Integration klappt auf dem Fahrradsattel

Von: Sarah-Lena Gombert
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Jürgen Steffens, Verkehrsberater bei der Polizei, erklärt den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Zweifall, auf welche Verkehrsschilder sie zu achten haben. Foto: S.-L. Gombert
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Dann schwingen sich die jungen Männer aufs Fahrrad, um ihre Prüfung abzulegen. Foto: S.-L. Gombert

Stolberg-Zweifall. Ein bisschen scheinen sich die knapp 20 Jugendlichen zu genieren: Einen Fahrradhelm anziehen, und auch noch eine leuchtend gelbe Warnweste? Doch Jürgen Steffens und Dana Krumbeck von der Polizei sind hartnäckig: Bevor nicht alle Teilnehmer anständig ausgerüstet sind, fangen sie mit der Fahrradprüfung gar nicht erst an.

„Seit November haben wir mit den Jungen Theorieunterricht gemacht. Letzte Woche sind wir noch mal alles durchgegangen, die sind fit ich hoffe, dass alle die Prüfung bestehen“, sagt Najmadin Ahmad, der beim Zentrum für Soziale Arbeit tätig ist und sich dort unter anderem um die Verkehrserziehung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen kümmert.

Warum es so wichtig ist, dass die jungen Männer im Alter von 15 bis 18 sich sicher mit dem Fahrrad im Straßenverkehr bewegen, erklärt Guido Lusetic, Fachbereichskoordinator beim Zentrum für soziale Arbeit: „Wir haben immer wieder beobachtet, dass es zu brenzligen Situationen im Straßenverkehr kommt“, sagt Lusetic.

Nach ein paar Minuten sind die Prüflinge mit Helm und Warnweste ausgestattet, bereit zur praktischen Fahrradprüfung. Doch bevor sich auch nur einer auf den Sattel schwingen darf, geht es für die Truppe zu Fuß durch Zweifall: Jürgen Steffens und Dana Krumbeck laufen mit den jungen Männern die Strecke ab, erklären an allen Kreuzungen und Gefahrenstellen, worauf zu achten ist.

„Normalerweise sind wir mit der Fahrradausbildung an den Grundschulen unterwegs“, erklärt Jürgen Steffens. Doch auch bei solchen Verkehrserziehungsprojekten würden er und seine Kollegen gerne helfen, beispielsweise Arbeitsmaterial für die Theoriestunden zur Verfügung stellen, selbst beim Unterrichten helfen und eben auch die praktische Prüfung durchführen. Steffens: „Uns als Polizei geht es dabei vor allem um die Präventionsarbeit. Wir können durch eine solche Ausbildung viel dazu beitragen, Unfälle auf den Straßen zu verhindern.“

Vieles aus der deutschen Straßenverkehrsordnung sei den jungen Männern unbekannt: sei es die Vorfahrtsregel „rechts vor links“ oder die richtige Nutzung von gemeinsamen Geh- und Radwegen. Auch, wie ein Fahrrad aussehen muss, damit es verkehrssicher ist, lernen die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge bei den Verkehrsberatern. „Und auch wenn es in Deutschland für Radfahrer keine Helmpflicht gibt, erklären wir den Teilnehmern unserer Kurse, wie wichtig das Tragen eines Fahrradhelms ist“, betont Steffens.

Für die Jugendlichen, von denen in Zweifall bis zu 25 untergebracht sind, sei das Fahrrad ein wichtiges Fortbewegungsmittel, um beispielsweise in die Stadt zu kommen. „Gerade nachmittags und in den Abendstunden ist die Busanbindung nicht so gut, und da nehmen die Jungs eben gerne das Fahrrad“, erklärt Lusetic. Dazu müsse man eben wissen, was ein Fahrradweg ist, und wie man sich auf der Fahrbahn einzuordnen hat, wenn man zum Beispiel links abbiegen will. „Ein Punkt ist auch der respektvolle Umgang mit anderen Verkehrsteilnehmern, ob nun Fahrradfahrer, Autofahrer oder Fußgänger“, sagt Lusetic. Da funktioniere die Integration auch über die Verkehrserziehung.

Die jungen Männer, die an diesem Morgen ihre Fahrradprüfung ablegen wollen, kommen aus Syrien, Afghanistan, Palästina, Eritrea, von der Elfenbeinküste und aus dem Libanon. Die Theoriestunden seien munter gewesen, wenn sprachlich auch nicht immer ganz einfach, wie Najmadin Ahmat weiß: „Wir haben uns auf Deutsch unterhalten und mit Hilfe von Übersetzern.“ Und, wie er es nennt, auf „Menschensprache“: Mimik, Gestik und die Intonation würden international verstanden, ist er sich sicher. Außerdem werde auch im Theorieunterricht viel mit Bildern und Filmen gearbeitet, die für alle leicht verständlich seien – egal, welche Sprache sie sprechen. „Das ist deshalb besonders wichtig, weil viele von den Jungs noch gar kein Deutsch können, wenn sie bei uns aufschlagen“, sagt Guido Lusetic.

Nach dem gemeinsamen Spaziergang durch Zweifall geht es dann endlich los, die ersten Jugendlichen schwingen sich auf ihre Räder und fahren gut gelaunt, aber vorsichtig, die Apfelhofstraße in Richtung Dorfmitte entlang. „Vieles von dem, was wir in dem Kurs gelernt haben, wusste ich zwar schon“, sagt der 16-jährige Abdel Nabot aus Syrien, „doch einen Fahrradhelm habe ich bisher noch nicht angezogen. Darauf achte ich jetzt.“

Für seinen 15-jährigen Freund Montaser Alashkar, ebenfalls Syrer, bedeutet das Fahrrad ein wichtiges Stück Selbstständigkeit. „Ich habe ein eigenes Rad und darüber bin ich sehr froh“, erklärt er. Mit dem Rad könne er viel schneller seine Schule erreichen oder in die Stadt kommen.

Vier Runden durch Zweifall müssen die Prüflinge an diesem Morgen drehen. Sie müssen korrekt links abbiegen können, die Vorfahrtsregel kennen und vor allem auf sich selbst und andere achten. „Wenn sie die Prüfung schaffen, bekommen die Jungs am Ende eine Urkunde“, erklärt Jürgen Steffens. Und auch wenn der Fahrradhelm und die Warnweste für den ein oder anderen ein bisschen uncool sein mögen: Auf ihre Urkunde sind am Ende alle stolz.

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