Internationale Förderklasse: In deutscher Sprache Basis schaffen

Von: Michael Grobusch
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Wörterbücher kommen in der Förderklasse nur selten zum Einsatz. Deutsch soll in einem solchen Umfang vermittelt werden, dass die Kinder dem Unterricht an ihrer Grundschule folgen können. Foto: Stock/R. Michael
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Nach jedem Wochenende gibt es viel zu sagen: Im Erzählkreis berichten die Kinder der internationalen Förderklasse von Gisela Dellen (r.), hier mit Angela Kaesler von der Kinder- und Jugendperspektive der Stadt Stolberg, von ihren Erlebnissen – auf Deutsch. Foto: M. Grobusch

Stolberg. Für Angelina sind die Ferien am Montag beendet. Allerdings nur vorübergehend, denn die Achtjährige nimmt an dem zweiwöchigen Sprachcamp teil, das die Stadt Stolberg in diesem Sommer zum dritten Mal für Kinder anbietet, die ihre Deutschkenntnisse verbessern möchten. „Schulfit“ heißt das Programm passenderweise.

Angelina kommt ab Montag jeden Morgen in die Hermannschule. Dort kennt sie sich schon aus, schließlich gehört die Rumänin der im März eröffneten internationalen Förderklasse an, die Flüchtlingskindern einen ersten, elementaren Zugang zur deutschen Sprache ermöglichen soll. Zunächst bis Oktober ist der Bestand der „Willkommensgruppe“, so der offizielle Name, gesichert. Die Sommerferien bieten die Gelegenheit zu einer ersten Zwischenbilanz, und die fällt aus Sicht von Renate Krickel durchweg positiv aus. „Es ist erstaunlich, welche enormen Fortschritte die Kinder bislang gemacht haben“, ist selbst die erfahrene Leiterin der Hermannschule und ausgewiesene Expertin für Deutsch als Zweitsprache überrascht.

Zwei Tage pro Woche werden die Flüchtlingskinder in der internationalen Förderklasse unterrichtet. Die „Stammschulen“, den sie eigentlich angehören, sind derzeit neben der Hermannschule die Grundschulen Büsbach und Donnerberg. Auch diese Schulen sieht Renate Krickel in der Pflicht, denn: „Ziel der Förderklasse ist, dass die Kinder dem Unterricht folgen können. Und nicht, dass sie perfektes Deutsch sprechen“, betont sie.

Zwar ist der zweitägige Förderunterricht offiziell abgekoppelt vom Regelbetrieb. Ein reger Austausch zwischen den Lehrpersonen sowie die „Pendelmappe“ der Kinder ermöglichen aber dennoch einen regen Austausch und eine gute Abstimmung.

Einen regen Austausch gibt es vor allem dienstags auch immer in der Willkommensgruppe. Der Morgen beginnt mit einem Lied, dann berichten die Kinder im Erzählkreis von dem, was sie am Wochenende so erlebt haben. Lehrerin Gisela Dellen ermuntert die Mädchen und Jungen, sich ohne Hemmungen zu artikulieren, korrigiert nur dezent. Sie weiß aus langjähriger Erfahrung: „In einer Gruppe, in der alle unter erschwerten Bedingungen Deutsch lernen, fällt das Sprechen leichter als gegenüber Muttersprachlern.“

Und doch gibt es in der Förderklasse enorme Unterschiede. Renate Krickel berichtet beispielsweise von Alexia, die sehr lange in der sogenannten „stillen Periode“ geblieben ist, ehe sie sich getraut hat zu sprechen. Und von Antonio, der Deutsch mittlerweile fast so gut wie seine Muttersprache beherrscht und nach den Ferien auf eine weiterführende Schule gehen wird.

Die heterogene Altersstruktur und die unterschiedlichen Vorkenntnisse und Lernfortschritte sind für Gisela Dellen eine große Herausforderung. Hinzu kommt, „dass Kinder, die oftmals unter schwierigsten Bedingungen als Flüchtlinge zu uns kommen sind, das Erlebte zunächst einmal verarbeiten und sich an ihre neue Umgebung gewöhnen müssen“. Auch deshalb steht für Renate Krickel fest: „Das gut geförderte Kind zu unterrichten, ist nicht schwierig. Eine internationale Förderklasse zu unterrichten, ist hingegen sehr anspruchsvoll.“ Wobei die Schulleiterin das auf keinen Fall negativ verstanden wissen will. „Die Kinder bringen schließlich auch ganz viel Positives mit.“ Wie etwa Mustafa. „Er schreibt wunderschöne Sätze in seiner Muttersprache.“

Bei der Antwort auf die Frage, wie es mit den internationalen Förderklassen weitergehen wird, legt sich Renate Krickel nicht eindeutig fest. „Die Städteregion bemüht sich vorbildlich um Primarschüler ohne Deutschkenntnisse“, lobt die Leiterin, mahnt aber zugleich an: „Diese Aufgabe kann auf Dauer nicht an einzelnen Schulen bleiben.“

Was die Zahl und den Umfang der Förderklassen angeht, fällt ihr eine Prognose schwer: „Das hängt in erster Linie davon ab, wie viele Flüchtlingskinder in Zukunft zu uns kommen werden. Die Zuweisung erfolgt oftmals sehr kurzfristig. Wir müssen uns deshalb auch als Schulen darauf einstellen, sehr flexibel zu reagieren.“

Bei aller Flexibilität ist eines indes schon sicher: Den Erzählkreis wird es auch nach den Sommerferien in der Willkommensgruppe geben. Angelina wird dann nicht nur von einem Wochenende, sondern gleich von sechseinhalb Wochen berichten dürfen. Und Gisela Dellen ist sehr zuversichtlich, dass ihr das sehr gut gelingen wird.

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