Jugendliche nicht im luftleeren Raum hängen lassen

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Weil das Jugendheim gerade renoviert wird, ist die Tür auf dem Bild zwar zu, aber Jörg Beißel von der Kleinen Offenen Tür St. Josef lädt alle Interessierten ganz herzlich zur Aktionswoche gegen Rechtsradikalismus ein.

Stolberg. „Kein Platz für Rassismus“, so wird man an allen Ortseinfahrten der Kupferstadt begrüßt. Denn jahrelang war Stolberg Anziehungspunkt für die rechte Szene. Offene Kundgebungen haben schon seit dem Jahr 2013 nicht mehr stattgefunden. Doch laut Jörg Beißel schwelt vor allem seit der Flüchtlingswelle das rechte Gedankengut wieder im Untergrund.

Der Leiter der „Kleinen Offenen Tür“ (KOT) St. Josef hat deshalb mit seinen Mitarbeitern eine Aktionswoche gegen Rechtsradikalismus organisiert, die von Montag, 19. September, bis Samstag, 24. September, auf dem Donnerberg stattfindet. Im Gespräch mit Katharina Menne erzählt Jörg Beißel, warum ihm das Thema so am Herzen liegt und wie man Jugendliche davor bewahren kann, in die rechte Szene abzurutschen.

 

Gab es unter den Kindern und Jugendlichen in der KOT schon mal Vorfälle, in denen rechtes Gedankengut geäußert wurde?

Beißel: Nein, eigentlich nicht – das würde ich auch nicht tolerieren. Aber ich habe einmal von einem Kind eine ausländerfeindliche Äußerung gehört, die es wahrscheinlich im Elternhaus aufgeschnappt hatte. Auch hatten wir mal einen Ehrenamtler, der von seiner Kleiderwahl und seinem Auftreten her offensichtlich Gefahr lief in die rechte Szene abzudriften. Aber er ist gegangen, bevor es eindeutig wurde. Ich weiß leider auch nicht, was aus ihm geworden ist.

Wie reagieren Sie denn in einer solchen Situation? Greifen Sie ein?

Beißel: Natürlich sollte man immer das Gespräch suchen und fragen, ob die Kinder und Jugendlichen das ernst meinen und wissen, was sie da gerade sagen oder tun. Allgemein ist es wichtig, den Jugendlichen Aufmerksamkeit zu schenken, sie in schwierigen Phasen nicht im luftleeren Raum hängen zu lassen und ihnen zuzuhören. Genau das macht nämlich auch die rechte Szene, um sie zu ködern. Man muss auf jeden Fall gegenhalten und schneller sein.

Was genau glauben Sie, wirkt an der rechtsradikalen Szene anziehend auf (junge) Leute?

Beißel: Gerade für die schwächeren, sich benachteiligt fühlenden Glieder unserer Gesellschaft ist mit Sicherheit das Gemeinschaftsgefühl attraktiv und das Gefühl wieder jemand zu sein und eine Stimme zu haben. Aber ich wunder mich oft, wie sogar Leute, die ich gut kenne, insbesondere bei Facebook eine solche Hetze gegen Flüchtlinge und Ausländer betreiben können. Da wird mir schlecht.

Woher kam die Idee mit der Aktionswoche gegen Rechtsradikalismus?

Beißel: Die Idee hatten die Jugendlichen selbst. Auf der Mitarbeiterfahrt im März, die genau inmitten der Hochphase der Flüchtlingswelle lag, kam das Thema auf. Es waren sich schnell alle einig, dass man nicht immer nur reagieren sollte, indem man Gegendemonstrationen bei Nazi-Aufmärschen startet, sondern dass man auch in ruhigeren Zeiten ein Zeichen setzen kann. Das war den Jugendlichen wirklich ein großes Anliegen.

Wie empfinden Sie denn die aktuelle Situation in Stolberg? Es gab zwar länger keine Aufmärsche mehr, aber ganz weg wird die Szene wahrscheinlich nicht sein...

