wie energischen Ausdruck, reißt die Fans mit und wird von ihnen ausgiebig gefeiert.

Schon am Aufbau des Equipments der folgenden Formation lässt sich erkennen, dass jetzt etwas Besonderes geschieht. Ein Podest, mit Schlagzeug und zwei Keyboards, Gitarre und Bass ausgestattet, wird auf der Bühne montiert, zwei Stühle werden auf die andere Seite gestellt.

Einzigartiger Soundkosmos

Sascha Ring alias „Apparat” betritt mit seiner Band die Szenerie, und der Zinkhütter Hof wird von einem einzigartigen Soundkosmos umwoben. Ring, der sich als Elektronikmusiker in der Szene bereits einen Namen gemacht hat, schrieb für sein aktuelles Album „The Devils Walk” Werke, die Computersounds und den Klang „echter” Instrumente in perfekte Harmonie bringen.

Mit seiner virtuos aufspielenden Liveband setzt „Apparat” die experimentellen, hoch komplexen, teils mystischen Arrangements glänzend um. Balladenhafte Stücke, unterlegt mit kraftvollem, dynamischen Rhythmus, schwebende und treibende organische Sounds, atmosphärischer Gesang - das Publikum verliert sich inmitten der markanten Klangwelten von „Apparat”.

Die letzten Werke wie „Escape” präsentiert die Band mit Unterstützung zweier Streicher der „Berlin String Theory”, was den künstlerischen Wert noch zu erhöhen vermag.

Nicht wenigen Musikfreunden sind die abwechslungsreichen Konzerte der ersten drei Bands entgangen, da sie sich ganz auf den Auftritt „ihrer Helden” konzen­trierten. So füllt sich das Gelände des Zinkhütter Hofs pünktlich, als Moderator Achim Kaiser die Show von „Tocotronic” ansagt, und knapp 2000 Fans erleben einen Querschnitt des musikalischen Schaffens der Vorzeigeband der „Hamburger Schule”.

Das von Nina Mika-Helfmeier organisierte und von allen Beteiligten perfekt ausgeführte Konzert erreicht hörbar seinen Höhepunkt: Kultsongs wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein” aus dem ersten „Tocotronic”-Album „Digital ist besser” skandiert das euphorische Publikum ebenso lautstark wie aktuelle Titel, etwa „Die Folter endet nie” aus dem Nummer-1-Album „Schall und Wahn”. Hits wie „Let there be Rock” werden von Band und Fans gleichermaßen zelebriert.

Als „Tocotronic”-Frontmann Dirk von Lowtzow singt „Die Idee ist gut, aber die Welt noch nicht bereit”, möchte man entgegenhalten, die Idee, das große Open-Air-Konzert auf dem Zinkhütter-Hof-Areal zu veranstalten, ist sehr gut und Stolberg dafür mehr als bereit. Die Musikfreunde sind aus der Städteregion bis aus dem Köln-Bonner-Raum und dem Ruhrgebiet in die Kupferstadt gekommen, genießen einen erstklassigen Konzertabend unter freiem Himmel und in freundlicher Atmosphäre.

Ruhiger Abend für Security

Die Helfer, die die Gäste mit Getränken und Snacks versorgen, sind im Stress, für Security, Sanitäter und Feuerwehrleute aber ist es eine beschauliche Veranstaltung. Friedlich feiernde Fans verlangen vom Sicherheitsteam nichts als reine Anwesenheit, und besondere Vorkommnisse gibt es außer in Form von tollen Programmpunkten keine. Selbst das DRK verzeichnet bei fast 2000 Menschen nur einen einzigen Routineeinsatz.
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