Stolberg - Integratives Familienzentrum: „Junges Gemüse” ist immer auf Trab

Integratives Familienzentrum: „Junges Gemüse” ist immer auf Trab

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Immer in Bewegung: Zehra, Marv
Immer in Bewegung: Zehra, Marvin und Jill (von links) gehen gerne aufs Klettergerüst. Im Familienzentrum wird Wert auf Bewegung und Ernährung gesetzt. Foto: D. Kinkel-Schlachter

Stolberg. Zehra macht große Augen und streicht mit ihren kleinen Händen über die saftig grünen Blätter. „Mmmhh, lecker Salat und Möhren”, schwärmt die Sechsjährige. Laura und Marvin halten Ausschau nach reifen Erdbeeren. Fehlanzeige.

„Sauer und bitter, eklig”, schimpft Jill. Dafür macht sich der Kohlrabi im Gemüsebeet prächtig. Die Kinder des integrativen Familienzentrums „Auf der Liester” werden ihn bald ernten und knackfrisch genießen können.

Gesundheit und Bewegung - auf diese Themen setzt das Familienzentrum (FZ) auch im kommenden Kindergartenjahr. „Im Sinne der Prävention gilt es die spielerische Förderung der gesunden Ernährung in Kombination mit abwechslungsreicher Bewegung umzusetzen”, erklärt Inka Wilms, Erzieherin und Heilpädagogin. Neben einem eigenen Raum werde die Turnhalle Liester gleich nebenan regelmäßig genutzt, und dann ist da noch das schöne Außengelände, auf dem sich die Kleinen austoben können. Der Förderverein putzt fleißig Klinken für das Familienzentrum und hat so über Sponsoren ein großes Klettergerüst auf dem Platz installieren und Bobby Cars für die Kinder besorgen können.

Auf dem Außengelände hat der Kindergarten auch die beiden Gemüsebeete. Eine Supermarkt-Kette hat die Einrichtung möglich gemacht, und zum fünfjährigen Bestehen dieses bundesweit angelegten Projekts - die Initiative erreicht rund 80 000 „Mini-Gärtner” - hat sich auch Dr. Kristina Schröder geäußert. „Gesunde Ernährung bei Kindern ist zu einem bedeutenden Thema in der Erziehung geworden. Zu Recht: Denn im Kindesalter wird der Grundstein für das spätere Ernährungsverhalten gelegt. Es ist deshalb wichtig, dass wir Kindern schon früh zeigen, was eine gute Ernährung ausmacht”, betonte die Familienministerin die hohe Bedeutung frühkindlicher Bildung.

Gemeinsamer Kochtag

Darüber hinaus arbeitet das Familienzentrum mit einer Krankenkasse zusammen. Im Rahmen dieser Kooperation besucht eine Ernährungsberaterin die Einrichtung einmal im Jahr ebenso wie ein Zahnarzt. „Bei einem Projekt der Stadt zum Thema Suchtberatung haben wir unter anderem die Ernährungspyramide erarbeitet, Brot gebacken und Marmelade gemacht”, erinnert sich Inka Wilms. Werden die vier Gruppen ansonsten mittags von einem Caterer mittags - bei Obst und Gemüse können die Drei- bis Sechsjährigen ganztägig zugreifen - wird einmal wöchentlich gemeinsam beim Kochtag der Löffel geschwungen. „Bei zusätzlichen Angeboten können die Kinder einmal in der Woche beim Yoga entspannen oder sich im Glashütter Weiher auf das Seepferdchen vorbereiten”, weist die Heilpädagogin auf zwei Angebote hin, die nun schon fest in den Kitaalltag integriert seien.

„Schwimmen ist einfach nur toll, und das Seepferdchen habe ich auch schon gemacht”, erzählt Jill. „Mir macht es Spaß mit der Yogafrau Sylvia”, sagt Zehra und Marvin pflichtet der Sechsjährigen bei: „Da gibt es Kopfkrauler, Klangschalen und andere tolle Dinge!” Die Yogafrau, das ist Sylvia Kluge. Seit einem Jahr sorgt sie dafür, dass sich eine kleine Gruppe von maximal acht Kindern immer im Wechsel entspannen kann.

Das interdisziplinäre Team des Familienzentrums setzt sich aus verschiedenen pädagogischen Fachkräften (Erzieherinnen, Heilpädagogin, Kinderpflegerinnen) und therapeutischen Fachkräften (Physiotherapeutin, Bewegungstherapeutin, Logopädinnen) zusammen. Die Leitung der Einrichtung, Alexandra Degreif, ist freigestellt. Durch die unterschiedlichen Kompetenzen und Fachrichtungen wird eine therapeutische Betreuung in der Einrichtung möglich. „Da Sprache und Bewegung unmittelbar verbunden sind, setzen wir auf die Zusammenarbeit der Fachkräfte. Bewegung und Ernährung funktionieren nicht ohne Sprache und umgekehrt raucht Sprachelernen Bewegung”, sagt Wilms. Ihrer Meinung nach können durch ein gefestigtes Selbstbewusstsein und gute Ausdrucksmöglichkeiten mangelnde Bewegung und ritualisiertes Essverhalten vermieden werden. Damit auch die Kleinsten sich noch besser entwickeln können, bietet das FZ zweimal wöchentlich eine „Sterntaler-Gruppe” für Kinder ab zwei Jahren an, die von Ellen Zakowski geleitet wird.

Laut der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) aus dem Jahr 2006 lebten in Deutschland etwa 1,9 Millionen übergewichtige Kinder und Jugendliche, davon waren 800 000 fettleibig. Die Studie wird derzeit aktualisiert. „Wir haben hier mit einem vielschichtigen Problem zu tun”, sagt Dr. Josef Michels. Die finanzielle und soziale Situation spielten eine Rolle, aber auch das fehlende Wissen um Ernährung, Bequemlichkeit - im Supermarkt gebe es fast alles fertig verpackt - und ein immer enger werdender Zeitkorridor. „Wenn beide Elternteile berufstätig sind, bleibt oft nicht mehr viel Zeit für das gemeinsame Vorbereiten und Kochen”, nennt der stellvertretende Arbeitsgruppenleiter im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst der Städteregion Aachen einen weiteren Aspekt.

Hier kann das Stolberger Familienzentrum ein wenig entgegenwirken. Die gesunden Leckereien aus dem Gemüsebeet verarbeiten die Kinder selbst - unter Aufsicht und ihren Fähigkeiten entsprechend. Da wird geschnibbelt, was das Zeug hält, denn „eine direkte Verarbeitung ist auch etwas, das Lernen ausmacht”, erklärt Heilpädagogin Inka Wilms.
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