Beißel: Es läuft zwar momentan nichts Offensives in der Stadt, aber unter der Oberfläche schwelt es mit Sicherheit immer noch. Als wir auf unserer Facebook-Seite ein Theaterstück zum Thema Radikalisierung im Islam angekündigt haben, gab es zum Beispiel völlig haltlose Anschuldigungen, wie etwa, wir würden dafür Steuergelder verschwenden. Oder, wir sollten die Augen nicht vor dem Ausländerproblem verschließen, das Deutschland habe. Ich bin dagegen der Meinung, dass wir kein Problem haben. Man muss den Menschen aber die Möglichkeit geben, sich zu integrieren – da gehören immer zwei Seiten zu.

Würden Sie sich von Seiten der Bundesregierung manchmal ein stärkeres Zeichen gegen rechte Strömungen wünschen?

Beißel: Warum nur von oberster Stelle? Ich habe manchmal eher das Gefühl, dass viele wie Schafe auf den Wink von oben warten und nur folgen wollen. Man kann die Sache doch auch selbst in die Hand nehmen. Ich finde viel wichtiger, dass sich die Gesellschaft gemeinsam gegen rechte Parolen und Ausländerfeindlichkeit stellt. Das muss nicht erst die Politik in großem Stil vormachen, damit es Wirkung zeigt.

Wie kam das Programm zustande?

Beißel: Das haben die Jugendlichen sich gemeinsam in Organisationstreffen überlegt. Zum Auftakt wird es eine Diskussionsrunde geben mit dem Schirmherrn der Veranstaltung und Landtagsabgeordneten Stefan Kämmerling, mit unserem Bürgermeister Tim Grüttemeier, mit einem Mitglied der Gruppe Z, die gegen Rechtsradikalismus in Stolberg kämpft, und mit dem Aldenhovener Pfarrer Charles Chervigne. Außerdem möchten wir noch jemanden mit Migrationshintergrund für die Runde gewinnen, der das Thema aus seiner Sicht beleuchtet.

Haben Sie denn auch jemanden aus der rechten Szene eingeladen?

Beißel: Nein, einen „Bösewicht“ haben wir nicht dabei. Das war dem Organisationsteam vielleicht auch etwas zu heikel. Außerdem wollten sie den Parolen keine Plattform bieten. Das ganze Thema ist schon brisant genug. Aber ich gehe sehr positiv an die Sache heran und finde es toll, dass die Jugendlichen sich so engagieren.

Es wird allerdings ein Aussteiger aus der rechten Szene einen Vortrag halten. Das klingt brisant...

Beißel: Ja, auf seinen Beitrag am Donnerstag bin ich besonders gespannt. Solche Aussteiger stehen meist unter Personenschutz und haben neue Identitäten. Das ist alles ziemlich heikel. Unser Gast, Stefan Rochow, war ranghohes NPD-Mitglied in Mecklenburg-Vorpommern – jetzt studiert er katholische Theologie.

Was genau erhoffen Sie sich von der Aktionswoche?

Beißel: Ich erhoffe mir Antworten von den Vortragenden und Diskussionsteilnehmern, was man im Einzelnen machen kann, um das Thema einzudämmen. Für die Jugendlichen erhoffe ich mir, dass sie Rüstzeug an die Hand bekommen, sich in Gesprächen mit Mitgliedern der rechten Szene nicht hilflos zu fühlen, sondern die richtigen Argumente gegen typische Stammtischparolen parat zu haben. Dazu wird es am Mittwoch von Dr. Stefan Kirschgens einen Vortrag geben mit dem Titel „Sprachlos – mit uns nicht“.

Welche sind denn Ihre stärksten Argumente gegen Rechtsradikalismus?

Beißel: Mir ist vor allem wichtig, dass Gewalt keine Lösung und auch keine Option ist. Ideologien malen immer nur schwarz-weiß. Man muss den Jugendlichen Alternativen aufzeigen und andere Wege ermöglichen. Im Gespräch mit Menschen, die rechtes Gedankengut vertreten, gibt es aber oft keine Alternativen – das musste ich auch schon am eigenen Leib erfahren. Da ist es wichtig standhaft zu bleiben und sich nicht einschüchtern zu lassen.

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