Jakobs-Pilger Alvarez über den „Grünen Jakobsweg“

Von: Marie Luise Otten
Letzte Aktualisierung:
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Immer den Zeichen der Jakobsmuscheln folgen auf dem Weg zwischen den Bergen und Meer. J. Luis Alvarez

Stolberg. J. Luis Alvarez, bekannter Stolberger Jakobs-Pilger und Autor des Buches „Zwischen Traum und Wirklichkeit“ über den „Französischen Weg“, hat soeben sein zweites Werk veröffentlicht: „Der Grüne Jakobsweg nach Santiago de Compostela“.

Dieser Bildband beschreibt als e-Book den unbekannteren, aber schöneren Weg entlang der atlantischen Küste: von Hendaye (F) über den Golf von Vizcaya nach San Sebastian, Bilbao, Santander, Oviedo und dann weiter über den „ursprünglichen Weg“ durch Asturien nach Santiago de Compostela. Er lässt den Leser tief in seine Seele blicken und hautnah teilhaben an einer ganzen Palette vom Stimmungen, welcher der Pilgerweg für jeden bereit hält. Spielerisch meistert er dabei den Spagat zwischen Fotografie, Pilgerführer und Kunstgeschichte.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? War es ein Herzenswunsch?

Alvarez: Ich brauchte nach meinem anspruchsvollen Berufsleben eine Zeit zum Nachdenken und um mich neu zu orientieren. Der Pilgerweg und alles, was damit zusammen hängt, hat mir gut dabei geholfen. Man sagt, dass ich ein kreativer Mensch bin, daher war es naheliegend, alle meine Erfahrungen auf dem Jakobsweg für mich niederzuschreiben. Da ich sehr gerne fotografiere, sind im Laufe der Zeit Tausende Bilder entstanden. Freunde und Bekannte fragten immer wieder: „Warum zeigst Du uns nicht deinen Weg?“ In den letzten 20 Jahren habe ich viele Vorträge gehalten. Das Schreiben der Bücher war kein Herzenswunsch, sondern eine logische Folge und eine gute Möglichkeit, meine Erfahrungen an ein breiteres Publikum weiter zu geben.

Was hat Sie inspiriert?

Alvarez: Inspiriert hat mich die humanistische Erziehung des katholischen Internats „Colegio Santiago Apóstol“, das ich bis zu meinem 11. Lebensjahr besuchte.

Für wen ist das Buch gedacht?

Alvarez: In erster Linie für meine drei Enkel, dann aber auch für interessierte Menschen, die Infos über den grünen Jakobsweg benötigen und für diejenigen, die neugierig sind, den Weg zu versuchen. Mit meinem 13-jährigen Enkel Luis jr. bin ich im Juli dieses Jahres nach vier Jahren Pause die letzten 120 Kilometer gegangen. Wenn Gabriel (6 Jahre), der sich bereits dafür interessiert, alt genug ist und immer noch mit mir gehen will, bin ich schon 78, 79 Jahre. Ich fürchte, wenn Carla (4 Jahre) so weit ist und auch möchte, werde ich wahrscheinlich nicht mehr so in der Lage sein. Sie wird wohl mit ihrem Bruder oder Cousin die Pilgerreise unternehmen müssen.

Wie unterscheidet sich Ihr Buch von anderen Büchern, die sich mit dem gleichen Thema befassen?

Alvarez: Es ist sehr persönlich verfasst. Während der Hauptgrund beim ersten Buch zu 70 Prozent der Glaube war und die Mischung aus Geschichte, Landschaft, Anekdoten und zwischenmenschlicher Beziehung nur 30 Prozent betrug, ist es beim zweiten Buch genau anders herum: Der Pilgerweg ist eine Zeitreise durch die verschiedenen historischen Epochen Spaniens, verbunden mit der Entdeckung atemberaubender Landschaften und vorbei an interessanten Bauwerken, deren Architektur in eine einmalige Geschichte eingebettet ist. Das ist sehr wichtig für mich geworden. Aus Spiritualität und Glauben sauge ich die Kraft für die Pilgerung. Der Bildband ist chronologisch aufgebaut. Er beginnt in Hendaye in Frankreich und endet am Grab des Heiligen Jakobus. Neben einer Einführung in die Geschichte und viel Kartenmaterial berichtet das Buch mit unzähligen Bildern über die einzelnen Etappen und gibt viele nützliche Tipps.

Wie viele Bilder, wie viele Seiten Text hat das Buch?

Alvarez: Die 848 Kilometer sind auf 32 Etappen verteilt. Der gesamte Pilgerweg wird mit Hilfe der mehr als 900 farbigen Bildern sehr genau beschrieben: Landschaft, Architektur, Geschichte, Anekdoten. Der Leser ist mittendrin. Wenn das e-Book ein Papierbuch wäre, hätte es circa 384 Seiten.

Warum ist es ein e-Book geworden?

