Interview: Jede Generation muss Fremdenhass bekämpfen

Letzte Aktualisierung:
20170303_0000efa25249b993_DSC_1202.JPG
Direkt am Stolberg Hauptbahnhof steht das Mahnmal, das an die von Nazis ermordeten Roma erinnert. Foto: S.-L. Gombert

Stolberg. Um 15 Uhr beginnt am Samstag auf dem Gustav-Wassilkowitsch-Platz die Gedenkveranstaltung für die 37 Roma aus Stolberg, die von Nationalsozialisten deportiert und ermordet wurden. Organisiert wird die Aktion von der Gruppe Z. Ralf Dieter Dallmann, Mitglied der Gruppe, hat mit Sarah-Lena Gombert über den Gedenktag und über die Situation der Roma heute gesprochen.

 

Wenn man die Stolberger fragt, nach wem der Gustav-Wassilkowitsch-Platz benannt wurde: Wissen die Leute das?

Dallmann: Ich gehe davon aus, dass die meisten das nicht wissen. Aber wenn man am Bahnhof steht und das Mahnmal besucht, dann findet man da auch den Namen. Und man wird an Geburts- und Todesdatum erkennen, dass dieser Junge nur 18 Monate alt geworden ist. Die Leute werden stutzig. Und das erhoffen wir durch unsere Aktionen zu erreichen, dass die Bevölkerung mehr Interesse an diesem Teil der Geschichte der Stadt zeigt. Die Leute sollen neugierig bleiben.

Bei beispielsweise der Verlegung von Stolpersteinen, arbeitet die Gruppe Z mit Schulen zusammen. Wie ist das bei diesem Mahnmal?

Dallmann: Normalerweise arbeiten wir auch hier mit Schülerinnen und Schülern zusammen. Wir hatten schon Beiträge der Kogelshäuser-Schule. Aber auch Schulen von außerhalb, etwa die Heinrich-Heine-Gesamtschule Laurensberg oder eine Schule aus den Niederlanden, haben sich an der Aktion beteiligt. Wir denken schon, dass jüngere Menschen Interesse an diesem Thema haben. Das ist aus unserer Sicht besonders wichtig, denn jede Generation muss sich neu mit diesen Themen auseinandersetzen, neu gegen Faschisten, Fremdenhass und Diskriminierung ankämpfen.

Gedenkveranstaltungen speziell für die Roma sind ja eher selten...

Dallmann: Ja, das ist seltener. Als hier in Stolberg das erste Denkmal aufgebaut worden ist, ein Wagenrad, ist das ohne Genehmigung passiert. Das Bahnhofsgebäude war damals leer. Warum haben das die Aktiven unserer Gruppe gemacht? Wir haben gemerkt: An viele Opfer der Nazis wird gedacht, aber die Roma sind nicht dabei. Dann hat man nachgeforscht. Sinti gab es zum Zeitpunkt der Deportation nicht, aber Roma gab es sehr wohl.

Wie sind Sie dann vorgegangen?

Dallmann: Man hat Zeitzeugen ausfindig gemacht, ehemalige Nachbarn, die im Bereich der Eschweilerstraße zu Hause waren. Im Stadtarchiv ist man auf den Eintrag gestoßen „Verzogen nach Auschwitz“. Das ist der Name unserer Broschüre geworden. Das ist natürlich zynisch. Diese Menschen haben die Stadt nicht freiwillig verlassen, sondern sind deportiert und ermordet worden. Als man einige Informationen zusammengetragen hatte, ist das erste Mahnmal entstanden. Irgendwann war das Rad aber altersschwach, und wir haben uns dafür entschieden, uns für etwas Dauerhaftes einzusetzen. Die Umgebung rund um das Mahnmal ist ja noch nicht ganz fertig.

Was wird denn noch gemacht?

Dallmann: Ende des Jahres soll der Platz rund um den Bahnhof komplett gestaltet sein. Nach den Gesprächen, die wir mit dem Bauamt hatten, sieht das ganz gut aus. Das Ganze soll im Zuge der Bauarbeiten passieren, die dort gerade im Gange sind. Der Künstler Andre Hennecken, der das Mahnmal gestaltet hat, hatte damals die Idee, nicht nur das Mahnmal, sondern den ganzen Platz zu gestalten. Wenn alles gut geht, ist der Platz im November fertig.

