Stolberg - Jetzt wartet das Jobcenter auf die „Mauerspechte“

Jetzt wartet das Jobcenter auf die „Mauerspechte“

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
Vicht
Feierabend 40 Meter vor dem Ziel. Zum 31. Juli ausgelaufen ist die Qualifizierung an der Bachufermauer der Vicht. Jetzt wird an der Eisenbahnstraße nur noch aufgeräumt. Foto: Jürgen Lange

Stolberg. Traurig ist Meister Günther Steudel schon. Er wirkt vielleicht sogar ein wenig frustriert. Nicht nur deshalb, weil die letzten 40 Meter der Bachufermauer nicht saniert werden, weil der Stadt das Geld dafür ausgegangen ist. Vor allem aber auch deshalb, weil die Qualifizierungsmaßnahme an der Vicht ausgelaufen ist.

Ein Folgeauftrag ist für den Anleiter der Lowtec GmbH und seine Truppe nicht in Sicht.

Günther Steudel bleibt nur noch das Aufräumen der Baustelle an der Eisenbahnstraße übrig. Zwei, drei seiner Schützlinge helfen noch mit. Für die meisten der einst achtköpfigen Truppe bestimmt Arbeitslosigkeit wieder den Alltag als Kunden der Arge.

Die Landesentwicklungsgesellschaft Arbeitsmarkt- und Strukturförderungs GmbH (LEG  AS) ist der Vertragspartner der Stadt bei der Sanierung der Bachufermauer gewesen. Bis sie im Rahmen der Privatisierung zur als „NRW.Projektarbeit“ umfirmierte und als landeseignes Unternehmen auf diesem Feld nicht mehr als Träger auftreten darf. Seitdem liegt die komplette Verantwortung bei der Lowtec.


Doch nicht nur bei diesem Projekt an der Eisenbahnstraße sollte es eine Win-Win-Situation für beide Seiten werden. Aus Sicht der Stadt, weil die Arbeiten dank öffentlicher Förderkulisse günstiger durchgeführt wurden als es die freie Wirtschaft hätte anbieten können. Aus Sicht der Teilnehmer der Qualifizierung, weil ihnen eine Chance auf eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt geboten wurde.

Langzeit- und jugendliche Arbeitslose mit schwierigem sozialem Hintergrund lernten bei der Tätigkeit neben einer Vertiefung der fachlichen Kenntnisse auch die Anforderungen eines normalen und geregelten Berufslebens (wieder) kennen. Dabei arbeitet das Landesunternehmen in Kooperation mit der Arge mit unterschiedlichen arbeitsmarktpolitischen Trägern vor Ort zusammen – in Stolberg mit der Lowtec und dem Vabw.

Den Auftakt zum Engagement der damaligen LEG AS in der Kupferstadt bot 2007 die Euregionale 08.   Mit einem Auftragsvolumen von rund 0,5 Millionen Euro und zwölf Teilnehmern startete das Projekt im September. Der Abriss alter Schuppen und ehemaliger Toiletten sowie den Bau einer neuen Präsentationshalle standen auf dem „Stundenplan“.

Nach einigen politischen Irritationen schließt sich im Folgejahr als Projekt die mit 830 000 Euro kalkulierte Sanierung der Mauer des Friedhofes Bergstraße entlang des Halsbrechs an. Und auch auf der Stolberger Burg sind es die Teilnehmer der Qualifizierungsmaßnahme, die die Umwehrungen auf die erforderliche Sicherheitshöhe von 1,20 Meter aufstocken.

Derweil zieht sich die Arbeiten am neuen Aufbau der alten Friedhofsmauer ein wenig in die Länge, weil das Projekt die Arbeitslosen erfolgreich qualifiziert: „Ein halbes Dutzend der Teilnehmer wurden in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt“, bilanziert  LEG AS-Projektleiterin Ina Bisani im Juni 2009. In enger Kooperation mit Arge-Geschäftsführer Stefan Graaf gelingt es, die Finanzierung der Qualifizierung bis zur Fertigstellung der Mauer zu sichern.

Im Sommer 2009 begannen auch die Arbeiten am ersten Abschnitt der Ufermauer des Vichtbaches – zunächst entlang der Eisenbahnstraße zwischen der Heinrich-Heimes-Brücke und der Europastraße.  Vor dem achtköpfigen Team und seinem Anleiter Günther Steudel liegen harte Wochen. Auf diesem ersten, 130 Meter langen Abschnitt müssen alle Mauerwerksfugen herausgekappt und erneuert werden; beschädigtes Gemäuer wird ausgetauscht. Als oberen Abschluss muss ein Sichtbetonbalken gefertigt und ein neues Geländer aufgesetzt werden.

Richtig stolz sind Organisatoren und „Mauerspechte“, als im Juni 2010 die Vollendung dieses ersten Abschnittes gefeiert wird bei belegten Brötchen, gekühlten Getränken und vielen lobenden Worten der Repräsentanten von Stadt, Jobcenter und Beschäftigungsinitiativen.   Zwei weitere Menschen werden in Arbeit vermittelt, wenn auch mit weniger Glück. Doch das Unternehmen überstand die Wirtschaftskrise nicht, und sie kehrten ins Team zurück.

Es ist dennoch ein Tag mit Perspektive, denn die Fortsetzung der Arbeiten weiter bach-abwärts bis in die Kurve des Bahnübergangs Eisenbahnstraße ist ebenso absehbar wie die Verblendung der Bohrpfähle, die zur Absicherung der Hermannstraße gesetzt werden müssen. Bis es soweit ist, gibt es für die Teilnehmer jede Menge Arbeit.   Es erfolgen kleinere und größere Reparaturen im Stadtgebiet in Absprache mit dem Technischen Betriebsamt und in Kooperation mit dem Stadtteilbetrieb, den die Lowtec im Rahmen des Projektes Soziale Stadt Velau an der Eschweilerstraße im Februar 2010 eröffnet.

Im Sommer 2011 beginnt die Sanierung der Ufermauer an der Hermannstraße. Wesentlich umfangreicher als erwartet fallen die Sicherungsmaßnahmen aus. Bis sieben Meter in die Tiefe müssen die Bohrpfähle mit Beton durch ein Spezialunternehmen verpresst werden, bevor sie von Günther Steudel und seine Mannen mit schmuckem Mauerwerk verkleidet werden können. 870.000 Euro Kosten stehen letztlich für die Stadt unter dem Strich der Rechnungen. Mit rund 250.000 Euro hat die Qualifizierung daran einen Anteil von weniger als einem Drittel.

Derweil ist das Team von Günther Steudel schon längst damit beschäftigt, die Bachufermauer entlang der Landesstraße 23 zu restaurieren. Gute 330 Meter sind das Etappenziel dieses Bauabschnittes, der bis in die Kurve des Bahnübergangs gehen soll.

Doch am Dienstag endet er rund 40  Meter früher in Höhe der Bushaltestelle. „Für den Rest fehlt das Geld“, sagt Günther Steudel und zieht traurig die Schultern in die Höhe, während er die letzten Nägel aus der Verschalung des neu gegossenen Sichtbalkens zieht. Das Budget ist aufgebraucht. Mit 710.000 Euro ist es kalkuliert; der Landesbetrieb Straßenbau trägt als Anlieger 80 Prozent der Kosten.

„Die Arbeiten waren wesentlich aufwendiger als gedacht“, erklärt der Meister. Die Bachmauer war unter dem mittlerweile restauriertem Gemäuer maroder als erhofft. Die Planer waren davon ausgegangen, im Wesentlich mit einer neuen Verfugung auszukommen. „Aber wir haben zahlreiche Bereiche komplett ausräumen und neu aufmauern müssen“, erläutert Steudel. Der Aufwand dafür geht nun zu Lasten der Fertigstellung.

Derzeit montiert ein Fremdunternehmen noch das neue Geländer. Die Qualifizierungsmaßnahme ist bereits zum 31. Juli ausgelaufen – bislang ohne Feierstunde, ohne belegte Brötchen und gekühlte Getränke und ohne Festreden. Und die Teilnehmer? Zwei haben ihre Chance auf Festanstellung bei einem Gartenbaubetrieb nicht nutzen können.

Sechs Hände packen noch einmal mit an, um Günther Steudel beim Aufräumen zu helfen. Aber im Grunde sind sie Kunden des Jobcenters geblieben, bedauert der Anleiter. Er hätte seiner Truppe gerne weiter geholfen, fit für den ersten Arbeitsmarkt zu werden. Sanierungsbedürftige Bachufermauer ist noch reichlich vorhanden. Etwa an der Seite zum Mohlenbend, weiter bach-abwärts aber auch in Oberstolberg.

Für den Mohlenbend möchte Bernd Kistermann erst einmal Mittel für den kommenden Haushalt anmelden. Der Fachbereichsleiter hofft aber auch auf eine veränderte Gesetzeslage laut der nicht mehr der Eigentümer, in diesem Fall die Stadt, sondern der Unterhaltungspflichtige des Gewässers, das wäre der Wasserverband Eifel-Rur, auch für die Anbauten an Gewässer zuständig werden könnte.

Wie auch immer diese Frage ausgeht, ist es völlig offen, ob weitere Arbeiten in Form von Qualifizierungsmaßnahmen realisiert werden können. Auch dort ist die Förderkulisse in Bewegung. In ihren Genuss gekommen ist jedenfalls noch die Sicherung der Nothberger Burg. Dort wird Günther Steudel ab September damit weiter machen, womit er in Stolberg aufhören musste: Junge und Langzeitarbeitlose fit machen für ein reguläres Berufsleben.

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