Alvarez: Auf Anraten von verschiedenen Fachleuten, die sich mit dem Thema „Jakobsweg“ professionell befassen. Im Zeitalter von Laptop, Tablet, eBook-Reader und Handy ist es ­bequemer das Fachbuch oder Reisebuch in digitaler Form bei sich zu haben.

Wie oft sind Sie die Pilgerwege schon gegangen?

Alvarez: Insgesamt sechs Mal. Erst nur wochenweise mit einem Freund, dann 2005 den französischen Weg mit seinen 810 Kilo­metern zusammen mit vier Freunden. 2009 und 2011 bin ich den Küstenweg mit seinen 848 Kilometern allein gegangen und 2015 mit meinem Enkel. Insge­samt sind es nun sechs Pilgerungen nach Santiago de Compostela: Fünf über die gesamte Strecke und eine über die letzten 120 Kilometer.

Welche Zeit eignet sich am besten für die Pilgerreise?

Alvarez: Ab April bis Mitte Oktober kann man den französischen Weg gut gehen. Man sollte allerdings den August meiden, da er zu heiß und zu überbevölkert ist. Von April bis September lässt sich der grüne Weg gut gehen, auch im August. Dennoch muss man auf dem Küstenweg mit mehr Regen rechnen wegen des atlantischen Wetters.

Was muss ich unbedingt dabei haben?

Alvarez: Die Männer sollten maximal zwölf Kilogramm Gepäck dabei haben, die Frauen neun. Neben Wander- und Freizeitkleidung braucht man verschiedene Dokumente und Bargeld. Medikamente, Erste-Hilfe-Sachen und Fuß-Pflegeprodukte gehören unbedingt dazu. Wichtig sind Sicherheitsnadeln, Nähzeug, Taschenlampe, Taschenmesser sowie Wegenahrung und Wasser. Fotoapparat, Handy und Brille müssen auch berücksichtigt werden. In meinem Buch gebe ich genaue Empfehlungen über die einzelnen Teile.

Wie haben Sie sich für die 32 Etappen auf dem 848 km langen grünen Weg vorbereitet?

Alvarez: Körperliche Fitness ist ganz wichtig. Neben meinem normalen wöchentlichen Training bin ich zwei Monate vorher zweimal pro Woche die Kupferroute gegangen. Sie beginnt an der Burg und führt über den Hammerberg, Mausbach, Vicht, Breinig nach Venwegen: 15 Kilometer hin und 15 Kilometer zurück.

Was ist mit der Sprache?

Alvarez: Spanischkenntnisse sind von Vorteil, aber nicht notwendig. Überall trifft man auf hilfsbereite Leute.

Was ist das Faszinierende am Pilgern allgemein und was auf diesem grünen Weg?

Alvarez: Pilgern ist ein Innehalten und ein Überdenken der eigenen Prioritäten. Das sich Zurückziehen auf sich selbst in der Stille, hilft ruhiger zu werden und den Augenblick mehr zu genießen. Der grüne Weg ist nicht so überlaufen und kommerzialisiert wie der französische Weg. Die Landschaften auf dem Nordweg sind viel schöner, hat man doch links die Berge und rechts das Meer.

Warum geht man diesen Weg überhaupt? Was haben Sie auf dem spirituellen Weg gefunden?

Alvarez: Es war ein Innehalten und Nachdenken darüber, was wirklich wichtig ist. Die Bequemlichkeit unserer Gesellschaft muss man auf so einer Reise abstreifen. Es gibt kein Auto, kein Theater, kein Treffen mit Freunden und ich brauche auch nicht im Kleiderschrank zu suchen, was ich anziehe. Ich habe auf diesem Weg gelernt, dass Einsamkeit nicht Verbitterung, Krankheit und Qual bedeuten muss. Sich selbst zu finden ist das Wichtigste.

Was macht man nach den Wochen anders? Wie hat sich das Leben nach dem Pilgern verändert?

Alvarez: Ich bin viel ruhiger und geduldiger geworden. Ich versuche den Tag anders zu strukturieren. Allerdings sagt meine Frau, dass diese guten Eigenschaften nicht lange anhalten würden.

Legt man sein Augenmerk auf andere Dinge? Was wird wichtig?

Alvarez: Manche Sachen, die mir früher wichtig waren, sind jetzt unwichtig geworden. Dinge, die schlummerten und denen ich keine Beachtung schenkte, sind sehr wichtig für mich geworden.

Ist es ein Einswerden mit der Natur? mit Gott? ein Beten im Verborgenen?

Alvarez: Ja, ich habe mich auf diesem Weg wohlgefühlt. Neben den wunderbaren Natur- und Kunsterlebnissen gab mir die tägliche, mehrfache Einkehr in den einsamen Kapellen oder Kirchen auf dem Weg eine unbeschreibliche Kraft und Freude. Ich legte meinen Rucksack beiseite, setzte mich in die letzte Reihe und blieb 10, 15 Minuten ganz still sitzen. Es war nicht nur Beten, es war ein „in sich gehen“. Das war ein wunderbares Gefühl. Die Erfahrungen, Freude und Dankbarkeit, die ich erfahren habe, möchte ich weitergeben.

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