Es gibt Ihre Broschüre schon eine ganze Weile. Forschen Sie weiter? Gibt es neue Erkenntnisse?

Dallmann: Es gibt Unterlagen, die wir beispielsweise aus dem Bundesarchiv oder aus Auschwitz bekommen haben. In einer ersten Version der Broschüre stand noch nicht alles drin, beispielsweise wann die Opfer in Auschwitz angekommen sind. Und ja, es gibt immer neue Erkenntnisse. Es kommen immer wieder Menschen auf uns zu, die kleine Informationen beitragen.

Haben Sie Kontakt zu Roma?

Dallmann: Hier in Stolberg leben keine Verwandten dieser Familien mehr, aber es gibt Roma in der Stadt. Und mit denen arbeiten wir zusammen. Wir wollen, dass diese Volksgruppe dabei ist, wenn wir unsere Gedenkveranstaltungen organisieren.

Wie sind denn die Roma heute in Stolberg angekommen?

Dallmann: Die, mit denen wir zusammen arbeiten, waren mal der Meinung, dass sie angekommen sind. Im Moment haben sie aber häufiger das Gefühl, dass nicht alle Menschen hier sie willkommen heißen. Man hört, wenn man mit Roma spricht, dass sie meistens nur das Herkunftsland angeben, nicht die Zugehörigkeit zu den Roma. Denn damit verbunden sind – auch in Deutschland – noch einmal ganz andere Ressentiments als nur Skepsis gegenüber Fremden. In dem Moment, wo sie sagen, dass sie Roma sind, gehen viele auf Abstand. Diese Menschen sind sehr vorsichtig geworden.

Woran liegt das? Hat das mit der verklärten Romantik über das Leben von „Zigeunern“ zu tun?

Dallmann: Als Scherenschleifer oder Schrottsammler waren sie gerne gesehen, aber nicht als Menschen. Diese Gruppe ist immer ausgegrenzt worden. Sie gehörten nie in ein bestimmtes Gebiet. Das waren fahrende Händler, haben zum Beispiel Pferde verkauft. Irgendwann wurden sie zur Sesshaftigkeit gezwungen, sie bekamen keine Reisepässe mehr. Grenzen wurden dicht gemacht für das „fahrende Volk“. Diejenigen, die trotzdem herumgefahren sind, hatten einen schlechten Ruf.

Warum?

Dallmann: Krankheiten, Unglücke: Für viele Dinge wurden Schuldige gesucht. Und aus dem eigenen Ort sollten die Schuldigen nicht kommen. Fremde sind ein willkommener Sündenbock. Sowas bleibt hängen, wird weitergegeben. Die Politik trägt ihren Teil bei: Wenn die CSU von „Sozialschmarotzern“ spricht, bleibt an einer ganzen Bevölkerungsgruppe etwas hängen. Auch wenn heute Roma nach beispielsweise Mazedonien abgeschoben werden, bekommen sie Probleme. Für Prestige-Projekte im Kultur- oder Sportbereich werden in Osteuropa oft Roma-Siedlungen einfach platt gemacht.

Ist das auch der Grund, warum Sie an dem Gedenktag festhalten?

Dallmann: Wir sind schon ein Stück weit stolz auf die Veranstaltung. Uns haben Roma gesagt, es sei die einzige dieser Art. Und wir wollen darauf hinweisen, dass dieses Problem nicht nur in den 1930er Jahren existierte, sondern dass es die Vorurteile immer noch gibt, dass vieles verkehrt läuft. Was uns positiv auffällt, ist, dass auch die Roma erkannt haben, dass sie verstärkt die Öffentlichkeit suchen müssen, um ihre Kultur zu vermitteln und Verständnis für ihre Bevölkerungsgruppe wecken zu können. Sonst wird sich nichts ändern. Ein Grund für unsere Veranstaltung ist auch, dass wir klarstellen wollen: Die Opfer der Nazis wären heute unsere Nachbarn, wären sie nicht ermordet worden.

Ist der Bahnhof nicht ein Ort, an dem viele nur hektisch durchrauschen? Nehmen die Leute das Mahnmal wahr?

Dallmann: Ich denke schon, dass der Bahnhof der richtige Ort ist. Erstens kommen viele Menschen hier vorbei, mehr als in einer kleinen Wohnstraße, durch die man nur selten durchfährt. Und die Menschen am Bahnhof haben doch meistens noch ein kleines bisschen Zeit, ehe ihre Bahn kommt. Von Hektik würde ich nicht sprechen. Dann schauen sie sich um und sehen das Mahnmal, denken nach, was da steht. Zweitens ist der Bahnhof natürlich ein ganz zentraler Punkt gewesen für die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Von dort aus sind die Menschen aus ihrer Heimat verschleppt worden. Drittens wollen wir auch der Bahn gegenüber die Erinnerung hochhalten, dass auch ihre Vorgängerin, die Reichsbahn, an diesen Verbrechen beteiligt war. Dass auf der Rückseite des Mahnmals ein Eisenbahnrad abgebildet ist, ist kein Zufall.

Würden Sie zwischen Ressentiments gegenüber Roma und Fremdenfeindlichkeit im Allgemeinen einen Unterschied machen?

Dallmann: Klares ja! Das sieht man ja auch in der Presse. Da gibt es Häuser, die von den Vermietern völlig überbelegt werden mit Menschen, die sich mit unseren Gepflogenheiten, beispielsweise dem Müllentsorgungssystem, nicht auskennen. Der Entsorger stellt die Abholung ein, ohne öffentliche Erklärung. Also türmt sich bald der Abfall. Damit sehen sich viele Deutsche in ihren Vorurteilen bestätigt. Anstatt den Leuten zu vermitteln, wie das läuft, wird einfach attestiert, sie seien nicht anpassungsfähig.

Wenn es die Vorurteile gegenüber Roma noch gibt – wie kommt denn Ihr Engagement hier in Stolberg an?

Dallmann: Uns gegenüber gab es bisher keine dummen Sprüche. Das liegt daran, dass wir unserer Meinung nach meistens die besseren Argumente haben (lächelt). Der Zuspruch der Veranstaltung wächst aber auch. 2003 beispielsweise standen wir am Gedenktag mit zehn Leuten am Mahnmal. Heute sind das immer 50 bis 70 Personen, die kommen. Wir konnten Schulen für die Zusammenarbeit gewinnen. Auch dass die Stadt sich an unserer Aktion beteiligt, bedeutet uns sehr viel.

Ist der Gedenktag eine Art Selbstläufer, oder wird die Veranstaltung immer weiterentwickelt?

Dallmann: Ein Selbstläufer ist es nie. Außerhalb der eigenen Kreise muss man immer wieder Werbung machen. Wir hatten auch schon mal Livemusik dabei. Außerdem wollen wir, wenn das Gedenken in drei Jahren zum 25. Mal stattfindet, eine größere Veranstaltung daraus machen, mit bekannten Leuten als Redner. An der Zusammenarbeit mit den Schulen wollen wir unbedingt festhalten, um das Bewusstsein bei den jüngeren Generationen zu wecken.

Ist die Jugend bereit, sich darauf einzulassen, oder denken die Teenager eher „Geht mich nix an“?

Dallmann: Das ist in Stolberg nicht so, auch wenn das vielleicht überrascht. Gerade in den Jahren, als die Nazi-Aufmärsche in der Stadt waren, haben uns viele Menschen Dankbarkeit gezeigt. Dankbarkeit, weil sich jemand explizit gegen die Rechtsradikalen stellte. Egal, was man sonst über die Stolberger sagt: Viele Menschen sind froh darüber, dass wir die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen hochhalten. Und das wirkt bis heute nach. Wir wissen natürlich nicht, wie lange.

Was genau passiert am Samstag?

Dallmann: Wir wollen eine Brücke schlagen zwischen der Geschichte und den aktuellen Missständen. Das muss sein. Die Roma werden immer noch ausgegrenzt und diskriminiert. Wir hoffen, dass auch einer der Roma sprechen wird. Wir werden Gedichte vortragen. Auch ein Vertreter der Stadt wird sprechen, das ist uns sehr wichtig. Letztlich geht es darum, dass man anderen Menschen gegenüber offen sein soll. Und das man gegen Dinge, die nicht in Ordnung sind, auch protestieren, sich einmischen soll. Das beginnt am Stammtisch in der Kneipe, das beginnt am Arbeitsplatz, wo Kollegen ausgegrenzt werden. Man muss Stellung beziehen. Wenn man sich nicht einmischt, dann ändert sich nichts. Alle paar Jahre ein Kreuz zu machen, das reicht einfach nicht in einer Demokratie.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert